"Stille Nacht, heilige Nacht
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute Hochheilige Paar
Holder Knabe im lockigen Haar
Schlaf in himmlischer Ruh…"
Schlaf. Daran ist nicht zu denken, noch lange nicht. Leise höre ich den Chorgesang über die Lautsprecher, gedämpft durch die angelehnte Türe hinter mir tönen. Mit einem langsamen Ausatmen entweicht der Zigarettenrauch meiner Lunge, bricht sich beim Austreten an den Lippen und steigt dem klaren Nachthimmel entgegen. Einige Sekunden blicke ich etwas müde den wabernden Schwaden nach, dann auf meine silberne Armbanduhr die sich mit seinen Edelstahlgliedern um mein Handgelenk legt. Fünf Minuten vor halb 2, 26.12.
"Zeit für die letzte Runde", murmel ich vor mich hin und schnippse die selbst gedrehte Zigarette in den mit Sand gefüllten Ascheeimer zu meiner Linken.
Nacheinander wandern dann aus einer kleinen Aludose in meiner Jackettasche eine weiße Pille, gefolgt von einem Minzbonbon in meinen Mund. Erstere schlucke ich trocken, das Bonbon wirkt dem Faden Beigeschmack entgegen und neutralisiert etwas den Rauchgeruch den ich beim Sprechen von mir gebe. Kurz noch den Kragen vom weißen Hemd und dem schlichten, schwarzen Jackett in der Spiegelung des von innen zugestellten Fensters zurecht gerückt, dann geht es wieder ins Warme.
Mit der Selbstsicherheit eines Mannes der gerade einen aberwitzigen Wall errichtet hat und sogar noch diejenigen dafür hat blechen lassen vor denen er sich schützen will, betätige ich den Handdesinfektionsmittelspender und verteile die Flüssigkeit auf meinen Händen, bevor ich den warm beleuchteten Gastbereich betrete.
Meine rechte Hand streicht meine kastanienbraunen, gelockten Haare zurück, lausche kurz dem vereinzelten, mal mehr, mal weniger verständlichen Gemurmel, Gelalle und Gelächter das die verbliebenen Gäste von sich geben. Mit einem breiten Lächeln trete ich an den nahegelegensten Tisch.
"Meine Herren, darf man Ihnen denn noch etwas bringen?", frage ich mit fester Stimme in die Runde hinein. Die achtköpfige Herrengesellschaft verstummt kurz und wirft sich fragende Blicke zu, fixiert dann schlussendlich den vermeintlichen Kopf, sowie vermutlich auch Geldbeutel, der Gruppe. Dieser Herr Ende 50 im grauen Anzug mit silbernen Nadelstreifen, der farblich mit seinen Haar harmoniert, versucht autoritär zu wirken während er seinen kleinen schwarzen Lack-Geldbeutel auf den Tisch knallt. Jegliche Seriosität macht er jedoch umgehend mit seinem angestrengt genuschelten "Ämmexbidde…" zunichte. Dennoch nicke ich ihm mit einem freundlichen Lächeln zu und wende mich vorerst dem nächsten Tisch zu.
Die Damen mittleren Alters drehen sich bereits kichernd um als ich näher komme und zu Ihnen an den Tisch trete. Die definitiv gefärbte Blondine zu meiner rechten mustert mich, erneut. Wie ein Puma seine Beute, nur ist die potentielle Beute kein Hase oder Reh, sondern ein 24-jähriger Mann der auch gut ihr Sohn hätte sein können. Ihr Blick bleibt an meiner Körpermitte hängen und aus dem Augenwinkel sehe ich wie sie sich etwas zu lasziv für meinen Geschmack auf ihre Unterlippe beißt.
"Darf man den Damen denn noch etwas Gutes tun, oder schon einmal die Rechnung vorbereiten?", frage ich in die Runde. "Kleiner du darfst mir viel Gutes tun… Thomas", kommt es prompt von rechts und scheinbar hat sie bei ihrem Ganzkörperscan einen Blick auf mein Namensschild auf meiner linken Brust erhaschen können.
Gespielt verlegen lächle ich die Frau an, die mit fortschreitendem Weinkonsum nun schon drei Blusenknöpfe mehr geöffnet hat als beim Betreten des Restaurants. "Marianne!", ertönt es derweil empört vom Rest des angeheiterten Tisches, der kurz darauf in schallendes Gelächter ausbricht. Marianne hebt abwehrend die Hände, und zwinkert mir nocheinmal zu.
"Die Rechnung", beschließt eine Dame mit kecker Kurzhaarfrisur. "Aber davor bitte noch eine Runde Frangelico!" Daraufhin folgt eine Runde zustimmendes Gekichere am Tisch, einige nicken. "Sehr gerne doch", erwidere ich. "Möchten Sie eine Gesamtrechnung, oder zahlen Sie separat?" - "Getrennt bitte."
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Irgendwo anders ist auch ganz nett
Ficção GeralFester Job, keine Geldsorgen, ein Freundeskreis, "mit beiden Beinen im Leben". Aber irgendetwas fehlt. Manches ist zu viel. Sicher ist nur der Wunsch nach Veränderung, irgendwie.
