Prolog

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Heute muss ein guter Mensch sterben.

Sie hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Sie hatte ihr gesagt, dass es dringend war. Sie hatte ihr den perfekten Köder gelegt.

Gute Menschen sind so leicht zu töten, dachte sie sich. Der Gedanke stoß ihr bösartig und bitter zugleich auf.

Eigentlich war sie ja auch nur ein guter Mensch. Ein guter Mensch, der die Welt reinigen wollte.

Dafür musste dann eben heute Nacht ein ebenso guter Mensch sterben.

Lynhardt, ihr Handlanger, wurde hinter ihr langsam unruhig. Er knirschte mit den Zähnen vor Anspannung. Ein genervter Blick ihrerseits reichte aus und er verstummte.

Wo blieb sie nur?

,,Wir wissen doch, wo sie lebt. Warum bringen wir sie nicht dort um und schnappen uns das Kind?"

Wie oft waren sie das schon durchgegangen?

,,Das würde zu viel Aufmerksamkeit erregen."

Sie verstand seine Ungeduld. Er dürstete nach Blut, er hatte seit längerem kein Blut mehr gehabt und der Gedanke an einem Opfer für seine Gelüste ließ ihn ungeduldig werden.

Er war kein guter Mensch. Wie sollte er auch, wenn er die bösen Seiten anderer Menschen gesehen, erlebt und am eigenen Leib gespürt hatte?

,,Wir tun es in aller Stille. Keiner wird es merken."

Das war ihr letztes Wort und würde er noch einmal das Wort erheben, wusste er, dass sie ihn die Konsequenzen spüren lassen würde.

Er ging ihr mit Blutdurst auf die Nerven. Es wäre kein Schaden, wenn er wie alle anderen Menschen von dieser Welt verschwinden würde. Doch sie brauchte ihn für die Arbeit, die sie nicht verrichten konnte, nicht verrichten durfte. Solange war er praktisch.

Achja, und er war unsterblich.

Dieses Gör hatte in seinem Fall damals einfach den Falschen erwählt. Aber irgendwann würde sie einen Weg finden diesen Fehler zu korrigieren und dann wäre ein schlechter Mensch auf dieser Welt weniger.

Ihr Handy klingelte. Ein nervtötendes Gerät, aber in diesem Jahrhundert absolut notwendig.

Sie wischte das kleine, grüne Symbol zur anderen Seite und legte es an ihr Ohr.

,,Wo bist du denn? Ich bin da und kann dich nicht sehen."

Sie gab Lynhardt das vereinbarte Zeichen und er verschwand in der Dunkelheit eines leerstehenden Hauseinganges.

,,Komm zur Seitengasse mit den riesigen Müllcontainern. Das Kind hat sich dort irgendwo versteckt und will nicht rauskommen."

Sie konnte ihre Schritte hören bevor sie sie sah.

Sie sah abgekämpft, gehetzt und glücklich aus. Ihre Haare waren zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden und sie trug lediglich einen Wintermantel über ihren Schlafsachen. Das klassische Bild einer frischgebackene Mutter.

Jedoch kein schöner Aufzug für den eigenen Tod.

Sie ging an der Stelle vorbei, wo sich Lynhardt versteckte, doch er wusste, dass er noch warten musste. Er war gut im Töten. Still und leise, über Jahrhunderte hinweg trainiert und perfektioniert.

,,Das Kind muss dort in der Gasse bei all den Müll sich schon seit Wochen versteckt gehalten haben. Ich habe sie schon seit zwei Tagen im Blick, aber sobald man sie anspricht, läuft sie weg. So ein verwahrlostes armes Ding."

Sie sah das Mitleid in den Augen der anderen bei dieser Lüge aufleuchten.

,,Dann suchen wir sie mal."

Schritt für Schritt leuchteten sie mit Taschenlampen die Gasse voller Müll ab.

Menschen waren so widerlich, dachte sie sich bei diesem Anblick.

,,Seit meine Kleine da ist, hatte ich keine Zeit mehr für die Obdachlosenhilfe. Danke, dass du mir wieder Gelegenheit gibst zu Helfen."

Sie hatte sich gewünscht diesen Mord zu begehen, ohne das ihr Opfer mit ihr davor ein Gespräch beginnen wollte. Vor allem ein Gespräch über ihre kleine Familie oder Hilfsbereitschaft.

,,Keine Ursache."

Sie wusste, dass Lynhardt wie abgemacht aus seinem Versteck gekommen war und hinter ihnen herschlich.

Nur noch ein paar Momente und das erste Puzzleteil in ihrem finalen Spiel wäre gelegt.

Plötzlich blieb ihr Opfer stehen und drehte sich zu ihrer eigentlichen Mörderin, nichtsahnend und glücklich.

,,Habe ich dir schon erzählt, dass ich sie nach einem der besten Menschen benannt habe, die ich kenne?"

Sie blieb ebenfalls stehen und sah sie nur an. Was sollte das denn jetzt?

Sie zählte auf Lynhardt nicht so blöd war und sich noch weiter bewegte, sondern irgendwo im Schatten verharrte.

Das Lächeln ihres Gegenübers wurde ganz breit und ihre Augen schienen zu leuchten.

,,Ich habe sie nach dir benannt. Sie heißt Fia, damit sie ein gutes Beispiel für ihre Zukunft haben kann."

Warum musste sie ihr das jetzt sagen?

Ein Gefühl von Reue überkam sie, obwohl sie dachte, dass sie dies schon vor vielen Leben abgelegt hatte.

Sie lachte und die andere wunderte sich.

Indem sie Lynhardt direkt ansah, gab sie ihm das Zeichen auf das er schon so lange gewartet hatte und er machte einen freudig einen großen Satz nach vorne.

Erst als das Messer in ihrer Brust steckte und sie mit einem erstickten Schrei zu Boden sank, erkannte sie den Verrat, auch wenn sie nicht wusste, warum das geschah.

,,Wieso?"

Gequält und von ihrer Freundin verraten kam ihr diese Frage über die Lippen.

Fia kniete sich nieder. Nicht, um ihr in den letzten Sekunden nah zu sein oder ihr aus Reue doch noch zu helfen. Nähe zu Menschen verabscheute sie und die Reue oder die Menschlichkeit war überdeckt von dem Wissen, dass dieser Tod notwendig war.

,,Das die Welt ihren Frieden finden kann.''

Mit diesen Worten zog sie das Messer aus der Wunde und die Sterbende schrie hilflos auf, doch das Leben begann ihr in roten Bächen aus dem Körper zu fließen.

,,Ironisch, dass dein Töchterchen den Namen der Mörderin ihrer Mutter trägt."

Sie warf Lynhardt das blutige Messer zu, der begann es begierig abzulecken.

Ihre starr werdenden Augen sahen sie fragend an, doch sie würde diesen Blick vergessen. So viele hatten sie schon davor so klagend angestarrt.

,,Morgen wird in den Zeitungen stehen, dass eine junge Mutter im entlegensten Viertel der Stadt, beim Versuch Drogen zu kaufen, überfallen und getötet wurde. Klingt doch gut, oder?"

Lynhardt hatte ihr gar nicht zugehört, er war dem Rausch des Blutes verfallen, als er sich zu der Toten kniete. Seine Meinung kümmerte sie auch nicht wirklich.

Es würde ein scheinbar normale und tragischer Fall sein, ein oder zwei Dealer würden für das verhaftet werden und der Fall würde zu den Akten gelegt werde.

Zurück blieb ein Ehemann mit einem Neugeborenen.

Ihr eigentliches Ziel. Fia.

Wie ironisch.

sempiternal or how to love for everWhere stories live. Discover now