Der Kies knirschte bei jedem Schritt. Ich hatte die Kapuze meines Pullovers tief in mein Gesicht gezogen und mein Blick war auf den Boden gerichtet. Ich spürte das Gewicht, der Glasflaschen in meinem Rucksack. Ich sah auf. Mein Blick wanderte über die Steine, die Blumen und die Bäume, dann blieb ich bei dem Mädchen mit den gefärbten Haaren hängen. Das Pink war ausgewaschen, ich wusste es, auch wenn nur wenige Strähnen unter ihrer Kapuze zu sehen waren. Amy hatte den Kopf in den Nacken gelegt, ihre Augen waren geschlossen. Sie lehnte an der Mauer, die Hände in der Tasche ihres Hoodies verborgen. Ich verlangsamte meine Schritte und steuerte auf sie zu. »Amy?«, meine heisere Stimme durchschnitt die frische Luft, wie ein Messer. Sie rührte sich nicht. »Was machst du hier?« Blöde Frage. Es gab nicht viel was man hier machen konnte. Sie hatte nur einen Grund herzukommen - den selben wie ich. Jeder kam aus dem selben Grund her. »Blöde Frage«, schnaubte sie. Ihre Stimme war leise, zitterte ein wenig. »'Tschuldige«, sagte ich monoton und reflexartig. »Wieso bist du hier und nicht bei ihr?«, fragte ich. Ich bewegte mich auf dünnem Eis. Das tat jeder, der über sie sprach. Amy schwieg. Ich schwieg mit ihr. Ich tastete nach den Zigaretten, zog eine hinaus. Eigentlich rauchte ich nicht, aber viele Leute taten seltsame Dinge, wenn sie traurig waren und ich fing damit an mich zu zerstören. Ich steckte sie zwischen meine Lippen, hielt das schwarze Feuerzeug hoch. Ich zündete die Zigarette an, zog einmal daran. Als ich den Rauch ausstieß, verzog Amy das Gesicht. »Es sind ständig Leute da. Ich will ein bisschen Zeit mit ihr verbringen, alleine.« Ich brauchte ein paar Sekunden um zu bemerken, dass dies eine Antwort auf meine Frage von vorhin war. Ich sog den Rauch tief in meine Lungen. Amy seufzte. Ich verstand was sie meinte, es gab kaum einen Moment indem man ungestört war. Selbst jetzt, früh am Morgen. Es war merkwürdig, dass sie nicht da war. Nicht im Café oder in der Buchhandlung auftauchte. Es war seltsam ohne sie zu sein. Nicht dasselbe. Ich schluckte die aufkommenden Tränen hinunter. »Es ist nicht fair.« Ihre Stimme zitterte, als sie es aussprach. Sie öffnete zum ersten Mal ihre braunen Augen und sah mich an. Eine Mischung aus Schmerz, Wut und Trauer spiegelte sich darin. Niemand hatte sie so geliebt wie Amy es tat. »Niemand hat sich für sie interessiert. Oder für uns. Jetzt kommt jeder und weint, behauptet sie zu vermissen. Niemand hatte eine Ahnung, wer sie überhaupt war! Haben sie sie getröstet und ihre Hand gehalten? Sich um sie gekümmert und sich für sie interessiert? Nein. Jetzt interessiert es alle brennend. Das ist nicht fair. Das hat Claire nicht verdient«, sie weinte. Amy Jackson weinte. Und da war keine Claire mehr, die sie in den Arm nahm. Und ich wollte es nicht tun. Ich war mir sehr sicher, dass sie mich dann geschlagen hätte. Ich konnte Claire nicht ersetzen, dass konnte niemand. Amy hatte Recht, es war nicht fair. »Ich weiß.«, flüsterte ich. »Es tut mir leid.« Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und blinzelte einfach, während ich zum bewölkten Himmel hinauf starrte. »Mir auch«, gestand sie, ich sah sie wieder an. Ein junger Mann in Begleitung einer Frau kam den Weg entlang. Sie hatten Tränen in den Augen und ich war mir ziemlich sicher, dass sie von Claires Grab kamen. Ich sah zurück zu Amy. »Ich denke du kannst jetzt gehen, aber ich würde dich gerne um etwas bitten. Kannst du ihr die geben und ihr den vorlesen? Bitte?«, bat ich, hielt ihr unterdessen, einen Briefumschlag und eine Sonnenblume unter die Nase. Amy starrte die Blume an, dann mich, dann nickte sie. »Mach ich«. Ich versuchte zu Lächeln, was mir tatsächlich nur eine Träne entlockte. »Danke.« Meine Stimme zitterte. Als ich ging hörte ich nur das leise klirren der Flaschen, das knirschen des Kies unter meinen Schuhen und mein schweres Atmen. Die Bäume, die Gräber, die Blumen, alles verschwamm vor meinen Augen und dann erklang mein Schluchzen, hing in der Luft wie eine dunkle Wolke.
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Drowning
Teen FictionClaire ist Tod. Sie ist ertrunken. Jeder hat zugesehen. Niemand hat hingesehen. Alle wussten es. Niemand hat was getan. Für Claires Freunde Amy, Christina, Mark und Dipper
