Ohne Titel Teil9

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Vielleicht zum allgemeinen Verständnis noch ein paar grundsätzliche Fakten über das Leben in Peyx. Erste Station ist für jeden das schon beschriebene Übergangsamt, dort wird anhand des irdischen Vorlebens entschieden, wie lange man hier bleiben darf. Grundsätzlich doppelt so lange wie das vorherige irdische Leben andauerte, in meinem Fall also vierundsechzig Jahre, bevor ich zurück muss; mindestens darf man - sofern das Punktekonto es zulässt - dreißig Jahre bleiben.

Wer möchte, darf auf Antrag früher zurück, wobei freiwillige vorzeitige Rückkehrer ein Stück weit Einfluss darauf nehmen können, wo, als was und in welche Verhältnisse sie zurückgeboren werden; nur ihnen wird Einblick gewährt in die Liste der freien Stellen auf Erden, während alle anderen, also diejenigen, deren Zeit hier abgelaufen ist, durch das Übergangsamt zugeteilt werden.

Kontakt zu den Lebenden auf der Erde ist grundsätzlich nicht möglich und auch strengstens verboten, ich vermute mit Rücksicht auf den Papst und seine Kollegen anderer Religionen. Wie sollten die ihre Lehren sonst ihren Gläubigen verkaufen, wenn die von ihren verstorbenen Angehörigen ständig geflüstert bekämen, wie es wirklich ist? Ich weiß nicht, warum Walter das so geregelt hat, aber ich bin mir sicher, er weiß was er tut. Schließlich sind die päpstlichen Lehren und Ansprachen wichtiger Bestandteil des Peyxschen Unterhaltungsprogramms und erfreuen sich größter Beliebtheit. So wird die päpstliche Weihnachtsbotschaft jedes Jahr live in allen Kinos gezeigt, und trägt jedes Mal sehr zur allgemeinen Erheiterung bei. Auch gehören Witze über Kirche, Papst, Islam, Judentum und so weiter hier zum guten Ton.

Bestimmte Ausnahmen gestatteten es uns, auf die Erde zu reisen: zur eigenen Beerdigung und einmal im Jahr für jeweils einen Tag, an einen beliebigen Ort und in eine beliebige Zeit. Grundsätzlich nicht als Mensch; die Gefahr, mit den Lebenden in Kontakt zu kommen, wäre einfach zu groß, und das ist ja, wie gesagt, strengstens verboten, auch Walter daselbst vermeidet den direkten Kontakt zu den sterblichen Menschen, auch wenn der Papst oder Leute wie George W. Bush bisweilen behaupten, Gott hätte zu ihnen gesprochen; wenn wir also einen Ausflug auf die Erde unternehmen, dann können wir wählen zwischen der Gestalt eines beliebigen Tieres oder der Körperlosigkeit, als Geist sozusagen. Daher, wenn Sie mal wieder eine Fliege nervt, schlagen Sie nicht gleich danach, es könnte Opa sein!

Nur auf besonderen Antrag darf man ausnahmsweise auch als Mensch den Erdentag verbringen mit der strengen Auflage, auf keinen Fall aktiv in das Geschehen einzugreifen; wer es trotzdem tut, muss gleich dort bleiben und sehen, wie er klar kommt, zumal seine Erinnerung an Peyx augenblicklich ausgelöscht ist. Erinnern Sie sich noch an die Presseberichte über den blonden jungen Mann, der vor einigen Jahren in einem schwarzen Anzug an einem Strand, ich glaube es war in Schweden, aufgefunden wurde und sich an nichts erinnern konnte, nicht einmal seinen eigenen Namen wusste? Man erzählt sich, er habe kurz zuvor einer zufällig vorbei kommenden Touristin mit Blick auf ihre beeindruckende Oberweite so etwas wie „Wow, tolle Aussicht!" zugerufen, zack, war er wieder irdisch, mit gelöschter Festplatte, in dieser Hinsicht verstehen die hier wirklich keinen Spaß.

Das mit der gelöschten Festplatte gilt übrigens für alle, deren Zeit in Peyx abgelaufen ist, sämtliche Erinnerungen daran sind fort, oder können Sie sich noch daran erinnern? Und seien Sie sicher, Sie waren schon hier, mehrere Male!

Grundsätzlich kommt man hier so an, wie man die Erde verlassen hat, also im selben Alter und mit dem selben Aussehen, nur ohne eventuell vorhandene Krankheiten und körperliche Gebrechen, die bleiben als Teil des Höllenkonzepts auf der Erde; wenn man also zum Beispiel die Erde einhändig verlässt, weil die andere Hand schon vor Jahren die Kreissäge geholt hat, dann findet man sich hier vollzählig wieder, wobei die Hand nicht etwa im kühlen Keller des Übergangsamts auf ihren Besitzer gewartet hätte, nein, sie ist einfach so wieder da, wo sie hingehört, weiß Walter wie das funktioniert. Auch wenn man nur noch in Einzelteilen aus der Welt gegangen ist, vielleicht weil man vom Zug überrollt wurde oder sich im falschen Moment in der Nähe einer Bombenexplosion aufgehalten hat, kann man gewiss sein, hier ohne die kleinste Schramme einzutreffen. Übrigens beneide ich nicht die Pleger, die derartige Kunden abholen dürfen. Besonders verwundert hierüber sind zumeist neu angekommene Juden und Muslime, wenn sie, oft zum ersten Mal, ihre Vorhaut sehen.

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