Jahr um Jahr bin ich es Leid
Menschen feiern die Weihnachtszeit
In diesen nass kalten Tagen
Vermag ich, oft nur zu klagen
Die Nase läuft, der Atem rasselt schief
Meine Laune, sie hängt so tief
Die Glut erloschen, das Blut erfroren
Mein Lebensmut geht verloren
Tags verabschiedet sich, mag nicht bleiben
Und wird die Lebensfreud mit sich treiben
Und ist Leids Werk vollbracht
Geselt sich düstrer Tag zu finstrer Nacht
Und ob Leidenschaft oder Streben
Des Elfen einst heiles Leben
Begraben durch schwarzen Teer
Mein Herz es wiegt so schwer“
Erwartungsvoll schaue ich von meinem Zettel auf und meiner Mutter, die still lauschend neben mir sitzt, fragend in die Augen. Sie erwidert diesen Blickkontakt eher skeptisch: „Weißt du Schatz, Weihnachten ist ein Fest der Nächstenliebe und Gefühle, die Zeit des Jahres in der Konflikte beigelegt werden und Familien, wie Freunde zusammen finden."
Ernüchtert erhebe ich mich vom Bett: „Ein Fest der Familie also", doch sie fällt mir direkt und sehr eindringlich ins Wort: „Marie so kannst und wirst du dein Gedichtchen heute Abend nicht vortragen." Meine Enttäuschung weicht tiefem Frust und dieser entwickelte sich zu einer unbändigen Wut: „Ach, du kannst mich mal, erst verlässt mich der alte Mann und jetzt faselst du etwas von Nächstenliebe und Familie?!" mit diesen Worten packe ich meine alte kaminrote Winterjacke, stürme, ohne meine Mutter eines weiteren Blickes zu würdigen, aus dem Haus, und versetze der Tür dabei einen so kräftigen Tritt, dass die Fenster bedenklich erzittern.
Ich stapfe entlang der Stadtmauer durch den knöcheltiefen Schnee, vorbei an festlich geschmückten Hütten und lieblich glitzernden Nadelbäumen.
Jeden Weihnachtsabend wenn der alte Mann die Welt bereist, um Menschenkinder zu beschenken, ob sie artig waren oder nicht, feiern die Elfen ihr eigenes Fest. Kekse, Zweisamkeit und jede Menge Alkohol, würden auch dieses Jahr einen bunten Abend gestalten. Und wer sich nach dem ein oder anderen Glas berufen fühlt, zur Belustigung der anderen, die Bühne zu betreten, ist herzlich eingeladen. Eigentlich hatte ich nicht vor mich jemals darauf einzulassen, doch nun schon seit längerem verspüre ich den Drang, die ganzen Missstände bei uns im hohen Norden anzusprechen und den Leuten hoffentlich die Augen zu öffnen. Davon würde mich auch meine Mutter nicht abhalten können. Mein Weg zieht mich weiter durch verlassene Alleen, karge Bäume zieren hier den Wegesrand. In den sonst so belebten Gassen bin ich derzeit wohl die Einzige die ihres Weges sucht. Die meisten Leute befinden sich vermutlich noch bei der Arbeit. Seit einigen Jahren erhält die Geschenkfabrik immer mehr Aufträge, besitzt aber kaum die nötige Kapazität, ihnen nachzukommen. Die verheerenden Folgen sind schlechte Bedingungen und Überstunden für Jedermann. Und nicht nur die Industrie hat sich verändert. Als mein Blick über den verlassenen Marktplatz schweift und neben dem sandsteinfarbenen Glockenturm zum erliegen kommt, wird mir auch das wieder bewusst. Der Hohe Eisweg, den einst, so heißt es zumindestens, Väterchen Frost erschuf, musste zugunsten des Fortschritts weichen, die Rentier- und Pinguinschlitten ebenso. Nun schlägt ein schwarzer Teppich aus Asphalt eine Schneise durch unser idyllisches Städtchen. Bei diesem Gedanken wird mir direkt übel, ich wende mich hastig ab und wische mir energisch eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. Verdammt, ich muss hier so schnell wir möglich raus. Doch anstatt den Bus zu nehmen, entscheide ich mich ganz bewusst für einen Spaziergang in der tiefstehenden Sonne. So drehe ich der Straße den Rücken zu und stapfe davon. Nach einigen Schritten weitet sich das Feld, die Bäume werden zahlreicher und kleine Sträucher kämpfen sich ihren Weg durch Schnee und Eis, während etwas kraftlose Sonnenstrahlen meine Haut erwärmen. Und mich zieht es weiter, so dämmert es bereits, als ich mich am Rande eines kleinen Waldstückes wiederfinde. In diesem Moment steht der scharlachrote Himmel, mit dem Winterwunderland auf Erden im Einklang. Fantastische Farben spielen und verschmelzen, während ganze Welten an diesem märchenhaften Ort aufeinander treffen.
Doch so wunderbar dieser Moment meine Seele verführt, so ist er auch viel zu schnell vergangen. Die liebliche Wonne tritt ab und lässt einen eisernen Wolkenhang zurück. Das letzte Licht vergeht und mit ihm auch die letzte Wärme. Mit einem Schlag wird alles rabenschwarz. Vorsichtig wage ich mich Schritt um Schritt in den düsteren Wald. Es scharrt und raschelt um mich herum, ruheloses Geheul dringt durch Mark und Bein, doch erblicken lässt sich im finsteren Dickicht nicht einmal die eigene Hand. Abgelenkt stolpere ich über Stock und Stein und fluche haltlos vor mich hin. Erstmals bereue ich meine eilige Flucht, der eisige Wind zieht mir unangenehm um die spitzen Ohren und die Kälte kriecht langsam, aber immer schneller, unaufhaltsam, durch meine Kleidung. Fröstelnd ziehe ich meinen Kragen höher.
Zu dieser Jahreszeit macht mir die zunehmende Dunkelheit stets zu schaffen, ich fühle mich häufig abgeschlagen, versinke tief in meinen Problemen und verliere in der zunehmend die Orientierung, während finstere Gedanken mich Tag und Nacht plagen. Ich habe schlicht Angst, wie ein kleines, dummes Kind. Eine eher schlechte Angewohnheit, wenn man so weit nördlich lebt und die Tage, darüber hinaus, zurzeit immer kürzer werden. Doch konnte ich mich jedes Mal mit eisernem Willen, aus jenen finsteren Ketten befreien. Drum fasse ich mir ein Herz und setzte mich erneut in Bewegung. Ich wandere der Erinnerung nach, langsamen Schrittes, ab des Weges. Dabei schleiche ich an gestapeltem Totholz vorbei und taste mich behutsam über einen zugefrorenen See, immer wieder knackt und kracht es bedenklich unter meinen Füßen. Als dann die schwach beleuchtete Silhouette eines Gebäude zu vernehmen ist, atme ich endlich aus, ich hatte überhaupt nicht gemerkt, meinen Atmen angehalten zu haben. Hinter dem zugefrorenen See und im Dickicht der Tannen, erscheint ein alter Holzschuppen. Ich stemme mich, mit aller Kraft, gegen dessen massives Tor und drücke es einen Spalt weit auf. Schnell schlüpfe in die warme Stube und ziehe das hölzerne Tor direkt hinter mir, wieder zu, um den eisigen Wind auszusperren. Meine Augen gewöhnen sich schnell an das schummrige Licht des Stalls und auch die Luft, obwohl abgestanden, erfüllt mich heimelig. Ich laufe einem schwach glühenden Lichtchen entgegen und setze mich dort im Stroh nieder. Neben mir hebt ein kleines Fellknäul aufgeregt den Kopf und schmiegt ihn wohlig brummend gegen meine Hand.
„Na Kleiner, hat man dich hier auch alleine gelassen?"
Meine Hand gleitet über sein warmes kuscheliges Fell: „Allein gelassen an einem Tag wie diesem, das kenne ich irgendwie. Mein Vater ist grundsätzlich nicht anwesend und anstatt mit meiner Mutter, könnte ich genauso gut mit einer Wand diskutieren, die würde mir zumindestens zuhören. Meine Freunde schießen sich für gewöhnlich auf irgendwelchen Partys ab und knutschen mit dem erstbesten Partner rum, also in diesem Moment wohl auf dem bunten Abend. Ich bin da etwas anders, ich schätze meine Ruhe und meide die Masse. Und auch mein Herz habe ich noch nicht verschenkt, weder am Festabend, noch zu anderem Anlass. Aber um ehrlich zu sein, hätte ich das wirklich gerne getan, doch ich wurde einfach nie gefragt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen widerstreben mir die gesellschaftlichen Konventionen grundsätzlich. Freunde, wie Familie hingegen, möchte ich keinesfalls missen."
„Aber warum erzähle ich dir das eigentlich?"
Ich nehme das kleine Rentier auf den Arm und streiche ihm behutsam über den Kopf. Als ich dort zwei Hörnchen ertaste muss ich lächeln:
„Die hattest du bei meinem letzten Besuch noch nicht, du wirst eben auch erwachsen." Nachdenklich Blicke ich dem Fellknäul in die braunen Knopfaugen. Erwachsen werden also?... leicht gesagt und doch bedeutet es so verdammt viel. Aber das ist wohl der Lauf der Dinge...
Etwas ratlos schaue ich dem Rentier weiter zu, wie es seelenruhig an meinen Fingern nukelt. Dabei wird mir eines überraschend schnell klar, ich musste umgehend heim, zu meiner Familie. Mit einem Kuss auf seine glühend Rote Nase verabschiede ich mich und stapfe, durch das Stroh, zur Tür:
„Rudolf du warst, wie immer ein wunderbarer Zuhörer."
Ich schau ein letztes Mal zurück, lächle ihn an und trete, ohne weitere Umwege, nach draußen.
Noch immer war es eisig kalt, aber die dicken Wolkenberge hatten sich verzogen. Die Sterne funkeln zauberhaft und der Mond, der nun über den Baumwipfeln steht, scheint majestätisch auf mich herab, während mystische Nordgeister in farbenfroher Manier den Weg erleuchten und die Glocken aus der Ferne zum wiederholten Male schlagen. Die Botschaft verstanden, mache ich mich, diesmal mit dem Bus, zügig auf den Heimweg.
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Licht an!
Short StoryEine wunderschöne, kitschige Weihnachtsgeschichte über Freunde, Familie, den Sinn im Leben und das Erwachsenwerden
