,,Yuu ...", flüsterte Mika und blickte sehnsüchtig zu seinem Freund hinüber.
Dieser lag bis unters Kinn zugedeckt in seinem Bett und schlief tief und fest. Die Nacht war bereits mehrere Stunden alt, doch Mika kam nicht zur Ruhe. Zu groß war sein Verlangen nach menschlichem Blut. Seit jedem Tag, an dem sein Hunger und seine Verzweiflung groß genug gewesen waren, dass er sich tatsächlich dazu hatte durch ringen lassen von Yuu's Blut zu trinken, hatte der Vampir keine weitere Nahrung zu sich genommen. Er schämte sich zu sehr, um seinen Freund danach zu fragen und von anderen Menschen würde er wohl kaum Blut bekommen, ohne sie töten zu müssen.
Mika war schwindelig vor Hunger und sein Atem ging rasend. Sein Magen verkrampfte sich immer wieder schmerzhaft und stieß klägliche Geräusche der unendlichen Leere aus. Er schwitzte und zitterte zu gleich und die Umgebung vor seinen Augen schien unscharf.
Den Kopf an die kalte Steinwand ihrer Unterkunft gelehnt saß er in seinem Bett.
Er konnte den ruhigen Herzschlag des Menschen wenige Meter neben sich deutlich wahr nehmen. Wie ein Mantra, pumpte Yuu's Herz immer wieder im selben, langsamen Rhythmus die vielen Liter Blut durch seinen jungen Körper. Warmes, nahrhaftes Blut, dass ihn am Leben hielt und dass auch Mika gerade mehr als nur brauchte. Fast als wollte es ihn zu sich locken, pochte es immer weiter. Er blinzelte und versuchte seine verschwommene Sicht zu verbessern, doch die Ohnmacht schien ihn immer mehr einzuholen. Er war zu erschöpft, um aufzustehen. Zu hungrig, um seinen Freund zu rufen und zu verzweifelt, um selbst eine Lösung zu finden.
,,Yuu", seufzte er abermals leise und streckte hilfesuchend die Hand nach ihm aus.
Der Schwarzhaarige drehte sich in seinem Bett und stöhnte leise im Schlaf auf. Die letzten Tage und Wochen hatten sie beinahe ohne Pause gekämpft. Yuu hatte sein Bestes gegeben und war ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen, an der Seite seiner Freunde gegen die Vampire angetreten. Dies war die siebte Nacht in ihrer Notunterkunft. Abgeschnitten von der Armee oder den Vampiren. Yuu brauchte endlich Ruhe, um sich erholen zu können. Daher beschloss Mika ihn schlafen zu lassen. Nach so vielen Kämpfen und Anstrengungen hatte er sich den Schlaf mehr als verdient. Der Vampir schloss die Augen und bemühte sich selbst auch ein wenig Ruhe und vielleicht auch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Doch auch nach Minuten der Stille wollte er nicht einschlafen. Sein Magen knurrte und ihm war übel vor Hunger. Und außerdem konnte er rings um ihn herum Herztöne wahr nehmen. Ganz in seiner Nähe den von Yuu. Laut und stark schlug sein fleißiges Herz während durch die dicken Wände hinweg die Herztöne von Shinoa und Yoichi etwas leiser zu hören waren. Wie laute Trommeln pochte ihr Herzschlag in seinen Ohren und machte ihn gänzlich verrückt.
,,Ah!", seufzte er verzweifelt und griff sich in die Haare.
Sehnsüchtig blickte er wieder zu Yuu. Sein Blut war bisher das einzige gewesen, das er gekostet hatte und es war so köstlich gewesen! So süßlich und auf seine eigene Weise auch herzhaft. Sättigend und zum verrückt werden lecker. Liebend gerne würde Mika es wieder kosten, doch er hatte den Entschluss gefasst, nie wieder Menschen zu verletzen, nur um essen zu können. Viel zu sehr widerte ihn an was er geworden war. Er zog die Knie bis an die Brust heran und verschränkte die Arme davor. Dann blickte er auf seine Handgelenke. Auch in seinen Adern floss Blut. Wäre es vielleicht möglich ... sein eigenes Blut zu trinken? Vorsichtig führte er eine Hand an sein Gesicht und biss sich schließlich ohne zu zögern in den Unterarm. Sofort durchzogen unbeschreibliche Schmerzen durch seinen Körper. Sein Arm verkrampfte sich und eine eisern schmeckende Flüssigkeit lief zäh in seinen Mund. Er schrie kurz auf, schluckte das Blut hinunter, saugte jedoch nicht erneut daran. Zu sehr ekelte ihn der Geschmack seines eigenen Blutes an.
Angewidert wischte er sich den Mund ab und sah verzweifelt erneut durch den Raum. Als ob plötzlich jemand mit einer Flasche frischem Blut auftauchen und sie ihm anbieten würde.
Im Bett gegenüber von ihm regte sich erneut der Körper seines Freundes. Yuu hob den Kopf, rieb sich müde die Augen.
,,Mika?", fragte er verschlafen, ,,Hast ... Hast du das gerade auch gehört? Was war das für ein Schrei", gähnte er und knipste sein Nachtlicht an.
,,Yuu!", machte Mika erleichtert, ,,Das ... Ähm ... Das war gar nichts", meinte er und zog seinen Ärmel über die frische Wunde.
,,Was hast du da?"
Yuu kniff die Augen zusammen, um im dunklen Licht mehr erkennen zu können.
,,Ich ... ich ... mir geht es nicht sonderlich gut", gestand der Vampir schließlich und lehnte den Kopf wieder an die kühle Wand, um den aufkommenden Schwindel zu überbrücken. Bittend sah er in die smaragdgrünen Augen seines Gegenüber. Yuu war sofort hellwach. Er kroch aus seinem Bett und sprang mit wenigen Schritten durch das Zimmer.
,,Hast du dir was eingefangen?", fragte er besorgt, ,,Du schwitzt ja total!''
Yuu fasste an Mika's feuchte Stirn und wischte ihm ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht.
,,Nein ... Das ist es nicht", gab der Vampir zurück, ,,Aber ... Es geht mir auch schon viel besser, jetzt, wo du bei mir bist."
Yuu blickte seinen besten Freund streng an und bemerkte dann das dunkle Blut, das den weißen Stoff an Mika's Unterarm rot färbte.
,,Du hast Hunger, stimmt's? Du brauchst Blut", bemerkte er scharfsinnig.
Mika war kurz davor zu protestieren, als sein Magen auch schon zustimmend knurrte und sich erneute Krämpfe in ihm breit machten. Verräter!
Allein beim Gedanken an die heiße Flüssigkeit, die ihm sein Leben retten würde leckte er sich genüsslich über die Lippen und schluckte gierig.
,,Nein ... Es ... Geht schon", log er bevor ihm vor Erschöpfung die Augen zufielen und er schwach auf die Seite seines Bettes fiel.
,,Mika!", schrie Yuu entsetzt und warf sich neben seinen leblosen Freund. ,,Mika! Hey!!", rief er erneut und rüttelte am Kragen seines Freundes, ,,Hast du etwa seit damals nichts mehr zu dir genommen?"
,,Ich wollte ... niemandem weh tun", stammelte er mit geschlossenen Augen.
,,Das ist purer Selbstmord! Hier, iss dich satt!", bot Yuu an und riss sich den Pullover vom Leib, um Mika genügend Platz zum Trinken frei zu legen. Sofort schlug Yuu's Puls lauter und Mika hörte das Rauschen seines Blutes noch viel klarer als bisher. Es hörte sich so verführerisch lecker an! Er unterdrückte den Reflex, auf Yuu zu springen und sich dieses warme, nahrhafte Blut zu holen. Diese köstliche Flüssigkeit ... Ach ... Wie gerne Mika sie genossen hätte! Yuu bot es ihm an, drängte sich schon beinahe auf. Yuu wollte es. Er wollte von Mika ausgetrunken werden. Er wollte ...
,,Geh weg!", schrie Mika ihn an und stieß Yuu von sich.
Sein eigener Puls ging rasend und seine roten Augen waren weit aufgerissen. Dennoch nahm er nach wie vor nur verschwommene Umrisse wahr. Er spürte, dass ein warmer Körper ihn an der Brust packte und wieder aufrecht hin setzte, spürte Yuu's aufgeregten Atem auf seinem Gesicht und hörte das immer lauter werdende Pochen eines willigen Blutkreislaufes, der ihm immer näher zu kommen schien.
Näher zu ihm.
Und er brauchte es so sehr!
,,Bitte! Geh weg! Ich werde dich töten!", quengelte Mika und schlug sich die Hände vors Gesicht.
***
Bild: Mikaela Hyakuya
***
YOU ARE READING
Owari no Seraph ~ MikaYuu
FanfictionIn dieser Geschichte präsentiere ich euch eine mögliche Fortsetzung des aktuellen Anime-Standes von Owari no Seraph / Seraph of the End (Stand 2018/2019), wobei es sich eher um einen etwas länger gezogenen One Shot handelt :D Wenn euch meine Geschi...
