2. Kapitel

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"Mein Engelchen,", schrieb sie, "dein Vater und ich sind für eine gewisse Zeit weg! Du wirst bei deiner Tante und deinem Onkel bleiben. Hab dich lieb!

Mum."

Als meine Tränen das Papier berührten und ich begann zu schniefen, fing Wolf an zu Winseln.
Ich hatte meine Eltern 10 Jahre nicht gesehen. Sie sind für "eine gewisse Zeit" verschwunden! "Für eine gewisse Zeit"gehts eigentlich noch ungenauer? Ich war zuerst so sauer als ich diesen Brief bekommen hatte, doch nun, zu diesem Zeitpunkt, wünschte ich mir einfach, nochmal die wunderschönen, nach Lavendel duftenden Haare meiner Mutter zu berühren und meinen Vater zu umarmen, wie wir es früher getan hatten.
Als ich dort so in Selbstmitleid versank, wies Wolf mit seiner Nase auf etwas glänzendes in der Kiste.
"Nicht jetzt!",sagte ich verbittert, "Ich hab jetzt keine Lust auf Gerümpel-Suche!"
Wolf hörte nicht zu und begann an meinem Hosenbein zu ziehen. "Hör auf damit!", schnauzte ich ihn an,"Lass das doch!" Die Tränen liefen mir über das Gesicht. Einen Brief, eher ein Zettel. Mehr hielten sie nicht für nötig um mir zu sagen, dass sie sich jetzt einfach aus dem Staub machten. Jetzt fing Wolf an das glänzende Etwas anzukratzen.
Ich holte es aus der Kiste. Es war meine alte Spieluhr. Die mit Silber umfasste kleine Kiste, in der verschnörkelte Weinreben eingraviert waren, war mal mein Lieblingsspielzeug. Ich hatte sie von meiner Großmutter bekommen, die mir aber nie gesagt hat woher sie die Spieluhr hatte. Das hätte mich vielleicht neugierig werden lassen sollen aber ich war fünf und danach habe ich nicht mehr gefragt. Die kleine Kiste, auf deren Deckel in schöner Schrift " Dem Entdecker, die Karte, dem Reisenden, das Tor" stand, war mit einem kleinen Messingschloss verschlossen und es ließ sich nicht öffnen.
Warum legt man eine alte Spieluhr, unter mysteriösen Umständen, verschlossen in eine Kiste voller Ramsch und macht sich noch nicht mal die Mühe den Schlüssel dazu zu legen?
Wütend und mit rotem, verweintem Gesicht, schmiss ich die blöde Spieluhr in die blöde Kiste und ging mit Wolf die blöde alte Treppe runter.

Den Rest des Tages verkroch ich mich in mein Zimmer.
Ich wollte auch kein Abendessen mehr.
Ich war wütend, enttäuscht, traurig und wollte einfach allein sein. Nicht mal Wolf konnte mich aufheitern. Er versuchte es zwar mit Beine abschlecken und sprang mich sogar an, sodass ich durch den 25 kg schweren Husky beinahe umfiel, aber ich schob ihn einfach von mir runter und legte mich schmollend aufs Bett.
Meine Tante kam irgendwann und fragte was mit mir los seie, aber ich hatte keine Lust ihr zu erzählen was passiert war. Als sie es Leid war an meiner Tür zu klopfen, die ich abgeschlossen hatte, ging sie weg und schickte meinen Onkel um nach mir zu sehen. Diesen wollte ich aber noch weniger sehen und so kam es, dass ich einfach nur da lag und an die Decke starrte. Es war so ruhig, dass man eine Feder hätte fallen hören können, nur Wolf, der sich auf dem Teppich zusammen gerollt hatte gab ab und zu einen Schnarcher von sich. Er war vor lauter Erschöpfung eingeschlafen. Mich trösten zu wollen ist wirklich nicht einfach.
Da ich gefühlte 20 Minuten nicht wusste was ich machen sollte, holte die alte Schachtel mit Erinnerungsstücken unter meinem Bett hervor und sah mir die darin liegenden Sachen an.
Der Kamm meiner Urgroßmutter, ein Spiegel meiner Tante und dazu noch ein kleiner antik aussehender Schlüssel.
Schlüssel? Schlüssel!
Da fiel es mir wie Tomaten von den Augen.Ich rannte aus meinem Zimmer, zog die alte Treppe zum Dachboden runter, hetzte sie hoch, quetschte mich an dem bescheuerten Sperrmüll vorbei, kramte die Spieluhr aus der Kiste, zögerte einen Moment und steckte mit zitternden Händen den kleinen antiken Schlüssel in das Loch....Er passte.
Ich öffnete ganz langsam den Deckel, als hätte ich Angst er könnte ganz abfallen. Die Spieluhr hatte im Deckel einen Spiegel und war ansonsten mit rotem Samt ausstaffiert. Darauf lag ein herzförmiges Medaillon. Es war aus Kupfer und es waren Rosen, Lilien und noch eine andere Blume eingraviert, welche ich aber nicht kannte. Das Auffälligste jedoch waren zwei Pfeile, die in einem Kreis, in der Mitte des Herzens übereinander lagen.
Ich nahm es in die Hand. Es war schön kühl und erst jetzt merkte ich wie warm mir war.
Ich legte es zurück in die Spieluhr und ging langsam zurück in mein Zimmer.

Nakino - Tempel der Träume [Pausiert]Where stories live. Discover now