Diamond Bird Teaser Teil 1

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1956

Irgendeine Stadt im Nordosten der USA


1

„Ich habe auf Ihren Rat gehört, Mr. Bird. Diesen Steueranwälten ist wirklich alles zuzutrauen. Ich bin so dankbar, natürlich auch mir selbst, dass ich Sie engagiert habe ..."

„Nennen Sie mich Spencer. Nehmen Sie sich noch einen Scotch."

„Wie sind Sie nur an diese Unterlagen herangekommen? Das war doch hoffentlich kein Einbruch, oder?"

„In meinem Alter genießt man einen unschätzbaren Vorteil. Man wird permanent unterschätzt, zumindest von den Menschen, die einen nicht kennen. Wenn man in einem bestimmten Aufzug irgendwo auftritt oder so tut, als habe man sich verlaufen, erscheint man glaubwürdiger als ein junger Gentleman mit abgewetzter Lederjacke, der behauptet, er sei Gemeindepfarrer."

Ernest Dorfman nickte mit einemempathischen Grinsen. Spencer konnte sich nur schwer erinnern, wann er zuletzt so einen zufriedenen Klienten gehabt hatte. Die Meisten fühlen sich, selbst wenn die Nachforschungen erfolgreich waren, von dem Mann angeekelt, der ihnen die gewünschten Informationen beschafft hat. Man hasst den Boten, aber den Beschaffer verachtet man. Dorfman lehnte sich im Stuhl gegenüber von Spencers Schreibtisch zurück und ließ den Blick durch das Büro streifen: Eine Pinnwand mit vergilbten Zeitungsartikeln zu gewissen Gesetzesänderungen, überholte Notizen zu Personen, die niemand mehr kannte. Aktenschränke, einige Bücher über die Stadt und die Umgebung. Ein Plakat für eine sieben Jahre zurückliegende Aufführung von „Porgy und Bess".

Spencers Mantel, schlaff und stur an einem Haken hängend.

„Sagen Sie mal Mr. Bird, war dies früher nicht die Detektei 'Mills, Rubinstein, Gordon und Bird'?"

Spencer nickte: „Manchmal bedeutet Zeit einfach nur Subtraktion, Mr. Dorfman."

„Nennen Sie mich Ernest. Wenn Sie Spencer sind, bin ich Ernest. Prost! Und nur Sie sind noch übrig geblieben? Und der Rest der Büros?"

„Links ist ein Buchhalter und rechts wohnt eine Dame von einem Anwaltsbüro. Nette Frau, würde sie glatt einstellen, aber ich kann mir zwei Mitarbeiter nicht leisten. Und Desmond Schmidt leistet hervorragende Arbeit."

„Sie könnten ihn feuern, weil er ne Schwuchtel ist."

„Sein Privatleben geht mich erst dann etwas an, wenn mich jemand beauftragt, es zu durchleuchten."

Ernest Dorfman zündete sich eine Zigarre an. Der späte Nachmittag wurde spürbar. Die Geräusche der Straße wurden leiser, und man selbst auch. Durch die Lamellen der Jalousie drang das dicklich-gelbe Licht der sinkenden Sonne. Spencer resümierte, dass heute ein wirklich schöner Tag gewesen war. Selten in dieser Stadt. Es gab Orte, von denen sich der Tag bitter enttäuscht für immer verabschiedet hatte. Es griff um sich, dieses Gefühl, wie eine Schnecke kroch der Schleier durchs Land und überzog die urbanen Lebensräume mit Dunkelheit und Regen. Und mit der Dunkelheit kam die Lethargie.

Ein paar Momente lang sagte keiner von beiden etwas. Doch Ernest Dorfman, stellvertretender Leiter des hiesigen Konzerthauses, mochte keine Stille.

„Kann ich Sie mal etwas Persönliches fragen, Spencer?"

„Wir sind nun schon bei unseren Vornamen und hochmotiviert, diese Flasche zu leeren. Ich denke, Unpersönliches können wir kaum noch seriös eruieren."

„Wie lange wollen Sie diesen Job noch machen? Nichts für ungut, aber Sie sind kein junger Mann mehr. Ich sage das mit dem größten Respekt..."

„Ich stelle mir diese Frage beinah täglich. Irgendwann werde ich aufwachen und wissen, dass ich keine Lust mehr habe. Mit 74 bekommt man in der Tat diese irrationalen Wünsche, zum Beispiel nach einem verstummten Telefon. Oder dass sich der Einkauf von selbst erledigt und das Auto mich eigenständig zur Bank fährt."

„Sie haben bislang keine Familie erwähnt ..."

Spencer reagierte nicht und schenkte sich Scotch nach, obwohl sein Glas noch viertelvoll war.

„Es tut mir leid" sagte Ernest leise. „Ich bin ein dummes, plumpes Arschloch."

„Mag sein, aber es ist eine folgerichtige Frage. Ich bin geschieden. Meine Exfrau lebt mit unserem Sohn Joey in Kalifornien."



Diamond Bird - TeaserHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora