Der große Unbekannte

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Es ist der 19.02.2018 und ich frage mich immer öfter, was mit mir nicht stimmt. Ich weiß schon lange, dass ich anders bin, dass ich mich mehr anstrengen muss, um in das Raster zu passen, aber gerade wird es mir zu viel. Ich-

„Hey, beweg deinen Arsch sofort hier her und tu endlich was! Erst kochst du mir was und dann machst du die Wäsche." Der Schauer, der mich beim Klang dieser Stimme jedes mal überkam, durchdrang meinen Körper auch dieses mal. Ich stand auf und ging zu ihm, zu dem Mann, bei dem ich lebte. Er war nicht mein Vater, aber meine Mutter hatte ihn vor einigen Jahren verlassen und ich habe es nicht geschafft, mit ihr zu gehen. Ich wusste, dass er es alleine nicht schaffen würde und nun zahle ich den Preis. Schon als ich die Küche betrat wusste ich, dass dieser Abend nicht gut ausgehen würde. Während die Kartoffeln im Topf kochten und ich währenddessen die Ablage sauber machte, kam er von hinten immer näher an mich heran. Er fasste meinen Arm und drehte mich zu sich herum. Das passierte manchmal aber ich habe gelernt, dass es einfacher ist, es zu akzeptieren, als sich zu wehren. Es tut einfach weniger weh und er ging nicht bis zum Äußersten.  Dieses mal packte er mich an den Hüften und drückte mich gegen den Schrank. Die Kante drückte in meinen Rücken. Er begann schnell und ruckartig, meine Hose zu öffnen, als ich schreien wollte, hielt er mir den Mund zu. Als er seine Hose öffnen und mir seine Zunge in den Hals stecken wollte, griff ich hinter mich. Dort lag ein Messer, welches ich wegräumen wollte. Ich packte es und bevor er es verhindern oder ich weiter darüber nachdenken konnte, schlitzte ich ihm den Hals auf. 

Er rutschte an mir zu Boden, meine blutüberströmten Hände zitterten, das Messer fiel mit einem Klirren auf den Boden. Ich war völlig erstarrt, konnte keinen klaren Gedanken fassen, alles was ich wusste war: Ich muss weg. Ich warf einen letzten Blick auf seinen leblosen Körper und die Menge an Blut verriet mir, dass ich keinen Krankenwagen mehr rufen musste. Jemand anderes hätte vermutlich gesagt, er hatte es verdient, aber ich glaube bis heute, dass man ihn hätte verändern können, ihn retten können.
Von den nächsten Stunden weiß ich kaum noch etwas. Ich muss wohl in einen Bus und dann in einen Zug gestiegen sein, mitgenommen habe ich nichts. Alles, was mir etwas bedeutet habe ich zum Schutz bei meiner Mama gelassen. Als ich im Zug saß und weinte habe ich immer und immer wieder ihren Namen gesagt. 
Irgendwann in der 5. Nacht, die ich auf irgendeinem Bahnhof in Frankfurt verbrachte, sprach mich ein Mann an. Er hatte braunes kurzes Haar, grüne Augen und eine Narbe auf der Wange. Etwas sagte mir, dass das nicht seine einzige war. Er trug schlichte schwarze Kleidung, eine dunkelgrüneHose und schwarze Schuhe. In der rechten Hand trug er einen großen Rucksack. Ich saß auf dem Boden und war kurz vor dem Erfrieren, immerhin war es Anfang Dezember. Der Mann sah mich eine Weile nur an, da verlor ich die Geduld, immerhin sind wir nicht im Zoo. „Was guckst du so blöd? Noch nie jemanden auf einem Bahnsteig sitzensehen?"
Mit einem belustigten Grinsen antwortete er mir: „Nicht zu dieser Jahreszeit. Da gehen sogar die Penner ins Warme. Du bistwohl nicht von hier, oder?"
Ich wollte etwas pampiges erwidern, aber er hatte recht, es ist viel zu kalt, um hier zu überleben und ich wusste nicht, wo ich hin konnte, zumal ich vermutlich polizeilich gesucht wurde.

„Komm."
Er streckte seine Hand aus und wollte mich am Arm hochziehen. In dem Moment, als seine Haut meine berührte, fuhr ich zusammen. Die Erinnerungen an den Abend kamen mit voller Wucht zurück und überwältigten mich. Ich begann zu schreien und zu weinen, und ich bettelte um Vergebung. Ich konnte nur noch weinen. Der Mann sah mich wenige Sekunden an, dann legte er beiden Arme um meinen zitternden Körper und trug mich fort. Mit mir in seinen Armen liefen wir zu einem großen Auto. Er sagte dem Fahrer eine Adresse, ich wundere mich bis heute, wie er das bei meinem Geheule verstehen konnte, denn ich hatte mich kein bisschen beruhigt. Im Auto hielt der Mann Abstand zu mir, er berührte mich nicht und sah mich auch nicht an. Das tat er erst, als wir anhielten. 
„Wo sind wir? Wer sind sie?" schluchzte ich.
Wieder sah er mich für einen Augenblick nur an, dann sagte er „Ich bin jemand, der dir helfen wird und du bist jetzt in Sicherheit."
Das sind zwar reichlich wenig Angaben, aber etwas brachte mich dazu, auszusteigen. Ob es diebloße Verzweiflung oder das unerklärliche Vertrauen zu dem Mann mit den grünen Augen war, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass wir in ein großes Haus gingen, groß ist untertrieben, es war gigantisch. Er brachte mich in ein helles Zimmer mit wenig Möbeln. Es war zwar groß, beherbergte aber lediglich einen Schrank, eine Kommode und ein Bett. Die Tür auf der anderen Seite führte zum Badezimmer, wie er mir erklärte. Dann wünschte er mir eine gute Nacht und ging.
Ich stand nun allein und hilflos in einem fremden Zimmer in einem fremden Haus in einer fremden Stadt. Meine einzigen Optionen waren also entweder flüchten oder mich in das bestimmt warme und weiche Bett zu legen und zu schlafen. Schlimmer kann es sowieso nicht werden. Und genau das tat ich auch und ich habe lange nicht so gut geschlafen wie in dieser Nacht.


Als ich am nächsten Morgen erwachte musste es schon Mittag gewesen sein. Vor meinem Bett lagen saubere Sachen - eine blaue Hose und ein weißes T-Shirt. Daneben lagen auch Strümpfe und Unterwäsche. Ich entledigte mich meiner alten Klamotten und zog die neuen an. Der Stoff war weich und roch nach Rosen. Dann öffnete ich vorsichtig die Tür und trat in den Flur. Es war keiner zu sehen, aber es roch nach Essen. Kurz entschlossen folgte ich dem Duft und betrat eine große helle Küche. Am Herd stand ein Mann, nur in lockeren Hosen bekleidet. Ich wollte mich umdrehen und gehen, aber die Diele unter mir knarrte. Innerlich fluchte ich und der Mann drehte sich zu mir um. Ich kam nicht umhin,seinen Körper zu mustern. Er war trainiert aber das war es nicht, was mich so faszinierte, es waren die vielen Narben, die seinen Oberkörper zierten. Er schien darauf zu warten, dass ich etwas sagte, aber was sollte das schon sein? Ich bin in seinem Haus aufgewacht, trage Kleidung, die mir nicht gehört und habe keinen blassen Schimmer, wer dieser Mann ist. Er schien mein Problem zu bemerken und begann das Gespräch. 

Etwas überrumpelt davon, wie viel der große Unbekannte plötzlich von sich gab, antwortete ich: „I-Ich heiße Mi-Miriam. Danke, dass ich hier schlafen durfte, a-aber wieso?"

Mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, den ich noch nicht zuordnen konnte, sagte er: „Weil ich weiß, wie es ist, ganz unten zu sein."
Damit war unser Gespräch beendet, denn er stellte einen Teller Rührei vor mir ab und verließ das Zimmer. Zuerst wollte ich ihm nach, aber da mir eh die Worte fehlten, konnte ich ebenso gut erst etwas essen, denn das hatte ich seit gut 5 Tagen nicht getan.

Nachdem ich fertig war erkundete ich das Haus oder besser, das Anwesen. Es war wirklich riesig. Alles war schlicht in weiß und grau gehalten, es wirkte sehr modern. Irgendwann auf meiner Tour gelangte ich in eine Art Keller, zuerst wollte ich mich umdrehen und gehen, aber dann hörte ich Geräusche, die wie ein Kampf klangen. Ich öffnete leise die Tür und was ich sah verschlug mir zuerst die Sprache. Er stand in der Mitte des Raumes und trainierte etwas, das wie Kampfsport aussah, an einer Puppe. Und die Puppe verlor. Natürlich hatte er mich bemerkt und starrte mich an. Vermutlich hätte ich mich entschuldigen sollen,aber alles, was ich sagen konnte, war: „Bringen sie mir das bei."

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⏰ Last updated: Feb 19, 2018 ⏰

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