Vom normal und anders sein

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Stürmische Wolken tanzten am Himmel und drohten, die Erde mit Regentropfen zu übergießen. Der Wind spukte schon durch die leeren Gassen und verscheuchte die letzten Seelen, die sich noch draußen aufhielten.

Aber zwei einsame Seelen konnte er nicht in die warmen Stuben verscheuchen, denn sie wurden von ihren Wünschen getrieben. So trieben sie wie zwei verlorene Bote inmitten des stürmischen Meeres umher.

Kein Mensch war auf den Straßen, nur ihre Schritte hallten durch die Gassen. Erste Tropfen fielen auf den grauen Asphalt und spülten den Dreck durch die Straßen. Als sie die kalten Tropfen auf der Haut spürten, flohen sie in den Wald am Rande der kleinen Stadt, wo ihnen die Äste der traurigen Tannen ein wenig Schutz vor den vielen Tropfen boten. Dort sangen ihnen der Regen und knarzende Bäume ein Lied, während sie auf dem aufgeweichten Boden liefen und der Matsch sich an ihre Schuhe hängte. Sie waren auf der Suche nach etwas, was sie nicht finden konnten. Weder in der Stadt, noch im Wald. Sie fanden nur zueinander.

Und so standen sie da, zwei kalte Gesichter im Regen, die Haare und die Kleidung schon vollkommen durchnässt .
Eine Weile sprach keiner etwas, ein einvernehmliches Schweigen füllte die kleine Entfernung zwischen ihnen. Nur ein paar neugierig Blicke flogen wie verirrte Vögel am Himmel zwischen dem Schweigen umher.
Schließlich waren es die Worte des einen, die einen Teil des Schweigens lösten und ihn im Wald verwehen ließen.
»Was machst du hier?«, waren die simplen Worte, die ein ebenso simples Schulterzucken als Antwort erhielten.
»Ich weiß es auch nicht«, ließ der eine wieder ein paar Worte in das Schweigen fliegen, bevor sie dumpf vom Wald verschluckt wurden.
Und es stimmte, sie wussten beide nicht, was sie bei einem solch stürmischen Wetter hinaus in den Wald getrieben hatte. Da war nur ein viel größerer Sturm in ihnen, der ihnen eine solche Unruhe bereitete, dass es sie hinaus in die Einsamkeit des Waldes geweht hatte.

»Hm, wollen wir ein bisschen gemeinsam gehen?«, wieder waren es die Worte des einen, die das Schweigen kurzzeitig vertrieben, nur damit es sich ein paar Sekunden später wieder zwischen die beiden nassen Gestalten legen konnte.

Wieder war die Antwort nur ein Schulterzucken, doch das Schmatzen des Matches unter ihren Füßen zeigte, dass die andere vorsichtig näher kam. Und so liefen sie beide langsam los und setzten ihren Weg durch den Wald fort. Ziellos, aber nicht verloren.
Sie liefen gemeinsam, denn sie kannten beide die Einsamkeit, die wie ein drückender Schuh war und die Füße blutig rieb, bis man nicht mehr vor ihr fliehen konnte. Aber nun war die Einsamkeit einer ruhigen Zweisamkeit gewichen. Ihre Schuhe fühlten sich angenehm an, nichts rieb. Nur der Match haftete sich an ihre Schuhe, aber das störte sie nicht, denn so konnten sie nicht abheben und verloren davongeweht werden.

»Du sprichst aber nicht sehr viel.«
Es war eher eine Feststellung des einen, als dass es eine Frage war.
Die andere zuckte wieder nur mit den Schultern.
»Kannst du eigentlich auch was anderes, als ständig nur mit den Schultern zu zucken?«
Es klang harscher, als beabsichtigt. Und nun hallten die Worte unheilsverkündend durch den Wald, bis sie für ihre Ohren unhörbar wurden. Aber er konnte die Worte nicht zurücknehmen, sie schwebten nun wie eine Gewitterwolke über den beiden, die mit einem Blitz alles zerstören konnte.
Ihm fiel auf, wie sie sich merklich zusammenzog, die Schultern einzog und sich noch kleiner machte, als sie ohnehin schon war.
»Entschuldigung, das war nicht so gemeint.«
Seine Entschuldigung war schwach im Gegensatz zu den starken Worten, die vorher seinen Mund verlassen hatten. Und dennoch ließen sie die Sonne zwischen der Gewitterwolke hindurchscheinen.
»Kein Problem.«
Sie lächelte. Und er war so erleichtert, dass er nicht merkte, wie unecht das Lächeln war. Denn seine Worte hatten sie stark getroffen und sie ein kleines bisschen mehr auseinander bröckeln lassen.
So wünschte sie sich wieder in die schützende Einsamkeit, auch wenn sie sich dadurch ihre Füße blutig reiben würde, während die beiden den Weg fortsetzten. Denn sie hatte schon längst erkannt, dass Menschen sie viel stärker verletzten konnten, als es die Einsamkeit je zu tun vermochte.

Irgendwann erreichten sie eine Lichtung, an deren Rande eine verwitterten Bank stand. Der Regen hatte nachgelassen, aber der Wind peitschte noch immer unbändig durch die Äste der Bäume und entlockte ihnen ein schauriges Knarren. Inmitten dieses Sturmes beschlossen sie, Pause zu machen, ohne dass sie dafür Worte benötigten. Sie setzten sich auf die nasse Bank, ihre Hosen waren ohnehin schon nass, und beobachteten gebannt das Schauspiel der Natur.
»Es ist beeindruckend, nicht wahr?«
Er sah ihr Nicken nicht, denn er starrte weiterhin gebannt auf die Bäume, die zur Musik des Windes tanzten.
»Weißt du«, fuhr er nach einer Weile fort, »ich wäre auch gerne so.«
Sie verstand nicht, was er meinte, aber sie schwieg und traute sich nicht nachzufragen.
Aber nach einer Weile redete er ohnehin weiter.
»Weißt du«, sprach er wieder, »ich wäre gern anders. Ich will nicht normal sein. Ich will nicht sein wie die anderen. Ich will einfach«, er überlegte. »Anders sein«, schloss er dann und fügte hinzu: »Verstehst du, was ich meine?«
Als er sie anblickte, schüttelte sie den Kopf.
»Warum?«, fragte er verwirrt, »würdest du nicht auch gerne anders sein?«
»Nein«, sagte sie. Sie wusste nicht, woher der Mut kam, aber mit einem Mal öffnete sie sich. »Ich wäre gern normal«, sagte sie vorsichtig, »denn die Gesellschaft duldet kein Andersein. Wenn du anders bist, dann will sie dich mit einem Fußtritt des Spottes und der Verachtung wegtreten, denn sie duldet niemanden, der aus der Reihe fällt.«
Er schwieg und überlegte.
Sie schwieg auch, ihre Finger zitterten. Sie hatte zu viel Preis gegeben. Sie rutschte unmerklich ein Stück von ihm weg, denn sie hatte Angst.
»Weißt du«, begann er nach einer Weile wieder, »ich möchte aber nicht in der Masse untergehen. Ich möchte etwas, hm, wie kann man es noch nennen«, er machte eine kurze Pause und überlegte, »naja, ich möchte eben etwas besonderes sein. Kannst du das denn gar nicht verstehen.«
»Natürlich verstehe ich das. Aber Andersartigkeit wird nicht akzeptiert«, sagte sie traurig und knetete ihre kalten Finger.
Sie schwiegen wieder und starrten in die Ferne.

Und nach einer Weile war sie es, die zum ersten Mal das Schweigen brach. Sie wusste nicht, was ihr den Mut dazu gab. Vielleicht war es der Sturm, denn vor ihm hatte sie keine Angst.
»Weißt du«, sagte sie. Ganz leise, sodass man es kaum verstand. Aber er nahm ihre zitternde Stimme dennoch wahr, auch wenn sie stärker zitterte, als die Bäume im Sturmwind.
»Weißt du«, setzte sie nachdenklich wieder an, »vielleicht ist das alles Schwachsinn. Das mit dem Normal und Anders.«
Sie betonte die beiden Worte leicht abschätzig, bevor sie weiter ihre Gedanken mit leisen Worten mit ihm und dem aufmerksamen Wald teilte: »Was ist denn eigentlich schon normal und anders? Ich glaube, das gibt es eigentlich gar nicht. Zumindest sollte es das nicht geben. Denn sind wir nicht eigentlich alle einzigartig? Wenn wir nun alle einzigartig sind, dann kann es doch gar kein Normal und Anders geben. Oder?«
Sie wurde unsicher, fragte nach, denn sie war noch nie gut darin gewesen, ihre Meinung zu sagen. Eigentlich hatte sie diese immer heruntergschluckt.
Aber er hatte sie verstanden. Ihre Worte ergaben so viel Sinn.
»Du hast Recht«, sagte er und nahm ihre kalten Hände in seine warmen. Er wollte ihr Sicherheit geben und wollte, dass ihre Hände aufhörten so stark zu zittern.
Dann sprach er weiter: »Aber uns Menschen fehlt es an Akzeptanz. Wir akzeptieren die Einzigartigkeit der anderen nicht. Vielleicht, weil wir uns unserer eigenen Einzigartigkeit selbst nicht bewusst sind und uns selbst nicht anerkennen.«
Er stand auf, nahm sie an der Hand und lief los.
»Aber ich finde, wir sollten anfangen, unsere Einzigartigkeit und die der anderen anzuerkennen.«
Sie sagte nichts, sonder nickte, aber das störte ihn nicht.

Die beiden hatten gefunden, was sie gesucht hatten. Sie waren ziellos in einem Sturm umhergeflogen und irgendwann auf die Antwort gestoßen, deren Frage sie nicht einmal gekannt hatten. Und nun hatte der Sturm den Himmel von allen Zweifeln bereinigt, sodass die Sonne wieder scheinen konnte.
Und die beiden begaben sich Hand in Hand zurück in die Stadt voller ungesehener Einzigartigkeit, während der Wald ihre Worte in seinem Herzen einschloss und der Wind ihre Worte in die Welt trug.

Vom normal und anders seinWhere stories live. Discover now