Fünfzehn Jahre zuvor
Der Wald lag unter dem silbernen Licht des Vollmondes, der sich seinen Weg zwischen den dunklen Wolken bahnte und die hohen Tannen in ein kaltes, beinahe unwirkliches Licht tauchte. Der Regen hatte vor wenigen Minuten aufgehört, doch von den Ästen tropfte noch immer Wasser auf den moosbedeckten Boden, während dichter Nebel zwischen den Baumstämmen hing und jeden Schritt verschluckte, noch bevor ein Geräusch entstehen konnte. Es war eine jener Nächte, in denen die Welt den Atem anzuhalten schien. Kein Vogel sang, kein Rascheln verriet ein Reh oder einen Fuchs, und selbst der Wind, der sonst unermüdlich durch die Baumkronen strich, war verstummt, als hätte die Natur längst begriffen, dass diese Nacht das Leben vieler Menschen für immer verändern würde. Zwischen den Bäumen bewegte sich nur eine einzige Gestalt, deren Atem in kleinen weißen Wolken vor ihrem Gesicht sichtbar wurde, während sie sich mit letzter Kraft durch das dichte Unterholz kämpfte. Amelia Harris lief, ohne sich umzusehen. Jeder Schritt ließ ihre Beine schwerer werden, jeder Atemzug brannte in ihrer Brust und der lange dunkle Mantel, den sie trug, war vom Regen vollkommen durchnässt, sodass er sich wie Blei an ihren Körper schmiegte. Mehrmals blieb der Stoff an Dornen hängen, Äste schlugen ihr gegen die Arme und hinterließen blutige Kratzer auf ihrer Haut, doch sie achtete nicht darauf. Schmerzen bedeuteten nichts mehr. Es gab nur noch ein Ziel. Sie musste ihre Tochter in Sicherheit bringen.
Zoey lag eng an ihre Brust geschmiegt und hielt mit ihren kleinen Händen den abgewetzten Stoffhasen fest umklammert, den sie überallhin mitnahm. Sie war gerade einmal zwei Jahre alt und verstand nicht, weshalb ihre Mutter mitten in der Nacht mit ihr durch einen dunklen Wald lief. Immer wieder hob sie verschlafen den Kopf, blickte mit ihren großen blau-grauen Augen in das Gesicht ihrer Mutter und schloss sie kurz darauf wieder, als würde sie darauf vertrauen, dass alles in Ordnung war, solange sie in ihren Armen lag. Dieses Vertrauen ließ Amelia beinahe das Herz brechen. Vorsichtig strich sie ihrer Tochter eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr längst die Tränen in den Augen brannten. „Es ist nicht mehr weit, mein kleiner Stern", flüsterte sie so leise, dass ihre Stimme kaum mehr war als ein Hauch zwischen den Bäumen. „Papa wartet schon auf uns." Sie wusste selbst nicht, ob sie ihrer Tochter oder sich selbst Mut zusprechen wollte. Ethan wartete tatsächlich am vereinbarten Treffpunkt, irgendwo am Waldrand, wo er den Wagen versteckt hatte. Sie hatten diesen Plan unzählige Male durchgesprochen, für den Fall, dass dieser Tag jemals kommen würde. Beide hatten gehofft, ihn niemals umsetzen zu müssen. Doch Hoffnungen interessierten das Schicksal nicht. Es nahm sich, was es wollte, und ließ nur selten eine Wahl.
Seit Stunden waren sie auf der Flucht. Amelia hatte jeden versteckten Pfad genutzt, den sie aus ihrer Kindheit kannte, war durch Bäche gelaufen, um ihre Spur zu verwischen, hatte Umwege in Kauf genommen und mehrfach geglaubt, ihre Verfolger abgeschüttelt zu haben. Doch jedes Mal war dieses Gefühl zurückgekehrt. Dieses kaum greifbare Brennen im Nacken, das ihr verriet, dass sie beobachtet wurde. Sie musste niemanden sehen, um zu wissen, dass sie nicht allein war. Sie spürte ihre Nähe mit jeder Faser ihres Körpers. Manchmal glaubte sie sogar, zwischen den Bäumen goldene Augen aufblitzen zu sehen, nur um im nächsten Moment festzustellen, dass dort nichts als Dunkelheit war. Vielleicht spielte ihr die Erschöpfung Streiche. Vielleicht wollte sie sich das einreden. Tief in ihrem Inneren wusste sie jedoch längst, dass sie sich nicht irrte. Sie kamen näher. Mit jedem Schritt verringerte sich der Abstand zwischen ihnen, und irgendwann würde ihre Kraft nicht mehr ausreichen, um weiterzulaufen.
Plötzlich knackte hinter ihr ein Ast.
Amelia blieb nicht stehen. Sie zog Zoey fester an sich und beschleunigte ihre Schritte, obwohl ihre Beine längst gegen jede Bewegung protestierten. Kaum hatte sie den kleinen Waldpfad verlassen, durchschnitt ein langgezogenes Heulen die nächtliche Stille. Es war tief, rau und so nah, dass sich jedes Haar in ihrem Nacken aufstellte. Wenige Sekunden später antwortete ein zweites Heulen, dann ein drittes, bis der gesamte Wald von den unheimlichen Lauten erfüllt wurde, die zwischen den Baumstämmen widerhallten und jede Hoffnung auf einen Irrtum zerstörten. Das war kein gewöhnliches Wolfsrudel. Es war ein Jagdruf. Zoey zuckte erschrocken zusammen und begann leise zu wimmern. Sofort drückte Amelia ihre Tochter enger an sich, küsste sie auf den Kopf und strich beruhigend über ihren Rücken. „Schhh", murmelte sie mit zitternder Stimme. „Ich bin hier. Ich passe auf dich auf." Es war ein Versprechen, das jede Mutter ihrem Kind gab, doch Amelia wusste, dass sie es vielleicht schon in wenigen Minuten nicht mehr halten konnte. Genau dieser Gedanke verlieh ihr neue Kraft. Sie durfte jetzt nicht aufgeben. Nicht, solange Zoey noch in ihren Armen lag.
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Im Schatten des Mondes - Silvermoon Academy (Buch 1)
FantasySeit dem tragischen Tod ihrer Mutter lebt Zoey Harris allein mit ihrem Vater. Als er sie plötzlich auf die abgelegene Silvermoon Academy schickt - ein Internat für besondere Jugendliche -, ist Zoey überzeugt, dass ein Fehler vorliegt. Sie gehört dor...
