Kapitel 1

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Wir schreiben den 19. Januar 1987. Es ist kalt. Der Winter ist erbarmungslos und bahnt sich seinen Weg durchs Land. Der Mond steht weit oben im klaren, sternlosen Himmel. Die Dunkelheit lässt ihn heller strahlen. Leichte Streifen schweben durch das Fenster eines Wolfes. 

Nicht nur irgendein Wolf. Er hat schon viel erlebt. Mittlerweile ist er 128. Werwölfe, als magische Kreaturen, können bis zu 350 Jahre alt werden. 

Viele würden meinen er sei nicht alt, doch in Anbetracht dessen, dass seine Mate immer noch nicht an seiner Seit schläft, scheint es so.

Viele finden ihre Mate mit der Vollendung des 18 Lebensjahres. Er konnte sich noch erinnern,wie aufgeregt er war sie zu sehen, zu riechen, zu fühlen. Doch erst vergingen Wochen, Monate und letztendlich Jahre. Er ist kalt geworden, würde man meinen. Doch im Inneren ist er tief traurig. Alles schreit nach ihr. Sein Herz, sein Verstand. Die Hoffnung auf diese schicksalhafte Begegnung währt noch, aber nicht mehr so stark, wie damals. 

Es war eine schlaflose Nacht. Der Mond, die Einsamkeit, das Verlangen, alles hielt ihn wach. 

Die Sonne wird in wenigen Stunden aufgehen. Er muss Ruhe finden. Der Tag wird anstrengend.

Er geht demnächst eine Schule besuchen. Eine Berufsschule. Das ist ihm lieber. Er kann Kinder nicht sehen. Er kann sie nicht ertragen, weil er weiß, keines von ihnen ist seins. 

Er ist nur da, um sich den diesjährigen Abschlussjahrgang zu widmen. Vielleicht sind einige gute Rekruten dabei.

Es ist eigentlich nicht seine Art. Sein Beta ist für solche Angelegenheiten verantwortlich, aber irgendwie muss man die Bindung zum Rudel stärken. So wird es nicht von Nutzen sein, wenn er sich im Schatten hält.





Die Nacht verging. Licht der Sonne erhellt die Dunkelheit. Vögel fliegen über Felder. Nebel steigt empor. Es ist ein schöner Morgen. 

Doch wie immer schleift die Zeit an ihm vorbei. Diese Einsamkeit quält ihn. 

Zusammen mit seinen Beta und eine Hand voll anderer Rudelmitglieder macht er sich auf den Weg. Die Schule ist groß. Sehr viele Räume, sehr viele Menschen. 

Es ist laut. Er hasst es, wenn es laut ist. So kann er sich nicht konzentrieren. 

Die Leiter der Schule heißen ihn mit Respekt willkommen. Diesen hat er sich hart erarbeitet. Kein Rudel würde einen Alpha vertrauen, welcher nicht einmal eine Mate hat. Doch dieses tut es. 

Er saß zusammen mit seinen Mitgliedern im Zimmer der Lehrer. Ein Raum, welcher ein Schüler gerne meidet. Sie reden über den Abschlussjahrgang: Die Klassenbesten. 

Sowas kann er nicht leiden. Den Grad der Intelligenz und des Könnens an Noten zu messen. Es ist simpel. Lehrer schmeißen den Schülern Stoff wie Löwen zum Fraß vor. Die einzige Aufgabe der Schüler ist es, dass zu sagen, was die Lehrer hören wollen: Wie lecker es war.

Doch plötzlich verstummt alles. Er hört sein Blut rauschen. Er hört jeden einzelnen Schritt außerhalb der Tür. Er hört eine Stimme. Ein leises Schluchzen und das Schlagen eines Herzens. Dieser Geruch. Der unwiederstehlbare Geruch. Dieses Gefühl. Das Gefühl auf dass er sein Leben lang gewartet hat, durchströmt ihn. 

Ruckartig steht er auf, schmeißt in seiner Bewegung den Stuhl zu Boden und läuft durch die Flure. 

Wo nur? Wo?

Woher kommt dieser unwiederstehbare Geruch, welcher ihn so anzieht. Er folgt seinem Instinkt. 

Letztendlich verbleibt er vor der Tür einer Mädchentoilette. Und wieder dieses Schluchzen, was sein Herz zum beben bringt. Er zögert nicht lange. Schwungvoll öffnet er die Tür. Hinter dieser, eine zierliche junge Frau. Zusammengekauert, weinend in einer Ecke liegend. 

Sie hat ihn noch nicht bemerkt. 

Sie ist es! All die Jahre der Einsamkeit, der Trauer sind vorbei. Dort ist sie.

Er packt sie und schließt sie in seine Arme, merkt dabei gar nicht, wie grob er war. 

"Was soll das? Lassen sie mich los, bitte...", spricht sie mit zarter Stimme. Was ist los? Sie klingt so gebrochen, so verletzt.



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⏰ Last updated: Jul 10, 2022 ⏰

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The lonely oneWhere stories live. Discover now