Ohne Titel Teil 1

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Mein Ableben war unspektakulär, ich bekam es erst selbst nicht richtig mit, beziehungsweise ich nahm das, was ich erlebte, mit derselben Selbstverständlichkeit zur Kenntnis wie einen Traum, Sie kennen das, man steht nackt in einem Aufzug oder fliegt mit ein paar rudernden Armbewegungen über ein Tal hinweg, findet das selbst zwar etwas merkwürdig, aber da es nun mal gerade so passiert, ist es eben so; und erst wenn der Wecker den Traum beendet, denkt man, was für ein Unfug, erst dann denkt man das, vorher war es normal; und kurz darauf ist sowieso alles verflogen wie ein Atemwölkchen im Winter.

So saß ich oben auf dem hohen Pfeiler der Hängebrücke über den Fluss, links und rechts von mir spannten sich wie überdimensionale Harfen die dicken Drahtseile herab, etwa dreißig Meter unter mir beobachtete ich drei Personen, zwei Läufer und einen Radfahrer, die sich hilflos über den reglosen Körper beugten, welcher bis eben gerade noch meiner war; einer der Läufer telefonierte, der Radfahrer unternahm einen unbeholfenen Versuch, meinen Körper in stabile Seitenlage zu bringen, so wie er es vor vielen Jahren wohl in einem Erste-Hilfe-Kurs gelernt und inzwischen wieder erfolgreich verlernt hatte. Kurz darauf kam der Rettungswagen mit blaublinkendem Getöse, drei Leute in grellem Orange sprangen heraus, legten mich auf die Bahre und bedeckten mich komplett mit einem hellen Tuch, womit klar war, dieser Körper hatte seine Funktion erfüllt.

Ich nahm die Szene von meinem hohen Beobachtungsplatz aus eher interessiert als beunruhigt zur Kenntnis, manchmal weiß man ja bereits während des Träumens, dass man träumt. Es war ein Scheißtag gewesen, natürlich ein Montag, was sonst, körperlich und mental noch voll im Wochenende hatte ich mich morgens zur Arbeit gequält, dort als erstes einen saftigen Einlauf vom Chef erhalten für eine Kundenreklamation, die ein anderer verbockt hatte, früh Feierabend gehabt, dann in die Laufklamotten und raus, meine übliche Runde, den Fluss rauf, über die Südbrücke rüber, auf der anderen Seite zurück. Auf der Nordbrücke ereilte es mich dann, während aus meinen Kopfhörern ,I'm Alive' von ELO kam, ein plötzliches Stechen in der Brust, denn war es schon vorbei, ich lief weiter, leichter und unbeschwerter als je zuvor, mit jedem Schritt hob ich ein Stück ab, als hätte die Schwerkraft nachgelassen, ich konnte plötzlich Sprünge von mehreren Metern machen, und wenn ich mich vom Boden abstieß, schoss ich in die Höhe wie einst Armstrong auf dem Mond; außerdem war ich nackt.

Ich konnte fliegen. Ich war nackt und konnte fliegen - also träumte ich, was sonst. So saß ich also auf dem Brückenpfeiler und wartete auf den Wecker, während sie unten die Bahre mit dem Tuch darüber in den soeben eingetroffenen Leichenwagen wuchteten, an einem Ende lugten zwei Füße mit Laufschuhen hervor, das Blaulicht erlosch und die Wagen fuhren weg, in meinem Kopf spielte noch immer ,I'm Alive', diese dramatisch-orchestrale Stelle kurz vor Schluss. Die zwei Läufer liefen nicht mehr, sie gingen mit gesenkten Köpfen von der Brücke, und der Radfahrer radelte langsam in entgegengesetzte Richtung.

Statt des Weckers sagte plötzlich eine Stimme schräg hinter mir meinen Namen. Ich drehte mich um und schaute in die strahlend blauen Augen eines unverschämt gut aussehenden jungen blonden Kerls, der wie aus dem Nichts neben mir auf dem Brückenpfeiler saß; ein blonder Engel, so mein erster spontaner Gedanke. Er trug eine Art Overall aus einem schimmernden silbergrauen Stoff, was ein wenig an Christopher-Street-Day erinnerte, nur dass sie da mehr Haut zeigten. Mit sanfter Stimme sagte er:

„Entschuldige bitte meine Verspätung; ER hat mal wieder die Tagesverkündungen etwas überzogen, es ist immer dasselbe, wenn ER erstmal mal in Fahrt ist, findet ER kein Ende, aber das wirst du ja bald selbst erleben. - Bist du so weit, können wir?"

Ohne zu antworten bedeckte ich erstmal meine Blöße mit der Hand, schließlich war ich nackt, während er diesen tuntigen Fummel trug. Wer war dieser Typ, was redete er für komisches Zeug, und wer bitte schön war ER, den er so aussprach als sei es der liebe Gott persönlich?

„Ach ja, entschuldige, hier zieh das über." Dann reichte er mir so ein ähnliches Teil, nur aus einem beige-gelben Stoff, ohne diesen Schimmer, ich schlüpfte hinein, ausgesprochen bequem, und es passte mir wie angegossen. „Also?", fragte er auffordernd und reichte mir seine Hand, die angenehm weich und warm war.

Ich konnte gerade noch nicken, dann schlief ich ein.

Bericht aus PeyxWo Geschichten leben. Entdecke jetzt