Ein 55 jähriger Mann, Graham, saß, wie jeden Abend, am Esstisch mit seinen drei Kindern. Zwei Söhne, eine Tochter. Die Mutter seiner Kinder, Mary, verstarb vor 10 Jahren an Krebs. Da Graham den ganzen Tag arbeiten musste und er seine Kinder somit nur am Abend zu Gesicht bekam, hatte er seit dem Tod von Mary beschlossen, mit seinen Söhnen und seiner Tochter jeden Abend zusammen zu essen. Als sie noch Kinder waren, war es leicht gewesen, mit ihnen zu reden, die Beziehung zu ihnen aufrecht zu erhalten, trotz Verlust der Mutter. Aber je älter sie wurden, desto stiller war es am Esstisch, desto weniger erzählten sie, desto schwerer wurde es für Graham einzuschätzen, wie es seinen Kindern ging und was in ihrem Leben los war. Er versuchte es. Auch heute.
„Elliot, leg dein Handy weg. Das ist unhöflich!", meckerte Graham seinen ältesten Sohn an. Vor zwei Wochen wurde er 17.
Elliot schnaubte genervt, steckte sein Handy in die Hosentasche und legte etwas von dem Hähnchen auf seinen Teller. Verkrampft suchte Graham ein Thema, das er aufgreifen konnte, über das er mit ihnen reden konnte. Er wollte kommunizieren, er wollte wissen, was im Leben seiner Kinder los war, was sie beschäftigte, ob sie Probleme hatten.
„Na, Elliot, wie ist es momentan in der Schule und mit deinen Freunden? Und deiner Freundin, Jennifer, richtig? Wie läuft es so mit ihr?", versuchte Graham, der jugendlichen Sprache gerecht zu werden und mit seinem Sohn zu kommunizieren.
„Die Schule läuft gut. Mit meinen Freunden auch.", war Elliots knappe Antwort. „Und Jennifer?", hakte Graham nach. Elliots kleiner Bruder, Pascal, schaute ihn an, da er genau wusste, wie es lief. Jennifer hatte ihn verlassen. Später erfuhr Elliot, dass sie ihn nur ausgenutzt hatte, als Statussymbol. Noch dazu hatte sie Monate lang eine Affäre gehabt und ihn für diese Affäre verlassen. Dieser andere Junge war angesehen. Sah gut aus. Ein sehr beliebter Junge mit vielen „Freunden". Alles Aspekte, die Elliot seit der Trennung an ihn selbst bemängelte.
„Gut", war letztendlich seine Antwort. Natürlich war es eine Lüge, genau wie die Sache mit seinen Freunden. Sein bester Freund, Aaron hieß er, den er seit 11 Jahren kannte, mit dem er immer alle seine Geheimnisse und alle schönen Erlebnisse geteilt hatte, war nun weg. Er war umgezogen. In eine Stadt, die so weit weg war, dass man mit dem Zug sechs Stunden brauchen würde. Den Namen der Stadt wollte Elliot sich nicht merken. Er wollte ihn vergessen, weil er einen so großen Hass auf diese Stadt hatte. Irgendwas musste er ja dafür hassen.
Elliots andere Freunde waren falsch. Sie nutzten ihn nur aus. Leihten sich von ihm Geld, ohne es zurückzuzahlen; kamen nur zu ihm, wenn sie etwas von ihm brauchten und nicht, weil sie Zeit mit Elliot verbringen wollten. Er war das fünfte Rad am Waagen.
Noch dazu fehlte ihm seine Mutter. Mit ihr hatte er eine sehr starke Verbindung als Kind. Nachdem sie starb, hatte er niemanden mehr in der Familie, dem er so nah sein konnte. Er wollte auch niemanden mehr so nah sein.
Er fühlte sich nur noch überflüssig und einsam.
Und niemand sah die vielen Narben auf seinen Armen und Beinen.
„Schön, dass es mit deiner Freundin gut läuft. Was ist mit dir, Pascal? Hast du schon ein nettes Mädchen kennengelernt?", wollte Graham nun von seinem 15, fast 16, jährigen Sohn wissen.
„Nein", erwiderte dieser trocken.
„Hast du denn schon ein Auge auf ein Mädchen geworfen, he? Aus deiner Klasse vielleicht?", hakte Graham nach, ihm zuzwinkernd.
Aber dieser schüttelte nur gedankenversunken den Kopf und legte sich noch eine Portion Reis auf seinen Teller.
Sein Kopfschütteln stimmte aber nicht ganz. Es gab jemanden, den er mochte. Viel mehr als nur mochte. Sein Name war Johnny. Ein Junge, ein Jahr älter als Pascal und ging in seine Klasse. Früher dachte Pascal, er hätte sich damals in ein Mädchen verliebt, am Anfang der Mittelstufe. Doch als Johnny kam, merkte er, dass er vorher nie verliebt war, nicht Mal ein bisschen verknallt. Er hatte sich das immer nur eingeredet. Nun wusste er, was Liebe wirklich war. Aber gut war es nicht für ihn ausgegangen. Pascal hatte Johnny von seinen Gefühlen erzählt. Nach über einem halben Jahr, wo er mit sich selbst gerungen hatte, hatte er sich seiner Liebe offenbart. Doch Johnny hatte nichts gesagt. „Ich bin nicht schwul", sagte er nur und ignorierte ihn dann. Johnny hatte es nur seinen Freunden erzählt. Gemeinsam hatten sie Pascal ausgelacht. Sie hatten ihn herum geschubst. Mit Sachen beworfen. Ihn beleidigt. „Schwuchtel" hatten sie ihn genannt. „Widerlich". „Abnormal". Und Pascal glaubte, was sie sagten. Das schlimmste für Pascal war jedoch, dass Johnny mitgemacht hatte. Seine einzige große Liebe.
„Wie sind bei dir die Noten?"; fing Graham an weiter zu fragen.
„Ganz okay", war Pascals kalte Antwort. Sein Vater wusste nicht, dass er wegen dem Mobbing und allem anderen, in der Schule immer schlechter geworden war. Er würde wahrscheinlich sitzen bleiben.
Aber er konnte nichts tun. Er konnte niemanden von Johnny erzählen. Er hatte zu sehr Angst genau so abgewiesen und behandelt zu werden wie von Johnny. Pascals Vater hatte stark konservative Werte. Sein Bruder benutzte homophobe Beleidigungen. Seine Großeltern fanden Homosexuelle widerlich und abnormal. Sie würden ihn niemals akzeptieren. Sie würden ihn raus werfen, vielleicht sogar schlagen?
Seine alten Freunde waren weg. Er wollte sie deswegen irgendwann nicht mehr unnötig belasten.
Jedes Mal, wenn er versuchte, seinen Schmerz zu erklären, scheiterte er; traf auf Unverständnis. Seine alten Freunde verstanden es nicht. Sein Vertrauenslehrer verstand es nicht. Seine Schwester verstand es nicht. Keiner konnte sich in ihn hineinversetzen. Er hatte auch nie alles erzählt, sondern immer nur einen ganz kleinen Bruchteil, aber wenigstens hatte er es versucht, darüber zu reden. Pascal war ja so oder so schon immer sehr introvertiert gewesen, aber er hatte mit der Zeit komplett verlernt, sich jemanden zu öffnen. Nicht mal mehr ein kleines Bisschen. Er konnte es einfach nicht mehr. Also schwieg er. Er schwieg und kämpfte.
Und nun dachte er an Suizid. Er wollte den ganzen enormen Schmerz beenden. Er dachte pausenlos daran, sich das Leben zu nehmen. Und morgen würde er es tun.
„Lyanna, das Essen schmeckt hervorragend," wandte sich Graham nun seiner 14 jährigen Tochter, „aber willst du wirklich nichts essen?", beendete er seine Frage. Mittlerweile ist Lyanna diejenige, die kocht. Sie wollte es so.
„Nein, Papa, ich habe doch gesagt, ich habe schon gegessen.".
Graham nickte. Das sagte sie in letzter Zeit jeden Tag; sie hätte bereits vorher gegessen, weil sie nicht solange warten könne. Am Esstisch saß sie dann immer mit einer Tasse Kaffee, was ihre Familie wunderte, da sie danach trotzdem schlafen konnte.
Aber Graham bemerkte nicht, dass sie log. Sie konnte gut lügen. Andere täuschen. Sie konnte die Kontrolle behalten.
Doch das war nicht immer so. Vor einem Jahr war sie übergewichtig gewesen und war dafür gemobbt worden. „Fett" wurde sie genannt; sie würde sich „zu sehr vollstopfen". Doch sie hatte gegessen, wie jeder andere auch. Also hatte sie angefangen zu hungern und nahm ab. Als sie schlank geworden war, wurde sie beliebt. Jeder wollte so sein, wie sie. Doch sie konnte nicht aufhören abzunehmen. Zu groß war die Angst vor dem zunehmen. Also hungerte sie weiter, aß manchmal ein oder zwei Wochen lang nichts. Somit wurde sie immer schwächer. Sie wurde oft Ohnmächtig. Ihre Haut wurde blass und matt und ihre Haare fielen ihr aus. Doch niemand sah es. Genau so, wie niemand sah, dass sie mittlerweile so mager war, dass man jede Rippe und jeden Knochen sehen konnte. Sie trug weite Kleidung, um ihre Figur zu kaschieren. Sie fühlte sich immer noch unwohl in ihrem Körper. Sie fand sich immer noch zu dick, obwohl ihr alle sagten, sie wäre schön und schlank. Aber ihr Spiegelbild sagte ihr was anderes. Ihre innere Stimme sagte ihr was anderes. Zwischen ihr und der Waage war ein einziger Wettkampf. Sie konnte nie genug abnehmen. Aber egal wie viel sie immer abnahm und wie viel sie noch abnehmen würde, sie würde sich immer noch zu dick finden. Doch mittlerweile war sie bei einem BMI, der sie fast umbrachte.
Sie wusste, dass es falsch war zu hungern; dass es ihre Familie verletzen würde.
Doch sie tat es trotzdem.
Als alle mit dem Essen fertig waren, standen Grahams Kinder auf und verließen das Esszimmer. Graham blieb sitzen. Dachte über seine Kinder nach.
Drei Kinder.
Drei Geschichten.
Graham hörte keins dieser Geschichten.
Und gerade deshalb blieb es am Esstisch immer friedlich. Somit kam Graham, wie jeden Tag, zu dem Schluss, dass es seinen Kindern wohl gut gehen muss. Er brauchte sich weiterhin keine Sorgen zu machen, dass er sie den ganzen Tag nicht sah und nichts von ihrem Leben mitbekam. Er stand zufrieden auf und dachte sich, trotz der Abwesenheit von Mary, habe er immer noch eine perfekte Familie. Perfekt.
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Short storys and poems
Short StoryIn diesem Buch veröffentliche ich selbstgeschriebene Kurzgeschichten und Gedichte. Manchmal kommen sie auch in anderen Sprachen, also tut es mir leid, wenn ihr diese dann nicht verstehen könnt. Aber meistens oder fast immer ist alles auf deutsch. P...
