Ich schlenderte wie jeden Mittag über die Pont des Invalides. Es war ein besonders warmer Tag in Paris und jeder wollte das Wetter und die Sonne genießen. Ich hatte schon überlegt, ob ich den Frack und den Zylinder bei der Hitze vielleicht Zuhause lassen sollte, doch ich war nicht Zuhause. Ich hatte ein Konzert in der Konzerthalle La Seine Musicale gegeben. Dieses Gebäude war auf einer kleinen Insel auf dem Fluss Seine errichtet, von wo man einen schönen Blick sowohl auf die Häuserfronten, als auch auf den Fluss selber hatte. Und da ich nicht einfach meine Sachen dort liegen lassen konnte, musste ich diese wohl oder übel bei stechender Sonne tragen. Das Konzert lief jedoch besser als erwartet. Ich hatte mich im Klang des Flügels und der Ruhe und Aufmerksamkeit der Menschen verloren. Sobald ich mich verlor, war ich eins mit der Musik. Alles läuft dann perfekt und kein Fehler könnte mir unterlaufen. Es ist, als wären meine Sinne aufs äußerste geschärft, wodurch ich den Klang der Musik überdeutlich vermischt mit dem Rauschen meines Blutes und das der anwesenden Gäste höre. Der Saal war ausverkauft und somit hatte ich auch ordentlich dabei verdienen können. Aber wen interessiert schon Geld, wenn man die Frau gefunden hatte, die allen weltlichen Wert in den Schatten stellt? Ich sah nach links. Neben mir ging eine junge Frau mitte zwanzig. Sie Trug überwiegend schwarz, da sie noch um ihren toten Vater trauerte, der kürzlich verstorben war. Ein kleiner Schirm bot ihr Schutz vor der Sonne und als sie meinen Blick bemerkte, erwiderte sie ihn lächelnd und drückte sanft einen Kuss auf meine Wange. "Du hast heute wirklich großartig gespielt Schatz." Meinte sie lächelnd. "Das lag doch nur daran, dass du mit anwesend warst." Ich musste leicht grinsen. Eine Kutsche ratterte an uns vorbei und unterbrach kurz den Anfang eines unserer Gespräche, in denen ich mich wie im Klang des Flügels verlieren konnte. Als die Kutsche sich entfernt hatte hörte ich Julia, wie sie entzückt seufzte und einem hechelnden Hund entgegen sah, welcher auf uns zu kam. Sie ging in die hocke und streichelte lächelnd den Hund, der dies sichtlich genoss. Ich sah auf den Fluss hinaus, der im grellen Sonnenlicht glitzerte. Wir standen jetzt auf der Mitte der Brücke und Menschen aller Art gingen an uns vorbei. Dann bemerkte ich einen Mann, der im Schatten eines Stützpfeilers stand und ebenfalls auf den Fluss hinaus sah. Seine gesamte Kleidung war weiß, einzig der Hut war schwarz. Er schien gelangweilt zu sein. Als ob er das schöne Sommerwetter nicht genießen könnte. Dann drehte der Mann den Kopf und sah in meine Richtung. Die Welt verlor die Farbe und ihren Klang. Nur noch ein leises Rauschen von einem Wind war zu hören, welcher die Schatten aufwirbelte, die in der nun schwarz weißen Welt existierten. Ich sah zu Julia, doch sie schien wie versteinert. Auch alle anderen Menschen und Pferde schienen in ihrer Bewegung inne zu halten, sogar die Vögel in der Luft. "Welch ein Zufall" Grinste der Mann in weiß mit abgenutzter Stimme. "Da denkt man, der Tag heute wird nur noch schlechter und plötzlich, trifft man auf einen Artgenossen." Der Mann grinste und seine Augen leuchteten interessiert in einem grünlichen Licht. "Was zum Teufel passiert hier und was bist du?!" Der Mann schlenderte gelangweilt um die Versteinerten Menschen herum auf mich zu. "Das ist die Welt, die nur unsere Art betreten kann. Du bist einer der Tausend unwissenden, die ihr echtes Selbst noch nicht gefunden haben." Mein echtes selbst? Der Mann legte den Kopf schief. “Du bist doch Musiker. Du magst es, Menschen in Begeisterung zu versetzen, da dies etwas in starke Bewegung versetzt, was du insgeheim begehrst und brauchst.” Der Mann näherte sich einem Jungen Mädchen und strich ihr sanft über den Hals.
Ich starrte den Mann an. War ich jetzt verrückt geworden? War dieser Mann nicht ein Hirngespinst? Hatte ich einen Hitzeschlag bekommen? Ich sah zu Julia hinüber, die mit einem leisen lächeln den Hund streichelnd erstarrt war. Dies versetzte mir einen Stich, der mir klar machte, dass ich nur eine Sache begehrte. Der Mann ließ von dem Hals des Mädchens ab und schaute wütend zu Julia. "Dieses Miststück? Diese Schlampe, die meinen ganzen Plan gefärdet? Schon ihren verdammten Vater hatte ich gehasst! Er hatte immer meine Pläne durchkreuzt. Hatte immer alles zerstört, was ich versuchte aufzubauen! Es war ein Genuss ihn in zu vernichten." Er leckte sich die trockenen Lippen.
Ich starrte ihn an. Er hatte Julias Vater umgebracht. Er war derjenige der Julia so viel Leid und Trauer beschert hatte. Mein Sichtfeld wurde an den Seiten unscharf, allein den Mann in weiß hatte ich klar im Blick.
“Was wir begehren, ist das Blut der Menschen.” Flüsterte der Mann und ging auf Julia zu. "Und ganz besonders das Blut der Menschen, die wir lieben oder hassen!" Beim laufen wurden seine Augen zu grün leuchtenden Punkten. Er drehte sich nochmal um, lächelte und ich konnte seine Eckzähne sehen, die sich zu spitzen Reißzähnen Verwandelt hatten. "Wir sind Vampire! Und ich werde nun die einzigste Person vernichten, die dem Orden der Schatten noch gefährlich werden kann!" Er drehte sich um und sein Umhang wirbelte die lauernden Schatten auf, die diese erstarrte Welt lebendig hielten. In meinem Kopf hallte nur noch das Wort ‘Vampir' nach. Wie in Zeitlupe sah ich den Fremden auf Julia zu gehen und Plötzlich wachte ich aus einer Starre auf, die mich die ganze Zeit über festgehalten hatte. Ich schaute an mir herunter und sah, dass mich dünne, schwarze Schattenstränge umschlossen hielten und sowohl meinen Körper, als auch meinen Verstand lähmten. Julia! Ich kämpfte gegen meine Fesseln an. Sie war in Lebensgefahr und ich war gefangen und Hilflos. Der Mann blieb vor Julia stehen. "Sie ist wirklich eine Schönheit! Zu schade, dass ich sie töten muss." Ich kämpfte stärker gegen die Schatten an, doch ich war machtlos. Und dann hörte ich es. Das Rauschen meines Blutes. Ich wurde ruhig und konzentrierte mich ganz auf dieses Geräusch, welches aufgewirbelt wie die Schatten durch meine Adern schoss. Ich sah Julias Gesicht vor mir und hörte ein Klavier in weiter Ferne. Ich verlor mich in diesem Duett aus Wut und Liebe. Die Schatten, die Mich hielten, wurden nun eins mit mir und ich flog auf den Vampir zu, während meine Eckzähne sich zu tötlichen Reißzähnen verwandelten und sich in die Kehle des Fremden bohrten. Das Gesicht meines Feindes war verzerrt und in rotes Licht getaucht, während ich gierig sein Blut trank und das Rauschen meines Blutes sich mit seinem vermischte. Das war besser als jede Speise! Besser als jedes Stück was ich je gespielt oder komponiert hatte! Das, war perfektion in seiner reinsten Form!
Als ich seinen leeren Körper von mir stieß, ebbte der Rausch schnell ab, der mich so plötzlich ergriffen hatte. Das rot, welches vorher nur das Gesicht des Mannes beschienen hatte, sickerte nun in flüssiger Form an seinem Hals hinab und verwandelte seine weiße Kleidung in eine Rote, immer größer werdende Fläche. Ich stand da und eckelte mich vor mir selbst. Ich sah in ein Fenster einer Kutsche. Rot leuchtende Augen blickten mir entgegen. Mein Mund war blut verschmiert. War das wirklich noch ich? Sollte dieses Monster mein echtes Selbst sein?! Ich zog ein Taschentuch aus meinem Ärmel und wischte mir grob das Blut von meinem Gesicht. Es war so süß gewesen... So nahrhaft! Mein Körper verlangte danach, doch meine Seele wand sich vor eckel. Julia saß noch immer versteinert da und lächelte sanft, als ob nichts passiert wäre. Auch die anderen Leute und alles um mich herum war immernoch in Schwarz und Weiß getaucht und nichts bewegte sich, außer die Schatten. War ich in einer Art Zeitspaltung? Ich wusste es nicht. Ich lehnte mich an das Geländer und sah Julia eine gefühlte Ewigkeit an. Niemand würde ihr jemals weh tuhen, dafür würde ich sorgen! Ich sah in ihre Augen, doch sie waren grau und Farblos. Aber dann, wechselten sie zu dem dunklen braun, welches mich immer in seinen bann schlug. Langsam floss wieder Leben in sie und plötzlich war alles wie zuvor. Die Kutschen ratterten vorbei, die Leute drängelten sich auf den schmalen Bürgersteigen und die Vögel zogen ihre Bahnen. Der Schwall an Geräuschen, der mich überflutete kam unerwartet und heftig. Julia strich dem Hund über das Fell und sah dann zu mir auf. Ihr Lächeln verblasste. Sie stand auf und ging an meine Seite. "Geht es dir gut? Du siehst.. Ziemlich erschöpft aus." "Ja, alles gut. Ich hatte.. Nur kurz was erledigen müssen." Sagte ich stockend und versuchte mich an einem Lächeln, welches mir aber misslang. Julia sah mich besorgt an. "Lass uns weiter gehen, es war ein anstrengender Tag. Im Hotel werde ich uns ein ordentliches Abendessen kommen lassen und danach wird es dir bestimmt viel besser gehen." Wir gingen weiter und als ich in ein spiegelndes Fenster einer Kutsche schaute, sah ich keine roten Augen und kein rotes Blut, sondern nur mich. Mich selbst!
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Schattenwelt
VampireMan sagt, aller guten Dinge wären drei. In meinem Fall war das meine Frau, die Musik und... Blut. Doch die Vergangenheit holt mich ein und öffnet mir die Augen für eine neue Welt, für meine Welt. Worte des Autors: Vampire haben mich schon immer fas...
