Draussen flogen weiße Flocken im wilden Tanz umher und die Nacht tauchte alles in ein unheimliches Schwarz. Nijura stand zitternd vor ihrem Fenster, in der rechten Hand ihre große schwarze Tasche, in der sie alles notwendige gepackt hatte, in der anderen ein Busticket und einen Fahrplan.
Sie hatte es seit Wochen geplant. Es konnte nix schiefgehen, es durfte nichts schiefgehen. Bis ins kleinste Detail hatte sie alles ausgearbeitet und nun stand sie da, war sich nicht sicher ob das was sie vorhatte richtig war. Sollte sie nicht doch hierbleiben? Zweifel machten sich breit und Nijura hatte ein unglaublich schlechtes Gefühl im Magen.
Du gehst jetzt!
Sie gab sich selbst einen Ruck und öffnete brutal das Fenster. Aufgrund des lauten Geräusches zuckte sie zusammen, zog die Schultern hoch und sah sich hinter sich um, ob jemand von ihrem Vorhaben Wind bekommen hatte. Alles war ruhig, nur der Wind pfeifte durchs Fenster und ihr peitschten die Haare ins Gesicht. Sie ließ einen letzten Blick durch ihr Zimmer streifen. Das lange Bett an der rechten Wand mit dem hellblauen Bezug und dem weißen Netzvorhang, den ihr Vater darum gehängt hatte, der Schreibtisch aus Birkenholz und die vielen Bücher die sich darauf stapelten.
Sie handelten vor allem vom medizinischen Fachgebiet, Nijura hatte sich schon als kleines Kind für den menschlichen Körper und dessen Funktionen interessiert. Die Bücher lagen nun unordentlich verstreut über ihren Tisch verteilt, einige aufgeschlagen, viele sehr vergilbt. Darunter waren nämlich auch alte Bücher ihrer Oma, die sie geerbt hatte.
Der Halbmond kam hinter den Wolken hervor und ließ ein gespenstisches Licht auf die gelben Tapeten mit dem Blümchenmuster fallen. Langsam aber sicher drehte sich Nijura wieder um. Sie würde nun all das hinter sich lassen.
Kein Gefängnis mehr.
Nijura atmete einmal tief durch und packte den Griff der Tasche fester. Schließlich stieg sie erst mit einem dann mit dem anderen aus dem Fenster auf das Vordach direkt darunter. Bevor sie allerdings einen weitern Schritt gehen konnte, rutschte sie auf dem vereisten Dach aus und schlug unsanft mit einem überraschten Aufschrei mit dem Rücken auf. Sie schlitterte hinab und versuchte verzweifelt sich irgendwie festzuhalten und wieder Halt mit den Füßen zu finden.
Scheiße
Dachte sie panisch und schlug mit ihren Füßen um sich. Plötzlich spürte sie, wie ihre Schuhe sich in der Regenrinne abstützten und sie seufzte erleichtert auf. Die Luft war klirrend kalt und Nijura konnte ihren Atem in kleinen Wölckchen über ihr aufsteigen sehen. Nicht sehr elegant versuchte sie ihre Tasche nach vorne über die Dachrinne auf den Rollrasen darunter zu werfen und sich selbst wieder aufzurappeln. Mit einem dumpfen Geräusch landete die Tasche auf dem Gras.
Krampfhaft zerdrückte sie fast das Ticket und den Fahrplan in ihrer Hand. Jetzt nur noch springen dann hätte sie die Hälfte geschafft. Die Alarmanlage hatte sie zum Glück davor schon ausgeschaltet. Sonst würden hier in fünf Minuten die ganzen Security Leute ihrer Eltern auf der Matte stehen.
Nijura ging in die Hocke ganz nah an den Rand des Daches und wollte hinunterspringen. Ihre Schnürsenkel verhakten sich in der Regenrinne und mitten im Sprung wurde ihr ganzer Oberkörper nach vorne gerissen und die hing kopfüber von der Regenrinne. Das Adrenalin schoss Nijura durch den Körper und sie atmete flach und schnell.
Wieso passiert nur mir sowas? Warum bin ich bloß so ungeschickt?
Doch weiter konnte sie nicht denken, denn die Regenrinne gab sehr beunruhigende Geräusche von sich. Erschrocken blickte Nijura nach oben. Und mit einem Knacken flog sie samt Regenrinne den letzten Meter hinunter in das feuchte weiche Gras. Ein kurzer Schmerz durchzuckte ihren Kopf.
"Aua.", stöhnte sie und rieb sich ihren pochenden Hinterkopf. Auf einmal erleuchtete ein helles Licht aus dem Hausinnerin ihr Gesicht und panisch packte Nijura ihre Sachen zusammen.
Mist, ich war zu laut.
Nicht gerade elegant stürmte sie über den Rasen und stürzte durch die Thuja Hecke. Die kleinen Äste stachen sie und ihre hellen Haare verwickelten sich darin. Schnell rieß sie sich aus der Umarmung der Zweige und rannte atemlos weiter. Haarsträhnen grenzten ihre Sicht ein und sie strich sie sich aus dem Gesicht und blickte hinunter auf die Baker Street, die von ein paar wenigen Straßenlaternen und deren kalt, weißen Licht beleuchtet wurde. Im Hintergrund hörte sie wie mehrere Fenster aufgerissen wurde und einige Stimmen durcheinander riefen. Darunter auch die ihres Vaters.
"Tut mir leid. Aber jetzt fängt mein neues Leben an. Auf Wiedersehen, Dad.", flüsterte sie in dessen Richtung und zu dem großen Haus, in dem sie siebzehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte.
Und mit diesen Worten wandte sie sich ab und lief schnellen Schrittes die Straße hinab, zur nächsten Bushaltestelle.
KAMU SEDANG MEMBACA
17 Years
Fiksi Remaja17 Jahre - Nach siebzehn Jahren wagt Nijura endlich die Flucht vor ihren Eltern, die sie seit ihrer Geburt Zuhause festgehalten haben und jeglichen Kontakt zu Gleichaltrigen unterbunden hatten. In L.A. , bei ihrer Tante angekommen, versucht Nijura...
