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Kapitel 1

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Wie sage ich meiner Freundin, dass ich schwul bin?

Ich könnte natürlich zu ihr hingehen, meinen Heimwerkerhammer - aus dem Internet - vor ihr auf den Tisch werfen und sagen, ich würde ebenso das Handtuch werfen. Da mir das aber zu melodramatisch vorkam, suchte ich nach weiteren Ideen, während ich gedankenverloren die Haustür aufschloss. Oben wartete sie sicher schon auf mich mit meiner abendlichen Cola.

Bestimmt freute sie sich mehr, mich zu sehen als ich sie. Ich hielt inne. Unvorbereitet konnte ich schlecht dort oben auftauchen. Also lehnte ich mich gegen die Hauswand und atmete frische Abendluft ein.

Wie? Wie konnte ich so etwas über die Lippen bringen wie: "Ich glaube, ich liebe meinen Kollegen mehr als dich"
Als Frage formulieren wäre doch nicht schlecht: "Was würdest du sagen, wenn dir dein Freund - ich - sagen würde, dass er schwul ist? Oder ein bisschen bi" Um es weniger hart klingen zu lassen.
So eine Frage war sicher nicht so dumm wie ihre auf unserem ersten Date: "Galatasawas?"

Ich schob den Gedanken an diese Zeit beiseite. Wie konnte ich jemals denken, ich hielte es mit jemandem aus, der so...weiblich war. Nicht wie Jonas. Jonas war nicht weiblich.
So oft ich seine Mutter auch beleidigte, sie hatte eines der schönsten Hausacher Kinder gezeugt, die es gab.
Seine Lippen luden mich ein, sein Lächeln war so einnehmend.

Um nicht ins Schwärmen zu verfallen, bremste ich mich gerade rechtzeitig. Lösung finden. Darum stand ich hier.
Kein Weg führte daran vorbei, ihr alles zu beichten.
Ich beschloss, zu hundert Prozent ehrlich zu sein. So war es am besten, redete ich mir ein.
Entschlossen startete ich einen zweiten Versuch, die Tür aufzubekommen und schlüpfte hinein ins Warme. Das Schwitzen kam jedoch nicht nur von der plötzlichen Hitze.

Angstschweiß. Ich begann zu zittern wie ein schlechter türkischer Schauspieler aus einem Horrorfilm, im Augenblick vor dem der Horrorclown sich vor ihn beamte.
Am vorletzten Absatz der Treppe hielt ich kurz an und zögerte. Ich konnte nicht mehr. Ich erinnerte mich an Jonas' Worte: "Du bist fett, Alper"
Sie taten mir weh, aber ließen mich auch die letzten Treppenstufen zur Wohnung meistern. Für ihn würde ich zehn Kilo abnehmen, wenn es sein musste.

"Ich bin Zuhause!", rief ich in den Flur und zog mir die Jacke aus. Nervös massierte ich meine Schläfen, dann dachte ich: Hund aufs Herz, Alper! Du machst das jetzt!

Die Wohnung lag fast gänzlich im Dunkeln. Nur ein schmaler Lichtstrahl aus der Küche verriet, dass sie nicht verlassen war. Und dem folgte ich mit klopfendem Herzen.
"Hey", krächzte ich. Sie saß unmotiviert kauend am Esstisch und schaute kaum auf, als ich sie begrüßte. "Anstrengender Tag?" Sie nickte in Zeitlupe.
Immer noch kein Wort. Ich zog einen Stuhl zurück und setzte mich ihr gegenüber.
Schweigen. Bis sie mich endlich anguckte und meinte: "Die Bilder sind immer noch nicht aufgehängt, Heimwerkerking"
"Fang du nicht auch noch damit an", stöhnte ich. Ich erinnerte mich an meinen Wutausbruch während des Bilderaufhängens mit Jonas und Marius im Büro. Anfangs war ich wirklich sauer, aber als Jonas mich so versöhnlich angelächelt hatte...
"Ich mein ja nur", zickte meine Freundin und widmete sich ihrem griechischen Joghurt.

"Wir müssen reden", platzte es aus mir heraus. Ich setzte mich etwas gerader hin und suchte ihren Blick.
"Was denn?"
"Ich..." Ich fand die Worte nicht.
"Ich weiß ja, dass du einen Sprachfehler hast, aber mehr als ein Ich bringst du wohl hervor"
"Ich liebe dich nicht"
"Ich dich auch nicht" Sie grinste.
"Nein, du verstehst nicht, Schatz: Ich liebe dich wirklich nicht"
Jede Emotion wich aus ihrer Miene.
"Was?"
"Ich..."
"Du was?", kreischte sie plötzlich und stierte mich an mit ihren großen Rehaugen.
"Ich bin...bi?" Es klang mehr wie eine Frage.
"Schwul, Alper. Du bist schwul! Und verarsch mich nicht!" Mehr zu sich selbst fügte sie hinzu: "Und ich dachte ernsthaft, meine Freunde sagten das zum Spaß"
"Hey, ich wirke nicht schwul!"
"Sicher! Und jetzt geh"
Ich erhob mich unentschlossen und blickte umher.

"Gehen? Jetzt? Einfach so?"
"Die Liebe zieht dich doch zu anderen Ufern und um ehrlich zu sein: Ich wollte schon lange Schluss machen"
Ich ließ sie nicht aus den Augen, bis ich die Küche verlassen hatte und mir sicher war, dass sie mich nicht erstach.

Auf dem Bett liegend, die Tasche halb gepackt, starrte ich an die Decke. Was da gerade passiert war, war absurd. Meine Freundin reagierte auf die schlimmste Botschaft, die es für sie geben konnte mit einer kurzen Wutattacke und einem tränenlosen, eiskalten Geh!

Was ich da fühlte war...Erleichterung? Trauer? Obwohl ich sie nicht geliebt hatte, waren wir jahrelang unzertrennlich gewesen. Und das war jetzt weg. Auf einen Schlag.
Was jetzt? Ich hatte mir nie darum Gedanken gemacht, was ich machen würde, wenn in meiner Heimwerkerwohnung kein Heimwerkerking mehr gebraucht wurde.

Eine eigene Wohnung zu besorgen dauerte viel zu lang und auf der Straße hatte ich das letzte Mal als Student gewohnt, bevor ich den Job als Barkeeper angenommen hatte.
Was mir spontan in den Sinn kam, war Jonas zu fragen. Ihm so gegenüberzutreten mit der Gefahr, dass meine Freundin ihm unseren Trennungsgrund verriet, machte mir jedoch eine zu große Angst.

Blieb nur noch Marius. Der hatte sicher nicht die größte Lust auf einen Mitbewohner. Es gab keine Alternative. Ich rief ihn an und stellte auf Lautsprecher, während ich die restlichen Klamotten packte.

Es klingelte einmal. Zweimal. Und dann ertönte seine Stimme, grummelig wie immer: "Hallo?"
"Ich bin's, Alper"
"Dumm bin ich auch nicht. Steht ja aufm Display"
Ich verdrehte die Augen, was er zum Glück nicht bemerken konnte.
"Ja, ja. Hast du ein Zimmer frei?"
"Ist dein Heinwerkerdach zusammengestürzt oder was?", antwortete er. In seiner Stimme lag etwas mehr als Spott und Verwunderung. Sehr viel Spott und sehr viel Verwunderung.
"Nein, muss aber trotzdem weg. Ein kleiner...Konflikt" Ich räusperte mich, der Frosch ging nicht weg. "Geht es jetzt oder nicht?"
"Bleib ruhig, natürlich. Und jetzt schwing deinen Arsch hier rüber. Ich möchte schlafen"
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Nach der ersten Erleichterung kehrte jedoch die Sorge wieder zurück. Bei all der Aufregung hatte ich meinen Essay vollkommen vergessen. Morgen musste gedreht werden. Ich stöhnte auf. Ein Problem gelöst, tausend andere noch vor mir.

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