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Jonas & Mathilda

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Der Tag neigte sich dem  Ende entgegen, der Himmel nahm nach und nach einen leichten Rosaton an,  als der Zug die Schienen entlang raste. Es würde wahrscheinlich nur noch  wenige Stunden hell sein. Rauch quoll schwarz und dich aus dem Schlot.  In der Lok wurde wie verrückt Kohle in den Kohlekasten unter dem  Dampfkessel. Die Öffnung sah aus wie der Schlund eines Drachen, der  alles zu verschlingen dachte. Mehrere Wagen weiter hinten starrte Jonas  aus dem Fenster seines Abteils in der Hoffnung irgendetwas interessantes  zu sehen. Er presste seinen Kopf gegen die Scheibe und seine blonden  Locken klebten an seiner Stirn. Auf der gepolsterten Bank gegenüber saß  seine ältere Schwester. Sie hatte sich hinter „Thalamus" versteckt. Sie  ignorierte Jonas wie immer und verzog genervt das Gesicht, als er aus  dem nichts fragte: „Mathilda, glaubst du an Drachen?"

Mathilda tat als hätte  sie ihn nicht gehört und blätterte eine Seite um. Doch Jonas gab nicht  auf. Er stand auf und wedelte mit seiner Hand vor Mathildas Gesicht  herum. Langsam hob sie den Kopf. „Was willst du?", flüsterte sie fast  schon gefährlich leise.

„Glaubst du an Drachen?"

„Nein und lass mich jetzt in Ruhe lesen."

„Aber was ist, wenn es  Drachen gab und die Wissenschaftler ihre Knochen einfach für Dinoknochen  gehalten haben, obwohl es Drachenknochen waren."

Mathilda legte ihr Buch  auf ihren Schoß, ließ aber einen Finger zwischen den Seiten und sah  ihren kleinen Bruder schief an, dann murrte sie: „Ist dir langweilig?  Dann geh doch raus und beweg dich ein bisschen."

Jonas schüttelte den  Kopf und kramte in seiner Tasche. Aus der holte er einen Nintendo um  dann während er spielte mit seinen Hacken aneinander zu schlagen.  Mathilda sah in jetzt durchdringend an und sagte: „Das ist jetzt keine  Bitte, kleiner Bruder, geh raus und beweg dich. Vielleicht darfst du dir  die Fahrerkabine ansehen, wenn du ganz nett fragst. Komm aber zeitnah  wieder."

„Na gut." Er packte den  Nintendo in eine der Taschen seiner Shorts und stand auf. Die mit  goldenen Ranken verzierte gläserne Abteiltür glitt leise auf und Jonas  trat in den Gang. Leise schloss er die Tür hinter sich und sah sich um.  Als er weinige Stunden zuvor mit seiner Schwester zugestiegen war hatte  er kaum Zeit gehabt sich alles genauer anzusehen, doch jetzt staunte er  über die mit Intarsien versehene Holzvertäfelung und kam sich mit seinen  kurzen Shorts und dem Spider-Man Shirt völlig fehl am Platz vor. Mit  seinen Fingern fuhr er die Muster an der Wand entlang. Durch den dicken  roten Teppich tönte gedämpft ein Brummen. Langsam und leise schlug er  den Weg Richtung Lok ein. Immer mal wieder sah er in eines der Abteile,  die den Gang säumten. Doch die meisten waren entweder leer oder ein  Vorhang verdeckte die Insassen des Abteils. Die wenigen in die man  hineinsehen konnte war vollkommen uninteressant. Zumeist war nur jemand  zusehen der schlief, ein Buch las oder irgendetwas anderes langweiliges  tat.

Jonas war bestimmt schon  vier Wagen weiter als aus einem Abteil eine wütende Stimme tönte: „Hast  du sie noch alle?! Du kannst nicht einfach den Plan ändern! Mir ist  klar das er dir nicht gefällt und er dir hier nicht auf die Finger  schauen kann, aber wir müssen uns trotzdem an seine Anweisungen halten."

Jonas schlich langsam  vorwärts und legte ein Ohr an die Tür. Dann lauschte er angestrengt.  Eine leise, schnelle Stimme sprach jetzt, sie versuchte anscheinend die  laute, tiefe Stimme von etwas zu überzeugen. „Beruhig dich, Andrei. Wenn  du weiter so schreist wird dich noch jemand hören und du weißt das wir  das gar nicht gebrauchen können. Ihm wird nicht gefallen, wenn wir  Aufmerksamkeit auf uns ziehen."

Wenn Jonas nicht schon  vorher gefesselt war hätte er spätestens jetzt sich nicht mehr loseisen  können. Er presste sein Ohr regelrecht gegen die Tür als er versuchte  die leise Stimme über den Lärm des Zuges hinwegzuhören. „Außerdem weißt  du genauso gut wie ich, dass der Plan total bescheuert ist."

„Nichts desto trotz  müssen wir uns an den Plan halten.", brummte eine andere tiefe Stimme.  „Vergiss deinen Platz nicht, Anita, nur weil du seine Tochter bist heißt  das nicht, dass du seine Pläne in Frage stellen darfst. Er wird uns die  Hölle heiß machen, wenn wir es anders machen, selbst wenn es  funktioniert."

„Aber...", sagte die leise Stimme mit dem Namen Anita.

„Nichts aber!", herrschte sie die tiefe Stimme an. „Wir bleiben bei dem Plan und damit basta."

Plötzlich war das  Quietschen von Federn zu hören und Jonas zuckte von der Tür zurück. Auf  leisen Sohlen lief er in den nächsten Wagen. Er setzte sich in eins der  leeren Abteile und sah scheinbar gelangweilt in den Gang. Wenige  Augenblicke später kam ein großgewachsener Mann. Sein Haar waren fast  weiß, aber er schien noch zu jung zu sein als das sie einfach frühzeitig  ergraut waren. Sein Gang war fest und zielgerichtet. Er fragte sich, ob  er die Stimme mit dem Namen Andrei oder die herrische Stimme war.

Sobald der Mann aus  Jonas Blickfeld verschwunden war, wartete er noch ein paar Sekunden und  folgte ihm dann. Der Mann sah sich kein einziges Mal um.

Mehrere Wagen weiter  hinten saß Mathilda und wartete darauf, dass ihr Bruder  wiederauftauchte. Sie hatte ihr Lektüre beendet und sah aus dem Fenster.  So langsam machte sie sich Sorgen. Normalerweise lief ihr Bruder ein  paar Mal auf und ab und tauchte dann bald wieder auf. Doch diesmal war  es anders. Es waren bestimmt schon zwei Stunden vergangen und Jonas war  nicht einmal aufgetaucht um sie zu nerven. Entweder mit einer neuen  merkwürdigen Frage oder um ihr irgendetwas „total abgefahrenes" zu  erzählen das er entdeckt hatte. Mathilda steckte ihr Buch weg und stand  auf. Sie strich ihren Rock glatt und öffnete die Abteiltür. Kurz  überlegte sie welche Richtung er wohl eingeschlagen hat. Dann schloss  sie die Tür und lief zielsicher zu der Lokomotive. Sie traf auf keine  Menschenseele als sie die immer gleichbleibenden Waggons entlanglief.  Die Deckenlampen waren eingeschaltet und das rote Licht der  untergehenden Sonne ließ den purpurnen Teppich golden glänzen. Genau wie  Jonas kam sie an leeren oder mit Vorhängen verhängten Abteilen vorbei.  Bald kam sie auch durch den Wagen mit den drei Stimmen von denen sie  natürlich nichts wusste und kurz darauf war sie auch schon direkt hinter  der Lokomotive. Sie hörte schabende Geräusche und sah wie sich ihr  kleiner Bruder hinter einer Tür versteckte. Leise schlich sie sich an  ihn heran und packte ihn am Arm. „Was denkst du was du hier machst?",  zischte sie ihn wütend an. „Ich habe mir Sorgen gemacht als du nicht  mehr aufgetaucht bist und komm mir jetzt bloß nicht mit einer deiner  Ausreden. Du bist wohl kaum einem Geist über den Weg gelaufen oder  irgendeinem anderen deiner imaginären Freunde."

Sie zog ihn hinter sich  her. „Aber Mathilda, da sind drei Typen, irgendetwas planen und einer  der drei ist jetzt in der Fahrerkabine. Hast du nicht gemerkt, dass der  Zug schneller geworden ist? Das kann doch nicht gut sein, oder?"

Mathilda ignorierte ihn  vollkommen. Sie wollte sich nicht schon wieder eine seiner Geschichten  anhören. Ihre Hand fest an seinem Handgelenk lief sie mit ihm im  Schlepptau durch die Wagen. Doch plötzlich ging ein Ruck durch den Zug,  das Brummen, das vorher nur gedämpft durch den Teppich drang, war jetzt  laut und deutlich zu hören. Der Zug nahm merklich an Fahrt auf.

Jonas sah aus dem  Fenster. Der Zug fuhr über eine tiefe Schlucht und Jonas sah drei  schwarze Fallschirme von oben bevor er seinen Kopf an Mathildas Bauch  vergrub. Sie legte verwirrt die Arme um ihn. Der Zug wurde noch  schneller.

Jonas & MathildaHistórias para pegar e não largar. Descubra agora