Sekunden

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Mein Leben ist perfekt! Jedenfalls kann ich mich nicht beklagen, denke ich während ich über den Asphalt fliege. Ich fühlte mich frei, entbunden von allen Pflichten, entbunden von allen negativen Gedanken, nur die Straße, meine Maschiene, die Geschwindigkeit und ich. All der Stress der vergangenen Tage war vergessen, all die Probleme die mich von Tag zu Tag plagten schienen unwichtig. Ich spürte den Fahrtwind an meiner Jacke, nur hier fühlte ich mich wirklich sicher, ein trügerisches Gefühl, das war mir immer bewusst, nur lassen sich Gefühle bekanntermaßen nicht ändern.
Es war eine einzige unaufmerksame Sekunde, eine einzige Sekunde die ich nicht bremsen konnte, eine einzige Sekunde zu spät um gesehen zu werden, eine Sekunde die über mein Leben entschied, denn das Letzte was ich sah bevor es schwarz wurde, war ein Auto.

Ich war gerade auf der Arbeit, als ich jenen verheerenden Anruf bekam.
Ich war morgens aufgestanden, hatte geduscht und gegessen, dann schaute ich kurz bei meiner Tochter ins Zimmer. Sie schlief noch. Es waren Semesterferien und sie wollte ein paar Wochen zu Hause verbringen. Mit ihren jungen 20 Jahren war sie gerade erst ausgezogen.
Der Tag lief wie immer, bis zu diesem Anruf. Es verlief alles wie in Zeitlupe nachdem ich auf meinem Handy den Annehmen- Knopf gedrückt hatte. Es war niemand den ich erwartet hatte, oder jemals hätte hören wollen.
"Hallo, hier ist die Polizei, sind sie Frau Nalepa?" Ich schluckte, nickte und sagte ja, auch wenn ich wusste, dass dies niemand sah. "Wir rufen an wegen ihrer Tochter Nicol" Stille. Sie schien ewig anzudauern und in dem Moment wusste ich das etwas passiert war. Nicol hatte sich nichts eingehandelt, das war nicht ihre Art. "Sie hat Sie als Notfallkontakt angegeben. Wir müssen ihnen leider mitteilen, dass sie einen Motorradunfall hatte." Ich wusste was als nächstes kommt, ich wollte es trotzdem nicht hören. "Sie erlag ihren Verletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus.", die Stimme klang ernsthaft betroffen, doch ich bemerkte es nicht. Ein dumpfes Gefühl der Leere machte sich in mir breit. Ich hörte nichts mehr. Ich dachte nicht mehr. Ich atmete lediglich mechanisch und starrte. Starrte den Aktenordner mir gegenüber an. Ich starrte ihn einfach an. Mein einziger Gedanke war: Sie ist tot, mein kleines Mädchen ist tot.
"Frau Nalepa? Sollen wir Ihnen einen Seelsorger schicken?" "Nein", erwiderte ich mit belegter Stimme. "Wo ist es passiert?"

Benommen taumelte ich zu meinem Auto. Sie ist tot, sie ist wahrhaftig tot. An jenem Ort sah man nur noch das Auto, von dem Motarrad, dass meine Tochter über alles liebte, war nicht mehr viel über. Das Auto war an der Seite verbeult, der Fahrer stand mit einem Kühlakku da. "Ich hab sie nicht gesehen, ich hab sie nicht gesehen.", stammelte er, während ein Polizist das Protokoll aufnahm. "Es tut mir so leid!"
In dem Moment schrie ich los: "Sie war meine Tochter! Sie haben sie umgebracht! Sie war erst 20!" Ich schrie, ohne dass ich es wollte, ich schrie alles heraus was ich mich in den Minuten zuvor nicht getraut hätte zu denken, alles was sich aufgestaut hatte, dann brach ich zusammen und landete auf den Knien. "Ich werde sie nie mehr wiedersehen", flüsterte ich. Diese unumgängliche Konsequenz laut auszusprechen war wie mir selbst einen Dolch zwischen die Rippen zu stechen, nur ohne die Möglichkeit dadurch zu sterben oder den Schmerz jemals zu lindern, und plötzlich kamen mir die Tränen...

SekundenWhere stories live. Discover now