Ich dachte wirklich der Tag würde schnell vergehen, ich könnte nach der Schule nach hause schlendern und wäre endlich wieder für mich, nicht bedrängt von den Massen an Menschen, die sich Vormittag für Vormittag in den Hallen des riesigen Gebäudes tummeln. Doch ich behielt Unrecht, man hatte mich zum Nachsitzen geschickt. Um es genauer zu erklären, nicht ich war an diesem Morgen die Übeltäterin gewesen, sondern mein Klassenkamerade Bill Hanson, welcher in der Mathestunde einen äußerst guten Spruch gerissen hatte, woraufhin der Rest der Mannschaft begonnen hatte laut zu lachen. So extrem, dass es wirkte, als lachten sie alle um die Wette. Wer am lautesten lacht, bekommt die Millionen. Oder so ähnlich.
Würde sich jeder Mensch auf der Welt so verhalten wie 90 Prozent meiner Klassenkameraden, könnte man keiner Person mehr trauen, jeder würde mit der breiten Masse mitlaufen, irgendwann würden wir alle gleich aussehen und die gleichen Charaktereigenschaften haben. Zum Glück ist so etwas genetisch, wie auch entwicklungstechnisch vollkommen unmöglich.
Ich habe meine Meinung und die lasse ich mir von niemandem ausreden. Mir spricht man prinzipiell zu die größte Klappe von allen zu besitzen. Meine Natur. Ich werde alles andere als gemocht aber was soll's. Selbst Lissi, die mir mittlerweile wirklich stark ans Herz gewachsen ist sagt, ich sei einfach anders. Ich habe nie einen großen Anschluss an die Leute in meinem Jahrgang gefunden aber sie mag ich. Und sie mag mich. Wir unternehmen ab und zu etwas zusammen, des öfteren zwingt sie mich zum Zugucken beim Cheerleadertraining. Im Grunde mag sie wirklich jeder, es wäre auch einfach schade eine so liebevolle Person wie sie nicht zu mögen. Ich stehe mit meinem Namen als „Anhängerin Lissi's" hinten an. Es stört mich, dass mich jeder auf die Freundschaft mit ihr beschränkt, dass ich ohne diese Bindung längst zu den Loosern gehören würde.
Die Highschool besitzt ungeschriebene Gesetze und Richtlinien, denen man folgen muss. Niemals rebellisch sein oder sich eben „anders" verhalten als die anderen, so wie ich. Dass ich ausgerechnet auf einen Mensch wie Lissi gestoßen bin, ist nicht verwunderlich. Ich glaube sie spürt, wenn jemand ehrlich ist. Zudem haben wir einige gemeinsame Interessen. Sie liebt die Kunst, nun ja, sie liebt die Fotografie, Kreativität im Allgemeinen. Wer einmal in ihr Zimmer gesehen hat, weiß das. Die Wände ... voll mit Schmuck, Leinen voller Fotos, angemalt mit bunten Farben, verziert durch tiefgründige Sprüche, ein Sinn für Dekoration. Dieses Heim ist ein Reich der Kreativität. Ich dagegen bin ein großer Musikfan, spiele Gitarre seit ich sechs Jahre alt bin. Ich entwerfe gerne Szenenbilder und Drehbücher. Die Filmbranche liegt der Familie im Blut. Meine Mutter arbeitet als Schauspielerin. Sie ist nicht sehr bekannt, aber einige ihrer Rollen sind groß, manche schaffen es ins lokale Fernsehen. So kann man eine dreiköpfige Familie nur knapp über dem Wasser halten aber es funktioniert. Und ich liebe sie dafür, dass sie sich ihren Wunsch erfüllt hat und daran geglaubt hat.
Ich habe keine Zukunftsperspektiven. Vielleicht möchte ich ja mal ähnliches machen? Aber ich würde wohl eher hinter die Kamera gehen. Langsam steuer ich ein Alter an, in dem ich wissen muss, in welche Richtung es geht. „Wer mit 17 heutzutage noch nicht weiß, was er später einmal macht, der wird vielleicht nie glücklich mit seinem Beruf werden." Das hat mein Klassenlehrer uns vor einigen Wochen gesagt. Ich habe noch genau im Kopf wie er vorne an der Tafel stand und uns alle mit seinem durchdringenden Blick angesehen hat, als würden wir als Pizzabote enden, sollten wir nicht innerhalb von drei Sekunden den Berufsweg nennen, den wir uns vorstellen. Wobei Pizzaboten es ja auch nicht schlecht haben ... jeden Tag Pizza bei sich haben? Ist sicherlich ... super.
Ich hatte mich nun in einem Schneidersitz auf meinen Platz gesetzt. Mein Ellenbogen stützte den Kopf. Dabei starrte ich einfach nur aus dem Fenster des zweistöckigen, grauen Klotzes. Man hätte unsere Schule schöner gestalten können. Das Projekt wurde jedoch nie vollendet, weil man Angst hat, dass das Gebäude eines Tages erweitert werden muss und man die dann bestimmt teuren und wunderschönen Wandschmücke hätte wieder abreißen müssen. Eine wirklich dumme Denkweise. Als würden sich 5 Jahre aka 10000 Tage, wenn man davon ausgeht, dass ein Jahr ungefähr 200 Schultage besitzt, nicht lohnen. Diese 10000 Tage kommen die 1300 Schüler zur Schule und müssen sich mit 2600 Augen den grauen Klumpen voller kleiner, unsauberer Grafity ansehen, bevor alle 2600 Beine diesen auch noch betreten müssen.
Ich war nun mitten drinnen. 2 weitere Schuljahre muss ich hier noch verbringen. Ich denke jedoch, es lässt sich ganz gut aushalten. Zumal meine Mom eh nur am Reisen ist, aufgrund ihres Jobs und wir nie lange sesshaft sind. Das längste bisher waren mal zwei Jahre in einer Stadt in Mississippi. Die hat mir auch gut gefallen, ich hatte sogar zwei richtig gute Freunde, natürlich älter als ich. Doch die Freundschaft hat eben nur so lange gehalten wie wir auch dort gewohnt hatten.
Mein neues, kleines Dorf liegt mitten in Idaho. Es heißt „Pocatello" und ich lerne es langsam zu lieben. Zumindest akzeptiere ich es bereits, Mom hatte schon Angst, wir müssten direkt wieder von hier weg, weil ich sie anfangs jeden Tag angeschrien habe, dass ich nicht in so einer Stadt wohnen will. Die Menschen hier sind grauenvoller dennje, man findet kaum nette Gleichgesinnte. Wie zuvor schon erwähnt, unsere Schule des Grauens. Sie sieht böse und hinterhältig aus, genau wie die vielen Schüler, die immer durch das Gebäude rennen. Sie haben mich von Anfang an alle so angestarrt, als wäre ich ein Terrorist, der ihre „schöne Schule", ja auch die einzigartige graue Wand, zerbomben wird und ein Attentat auf jeden einzelnen Schüler vor hat.
Ich habe mich in den ersten Wochen kaum an diesem Ort blicken lassen, schlicht und ergreifend aus Protest. Und es gab jemanden, Taylor, der es mir gleichgetan hat. Er war ebenfalls ein fremdes Gesicht in der Stadt und tauchte eines Tages bei meinem eigenen Rückzugsort, dem Spielplatz, einen Kilometer von der Schule entfernt auf. Dieser Ort war so weit abgeschieden von allen anderen öffentlichen Gebäuden, dass meine Mutter und auch andere Schüler ihn nicht finden konnten, wenn sie nach mir suchten. Mom weiß von der Geschichte bis heute nichts. So habe ich ihr nicht einmal erzählen können, wo ich Taylor kennengelernt hatte.
Taylor ist mein bester Freund und gleichzeitig mein Partner. Es klingt etwas unverantwortungsvoll, wenn man sagt, wir haben uns beim Schwänzen kennengelernt, ich habe ihr erzählt, wir seien uns bei etwas begegnet, was mit der Schule zu tun hat. Anlügen will ich sie nicht, sie soll ruhig selbst darauf kommen, ich bin schließlich ihre liebe, unschuldige Tochter und muss die auch weiterhin bleiben. Sie ist so oder so eine Teenie-Mutter und verhält sich in vielen Situationen äußerst kindisch. Sollte sie das ganze herausbekommen, wird es sie auch nicht stören. Sie war als Jugendliche selbst so eine Rebellin und sehr eigensinnig. Sie sagt häufig, ich habe das Gen von ihr. Ebenso der Hang zum Künstlerischen. Ich liebe es meine Vorstellungskraft zu verwirklichen.
Taylor sitzt immer noch häufig mit mir dort oben auf dem Klettergerüst, ich zeichne ihn oft. Er erzählt mir viel von seinem Tag. Mittlerweile schwänzen wir nicht mehr, es ist jedoch noch immer unser Lieblingsplatz.
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not sure.
Teen FictionSie bezeichnet die anderen als gleich und unabhängig, ihr gefällt das "anders und individuell sein". Doch dann wird ihr Konzept vollkommen durcheinander geworfen. Sie beginnt zu verstehen, dass der erste Eindruck häufig nicht reicht, um eine Person...
