„Camille, jetzt zieh dir endlich das Ding vom Kopf.", schimpfte ihre Mutter erneut. Ines dreizehnjährige Schwester überhörte den Ton ihrer Mutter und packte sich die Soße auf die Kartoffeln. Auch dem starrenden Blick ihrer Mutter wich sie gekonnt aus.
„Wie ist die Uni bisher denn so?", fragte ihr Vater an Ines, Camilles neunzehnjährige Schwester, gerichtet.
Ines schluckte den Spargel hinunter. „Ach, naja. Gut." Nachdenklich pickte sie kleine Kartoffelstücke auf ihre Gabel.
„Gut? Als ich damals auf die Uni ging, war ich erstmal mit allem überfordert, die ganzen Fächer, neuer Lernstoff. Und sehr gute Freunde habe ich dort gefunden. Damit ließ sich alles leichter überstehen. Es war eine großartige Zeit." Er machte eine bedeutende Pause und lächelte. „Die Uni läuft also nur gut?"
Verdutzt sah sie ihren Vater an, dann glitt ihr Blick wieder auf ihren Teller.
„Klar, großartig. Das wird es bestimmt noch. Bisher ist es einfach nur ein wenig chaotisch, aber ich finde mich langsam in das Studentenleben ein.", gab Ines die Worte wieder, die ihr Vater von ihr hören wollte. Sie hatte keine Lust groß und breit zu erzählen, warum sie sich noch längst nicht eingelebt hatte. In ihrer eigenen neuen Wohnung fühlte sie sich langsam wohl. Aber noch nicht in der Uni.
„Wie gefallen dir denn die Fächer?", hakte ihr Vater nach. In seinem Blick spiegelte sich die Freude wider, die er in Ines Gesicht zu finden versuchte. Sie wollte ihn nicht enttäuschen und schenkte ihm ein überzeugendes Lächeln.
„Gut. Nein, wirklich. Zellbiologie gefällt mir bisher am besten."
Was ja auch die Wahrheit ist, dachte sie sich. „In die anderen Fächer muss ich mich noch ein wenig einfinden, aber das geht bestimmt schnell.", sagte sie und ihr Vater schnitt zufrieden weitere Spargel in kleine Stücke. Mit seinem Jurastudium konnte und wollte Ines einfach nicht mithalten. Ihr und Camilles Vater war sehr verständnisvoll, wenn es darum ging, Fehler zu machen. Trotzdem konnte sein Ehrgeiz für andere erdrückend sein. Hätte Ines ihm erzählt, wie gelangweilt sie bisher von der Uni gewesen war, dann hätten stundenlange psychologische Gespräche mit ihm gefolgt. Er hätte solange nachgehakt, bis er die Ursache ihrer Langeweile gefunden hätte. Und dann wäre eine Rede gefolgt, in der er erklärte, wie sie diesen Fehler am besten beheben konnte.
Das alles klang im ersten Moment gut, ein Vater der seine Kinder unterstützte. Aber wenn man dies schon seine ganzes Leben lang zu hören bekam, ohne die Möglichkeit, selbstständig an seinen Problemen zu arbeiten und mal alleine nachzudenken, dann war es einfach nur belastend.
„Könnte ich bitte den Saft haben.", bat Camille ihre Mutter, die gegenüber von ihr saß. Camilles erwartende Hand über dem Tisch blieb leer. Ihre Mutter starrte bloß weiterhin auf Camilles graue Mütze. Camille verdrehte die Augen. „Dann hol ich ihn mir halt selbst." Mit einem hässlichen Quietschen schob sie den Stuhl nach hinten und stand auf. Da klingelte es an der Tür.
„Ich gehe schon." Weg war sie.
„Dieses Kind." Ihre Mutter schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf. „Keine Manieren hat sie. Dabei haben wir sie und Ines doch genau gleich erzogen."
„Den sturen Kopf hat sie von dir." Ihr Vater zwinkerte ihrer Mutter lächelnd zu und erntete große Augen.
„Andreas!" Sie gab ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm und ihre Augen huschten für den Bruchteil einer Sekunde zu Ines. Genauso kurz huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Ihre Mutter war unter der strengen Maske eigentlich sehr entspannt. Bloß wenn es um die Einhaltung der Hausregeln ging, wollte sie den Kindern ein konsequentes Vorbild sein.
ESTÁS LEYENDO
Der Ruf des Phönix - Die Flammen erwachen
FantasíaPlötzlich geschehen in Ines (19 J.) und Camille (13 J.) Dubois Leben merkwürdige Dinge. Ohnmachtsanfälle, merkwürdige Träume oder Auseinandersetzungen mit Freunden. Kurz darauf taucht eine fremde Frau vor Ines Tür auf, die Ines irgendwo schon einmal...
