Prolog:
Melanies Sicht:
Pure Stille, nicht als pure Stille um mir herum, während ich vom Fenster des Autos meines Onkels auf meine Tante Lydia schaue. Die Straßen wirken wie leergefegt, etwas was ich mir bei der normalerweise lebendigen Stadt Eastwood nie hätte vorstellen können. 17 Jahre meines ganzen Lebens habe ich hier verbracht. Ich bin hier geboren worden, hier in den Kindergarten gekommen, in die Schule gegangen, hatte meinen ersten Kuss, bin zwei mal zur Schulsprecherin gewählt worden und bin auf die wildesten Parties gegangen, obwohl ich alles andere als eine aufgedrehte Person bin. Der Gedanke ein neues Kapitel in meinem Leben zu beginnen wirkt .. surreal. Nein, fast schon absurd. Doch, neben all den schönen Erlebnissen hat mir diese Stadt auch die wichtigsten Personen in meinem Leben weggenommen, meine Eltern. „Veränderung ist toll! Veränderung ist sogar notwendig und selbst wenn dir etwas passieren sollte, sind ich und Dad immer für dich da", hatte mir meine Mutter als 4-jähriges Kind erzählt, als ich damals in den Kindergarten kam und ängstlich auf diesen neuen Lebensabschnitt blickte. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass das Wort Veränderung so einen signifikanten Einschnitt in mein Leben bedeuten würde.
Und sie hat gelogen. Meine Mutter hat gelogen als sie sagte, dass sie da wäre, wenn etwas sein sollte. Nur 2 Jahre später, musste ich vor einem Sarg stehend realisieren, dass ich keine Mutter mehr hatte, die für mich da war. Ich erinnere mich noch, wie ich mit 12 Jahren jeden Tag zu Gott betete und hoffte, dass er mich aus diesem lang-anhaltenden Albtraum erwachen lässt, und ich eines morgens aufstehen kann und wie jedes andere Mädchen in die Küche gehe, wo mich meine Eltern erwarten - wir würden zusammen zu Frühstück essen, was uns meine Mutter vorbereitete und danach würden meine Eltern in die Arbeit und ich in die Schule gehen. Eine Szene, die in einem dieser stereotypischen Hollywood Drehbüchern stehen könnte. Doch ich bin jeden Tag vergeblich mit voller Hoffnung in die Küche gegangen, jeden Tag erwartete mich dort mein Vater, der sich nach dem Tod meiner Mutter zu einer lebendigen Leiche entwickelte. Die Lebenslust wurde ihm ausgesaugt & jede Woche wurde er mit demselben Polizeibericht konfrontiert: „Wir tun alles in unserer Macht stehende um den Mörder ihrer Frau ausfindig zu machen, Mr. Dean". Jede einzelne Woche in den letzten 11 Jahren erwartete er hoffnungsvoll eine andere Nachricht, um endlich abschließen zu können, Gewissheit zu haben, doch es war ihm nicht bestimmt diese Gewissheit zu erhalten. Und nun war ich an der Reihe mir die Polizeiberichte anhören zu müssen. „Wir tun alles in unserer Macht stehende, um ihren Vater ausfindig zu machen, Ms. Dean.". Nein, er war nicht gestorben, sondern er war lediglich verschwunden, doch was machte das für einen Unterschied? Für mich machte es zumindest keinen. Nur anders als mein Vater konnte ich diese Art von Sätzen von der Polizei nur einmal ertragen. Nur einmal wollte ich diesen Satz hören. Aber anders als bei meiner Mutter bestand Hoffnung, auch wenn sie nur gering war. Mein Vater ist seit etwa einem Jahr verschwunden, und in diesem Jahr gab es kein einziges Lebenszeichen von ihm, weshalb man vom schlimmsten ausgehen kann und die Polizei dies bereits tut. Doch auch wenn er nicht hier ist, kann ich nicht glauben, dass er tot ist. Man würde sagen, dass ich es nicht wahrhaben will oder dass ich seinen potenziellen Tod nicht realisiere, aber ich bin der festen Überzeugung, dass er eines Tages, wenn ich krank aufstehe mir wieder das Frühstück zu Bett bringt, mich überfürsorglich fragt, ob ich noch was brauche und mir dann einen Kuss auf die Wange gibt, so wie er es immer tat. Allein der Gedanke daran, dass er wirklich nicht mehr da sein sollte, bringt meine Füße zum unkontrollierbaren Zittern, eine Welle von Übelkeit überkommt meinen Körper und ich fühle wie mein Kopf sich erhitzt und alle Adern in meinem Körper versteifen. In so einem Moment könnte ich einfach die Augen schließen, umfallen und hoffen, dass ich die Augen nie wieder aufmachen muss. Deswegen habe ich mich von diesem Gedanken verabschiedet, zumindest solange, bis dieser Gedanke sich als richtig erweist.
Diese Ereignisse haben Eastwood einen bitteren Nachgeschmack gegeben. Denn die traurige Wahrheit ist, dass alle positiven Erlebnisse in Eastwood vom Todesfall meiner Mutter und dem Verschwinden meines Vaters überschattet werden. Eine Stadt, von der ich nie gedacht hatte, sie zu verlassen, ist mir verhasst geworden.
William, mein Onkel, packt die letzten Koffer ins Auto und reicht meiner Tante Lydia die Hand. Er steigt ins Auto ein und ich höre nur noch das Auto brummen. „Bist du bereit?", fragt er mich leicht motiviert. Doch ich schweige einfach nur. Er senkt seinen Blick und ich blicke nur auf meine Tante, die mir ein letztes Mal tief in die Augen schaut. Ihr versteifter Gesichtsausdruck drückt puren Schmerz aus.
Sie hatte es nicht sehr leicht und ich machte es ihr vor allem nicht sehr leicht. Sie übernahm die Mutterrolle nach dem Tod meiner Mutter, sie war der Anker meines Vaters, als er sich selbst nicht mehr an das Leben halten konnte und sie musste für ihre Aufopferung für uns bittere Einbußen machen. Ihre Ehe zerbrach und sie konnte nicht anders als im Rahmen dieses ganzen Druckes in Depressionen zu verfallen, die sie stillschweigend meinem Vater und mir verheimlichte.
Ihr fällt eine Träne aus dem Auge, doch ihr Gesicht ist weiterhin versteift. Das Auto fährt los und ab jetzt würde für mich ein neuer Lebensabschnitt beginnen...
BINABASA MO ANG
Haddonfield
FantasyDas Leben des 17-jährigen Mädchens Melanie verändert sich schlagartig als ihr Vater eines abends spurlos verschwindet. Ohne ihre Mutter, die ihr bereits im Kindesalter verstorben war und nun auch ohne ihren Vater, von dem nach zwei Jahren kein Leben...
