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Vincent saß an jenem Tag in der Kneipe seines kleinen Heimatdorfs, es war draußen bedeutend zu kalt für Mitte November und so war es in der Kneipe voll von heißen Schokoladen und Tees. Er hatte sich dort schon früh einen Platz gesucht, dem einzigen Ort in der Einöde hier, an dem man eine einigermaßen gescheite Internetverbindung hatte.

Also saß er mit Laptop und Büchern da und schrieb an einer Arbeit, die er über die Semesterferien fertigstellen wollte. Er tippte konzentriert Buchstabe um Buchstabe, als es plötzlich still wurde. Verwundert hob Vincent den Kopf und seine Augen wurden groß, als er eine junge Frau in seinem Alter sah, die ihm entfernt bekannt vorkam.

 Sie stand mit dem Rücken zu ihm und trug einen Parka und eine Umhängetasche. Sie hatte lila Haare. Er kannte die Frau irgendwie, aber ihr Name fiel ihm nicht ein.

Grübelnd hob er seine Teetasse und nahm einen Schluck. Die Frau drehte sich um und Vincent spuckte seinen Tee fast wieder aus.

Lilac.

Das war der Name, der ihm nicht eingefallen war, obwohl er zu ungewöhnlich, zu anormal war, um ihn nicht ständig in Gedanken zu haben. Lilac war ein Name, der hier nicht oft gesagt wurde, zum einen, weil die Besitzerin dieses ungewöhnlichen Namens abgehauen war, zum anderen, weil alle wussten, wieso sie damals mit siebzehn Jahren von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Lilacs Verschwinden war ein Tabuthema, das niemals angesprochen wurde.

Vincent hatte ein schlechtes Gewissen und senkte den Blick, damit Lilac ihm auf gar keinen Fall mit ihren stechend grauen Augen in seine braunen schauen konnte; das könnte er nicht ertragen. Vincent musste unbedingt etwas tun, oder, so hatte er das Gefühl, er müsse im nächsten Moment aus der Kneipe stürmen.

Wie ein Verrückter tippte er auf der Tastatur seines Laptops herum, auch wenn das so gar nicht unauffällig war, wenn man darüber nachdachte. Vielleicht war das sogar der Grund, wieso Lilac mit geschmeidigen Schritten, die dumpf auf den alten Holzdielen widerhallten, auf Vincent zulief und sich ihm gegenüber auf dem Stuhl niederließ.

Sollte sie jetzt etwas sagen, würde er einfach seinen Tee herunterstürzen, sich dabei vermutlich den Rachen verbrühen und mit seinem treuen Laptop im Arm wegrennen. Aber als Lilac sich schließlich räusperte, hielt Vincent inne und wagte es fast nicht zu atmen.

„Hallo, Vincent." Diese Stimme war unvergesslich, weich und wunderschön und nach all diesen Jahren trotzdem frei von jeglichem Hass.

„Hallo", Vincent seufzte und hob den Blick, „Lilac."

Eine Geschichte über Mut und die Farbe LilaStories to obsess over. Discover now