Spanien. Das Einzige was mir jetzt spontan dazu einfällt ist natürlich die Sagrada Familia, das blaue Meer, die Wärme und der langweilige Spanischunterricht in meiner Schule. Vielleicht hätte ich da mehr aufpassen müssen, es hätte mir jetzt natürlich sehr viel genützt. Vielleicht wäre es auch besser einfach Zuhause zu bleiben und mich in meinem Bett zu verkriechen, so wie ich es immer tat. Ja...vielleicht wäre das wirklich besser.
-
Die Tür, zu meinem Zimmer, öffnete sich mit einem lauten Knall und ließ mich zusammenzucken. Ich machte mir nicht mal die Mühe von meinem Buch aufzusehen, denn es konnte kein anderer, als meine Mutter sein.
,,Hast du Hunger, mein Kind?" Sie sprach weder sanft noch in irgend einer Weise nett. Es klang eher danach, als würde sie gerade ein Meeting halten. Immer schön sachlich und ohne jegliche Emotionen. Aber es war nichts neues für mich.
,,Nein." Mein Blick lag immernoch auf dem Buch, trotzdem registrierte ich ihren tadelnden Blick. Wenn es nach ihr gehen würde, müsste ich mein Buch weglegen und höflich:,,Nein danke, Mutter.", sagen.
,,Du isst schon seit vorgestern nicht mit mir zu Mittag." Ihr Blick wollte mich durchbohren; sie wollte meine ganze Aufmerksamkeit. Sicherlich nicht.
,,Als ob dich das Stört. Ich bitte dich." Ich schnaubte abfällig und versuchte mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren, aber die Zeilen entglitten mir.
,,In 10 Minuten bist du unten am Tisch." Sie knallte die Tür hinter sich zu, was ihren Worten etwas furchteinflößendes verlieh.
Emotionsloses Biest.
Langsam legte ich mein Buch weg und machte mich auf den Weg in unser Esszimmer. Mein Handy ließ ich achtlos auf dem Schreibtisch liegen, obwohl ich nur zu gern ihre Reaktion gesehen hätte, wenn ich es mitnehmen würde. Sie würde mir wahrscheinlich die Gabel in den Rücken jagen.
,,Was gibt's heute?" Ich verschränkte die Arme und lehnte meinen Po gegen die Tischkante. Meine Mutter schaute von ihrem Besteck auf, was sie gerade sorgfältig hingelegt hatte. Ihr Blick glitt über meine verschränkten Arme bis zu meinem Po, der sich immernoch auf der Tischkante befand.
Sie war kurz davor was zu sagen, aber sie wusste, dass ich dann sofort wieder in mein Zimmer gehen würde.
Für einen Moment schloss sie die Augen, sie ertrug dieses Verhalten nicht, wollte aber nicht wieder streiten.
,,Brathähnchen." Sie antwortete wieder ohne jegliche Emotionen, obwohl ich eine klitzekleine Anwiderung raushören konnte. Ich fand es erstaunlich, wie gut sie ihre Gefühle verbergen konnte.
,,Cool." Ich stieß mich von der Tischkante ab und ließ mich auf den Stuhl plumpsen. Was meine Mutter wieder mit einem tödlichen Blick quittierte. Amüsiert lehnte ich mich zurück und schaute ihr zu, wie sie alles auf dem Tisch anrichtete. Als endlich alles fertig war, konnten wir mit essen beginnen.
Das Brathähnchen schmeckte wunderbar und meine Mutter war, ohne Zweifel, eine gute Köchin. Einer ihrer wenigen Pluspunkte. Sie war eine supergute Hausfrau, aber eine unmögliche Mutter.
,,Schmeckt es, Liebling?" Mit Worten wie: 'Liebling' , 'Engel' oder 'Täubchen', versuchte sie immer wieder ihre Emotionslosigkeit zu überspielen oder die Sanftheit, in ihrer Stimme, zu ersetzen. Ich ließ mich aber nicht verarschen.
,,Geht." Ich schaute überall hin, nur nicht zu ihr und stocherte nebenbei in meinem Teller rum. Ich wusste nicht einmal wirklich, ob es sie störte, dass ich so abweisend war.
,,Schau mich bitte an, wenn du mit mir sprichst, Täubchen." Ihre stimme war steif und streng. Langsam hob ich den Blick und schaute direkt in ihre braunen Augen. Braune Augen strahlten eigentlich wärme aus, aber ihre Augen waren kalt. Sie saß kerzengerade da, so als hätte sie einen Stock verschluckt. Ich hielt ihrem Blick stand, obwohl die kälte in ihren Augen unerträglich war.
Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, vestummte aber, weil das Telefon klingelte.
Ruckartig sprang ich auf.
,,Ich gehe ran." Glücklich darüber ihrem Blick entfliehen zu können, stürzte ich mich auf das Telefon.
,,Hallo." Sagte ich und drehte mich von meiner Mutter weg.
,,Hallo." Eine männliche Stimme, die ich nicht erkannte, erklang am anderen Ende der Leitung. ,,So schön dich wiederzuhören."
,,Entschuldigung, aber mit wem spreche ich?" Bestimmt ist das irgendein Arbeitskollege meiner Mutter. Als er mir nicht antwortete, wollte ich den Hörer meiner Mutter überreichen. ,,Hören Sie mich? Wollen Sie vielleicht mit meiner Mutter sprechen? Frau Kaminski?" Ich sprach extra ein wenig lauter, da der Mann vielleicht schwerhörig war.
,,Bloß nicht." Der Mann lachte und ließ mich erstarren. Ich kannte dieses Lachen. Dieses fröhliche Weihnachtsmann-Lachen.
,,Dad?" Als ich es ausgesprochen hatte, war meine Mutter direkt neben mir und sah aus, als würde sie mir das Telefon gleich aus der Hand reißen.
,,Ja, ich bin es." Ich freute mich darüber seine Stimme zu hören aber gleichzeitg war ich wütend auf ihn. Vor 10 Jahren ist er einfach gegangen. Aber ich nehme ihm das nicht übel. Ich würde auch flüchten, sobald ich die Gelegenheit dazu hätte. Ich war sauer auf ihn, weil er mich hier alleine gelassen hatte, mit diesem alten Besen alias Mutter. Und als ob das nicht reicht, hat er mich auch kein einziges mal angerufen. Das einzige wozu er fähig war, waren Geburtstagskarten. Die ersten 4 Jahre freute ich mich tierisch über jede Karte. Jetzt schmiss ich sie einfach in eine Kiste, unter meinem Bett.
Sie hatten keine Bedeutung mehr.
Morgen werde ich 16. Viele behaupten es wäre ein magisches Alter. Etwas besonderes.
Ich glaub nicht an sowas. Es ist einfach nur ein Alter, eine Zahl.
Aber dieser Anruf hatte echt etwas komisches an sich.
,,Nun?" Ich durchbrach die unangenehme Stille. Neben mir wedelte meine Mutter hektisch mit den Händen. Wenn ich nicht bald auflege, zerschneidet sie, mit hysterischem Kichern, den Telefonkabel.
,,Ich wollte dir zum Geburtstag gratulieren."
Herzlichen Glückwunsch, hier wären wir: Er hat mir ein Tag zu früh gratuliert.
Nächstes Jahr gratuliert er mir zwei Tage später und irgendwann garnicht mehr. Dam dam dam.
,,Danke, aber ich habe morgen Geburtstag." Sagte ich höflich.
,,War klar das es so weit kommen würde." Schimpfte meine Mutter leise vor sich hin. ,,Kann sich nicht mal merken, wann seine Tochter Geburtstag hat."
,,Ja, ich weiß." Er klang leicht belustigt. ,,Ich will dir persönlich gratulieren."
,,Echt?" Ich riss die Augen auf und quiekte wie ein Schwein. ,,Kommst du morgen zu uns?"
Meine Mutter war, bei diesen Worten, kurz davor in Ohnmacht zu fallen. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf und rieb sich mit der Hand die Stirn, so als hätte sie schreckliche Kopfschmerzen.
,,Nein, ich möchte dass du zu mir kommst."
Wie eine Verrückte rannte ich in die Küche, meine Mutter dicht hinter mir, und schnappte mir den nächst besten Zettel, der sich als Einkaufszettel entpuppte.
Eier
Toilletenpapier
Milch
War in der feinen Handschrift meiner Mutter auf den Zettel geschrieben.
,,Diktier mir den Namen der Straße!" Jede wut war verflogen. Ich könnte gleich Morgen in der Wohnung meines Vaters stehen. Vielleicht war sie ein bisschen dreckig und durcheinander, aber es war mir egal.
,,Tut mir leid, mein Schatz." Er klang traurig und verunsicherte mich damit. ,,Ich glaube nicht, dass du so schnell, wie dir lieb wäre, bei mir sein kannst."
,,Ehm okay... wo wohnst du denn?" Fragte ich zögernd.
,,In Spanien."
YOU ARE READING
Summer Roads
Teen FictionMeghan schlägt sich allein durchs Leben, seitdem ihr Vater sie verlassen hat. Ihre Mutter hasst sie wie die Pest und würde, sobald eine Möglichkeit da wäre, fliehen. Sie versteht nicht, wie ihr Vater ohne sie gehen konnte und warum er ihr nur dämli...
