Kapitel 1

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Wie jeden Morgen saß ich am Küchentisch und aß mein Müsli. Ich schaute auf YouTube die Kommentare zu meinem neuen Video durch, ein Cover von „too good at goodbyes" von Sam Smith. Sie waren überwiegend positiv, was mich sehr freute, denn ich hatte mir, wie bei allen anderen Videos auch, total viel Mühe gegeben.
„Schatz, weckst du bitte Luke", hörte ich meine Mum von oben rufen. Widerwillig stieg ich die Treppen zu seinem Zimmer hinauf. Luke ist mein achtjähriger Bruder.
„Hey Luke, aufwachen, sonst kommst du zu spät zur Schule", sagte ich während ich die Rollläden hochzog. Doch ich bekam als Antwort nur ein Knurren. „Wenn du aufstehst schenke ich dir auch einen Schokoriegel", versuchte ich ihn zu überzeugen und tatsächlich kam ein Kopf unter der Decke zum Vorschein. Ich schmunzelte, als er mit zerzausten Haaren aufstand und ging ins Badezimmer. Dort putzte ich meine Zähne, wusch mein Gesicht und band meine langen, braunen Haare in einen zotteligen Pferdeschwanz. In meinem Zimmer zog ich mir eine gelöcherte, dunkle Jeans, ein weißes, weites T-Shirt und meine weißen Chucks an. Ich verdeckte meine Augenringe und den blauen Fleck am Arm mit Concealer, tuschte meine Wimpern und malte meine Augenbrauen nach.
Dann schnappte ich mir meine
Tasche, die ich am Abend zuvor gepackt hatte, zog mir meine Lederjacke an und ging in die Küche, wo meine Mum mit meinem Butterbrot auf mich wartete. „Hier, Schatz. Und viel Spaß in der Schule." Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn, obwohl ich ein paar Zentimeter größer war als sie. „Danke, pass auf dich auf.", antwortete ich, als ich aus der Haustüre trat.
Meine Mum war Kriminalkomissarin und je älter ich wurde, desto größer wurden meine Ängste um sie. Der Job war so gefährlich.
Ich traf mich an der Haltestelle mit meinem Freund Tyler, der mir einen heftigen Kuss auf den Mund gab. Ich fühlte mich unwohl und erwiderte den Kuss nicht, doch er packte mich grob am Arm. Ich versuchte mich loszureißen doch sein Griff wurde nur schmerzhafter. „Lass das Tyler!", rief ich und da ließ er los. „Werd nicht frech, sonst weißt du, was passiert", flüsterte er mir drohend ins Ohr. Ich rieb mir meinen Arm. Das wurde hoffentlich kein zweiter blauer Fleck. Ich wollte nicht mehr mit ihm zusammen sein, aber ich traute mich nicht Schluss zu machen, denn Tyler ist zu allem fähig. Im Bus kam lächelnd ein nervös wirkendes Mädchen zu mir. „Hey, du bist doch Madison, oder? Kann ich mit dir ein Foto machen?" „Klar", antwortete ich freundlich. Sie schoss ein Selfie und verschwand wieder zu ihren Freundinnen, die das Geschehen mit offenen Mündern betrachteten.
Der Bus hielt vor meiner Schule und bevor Tyler etwas sagen konnte, war ich schon ausgestiegen. Zum einen, weil ich nicht mehr bei ihm sein wollte und zum anderen, weil ich schon viel zu spät zum Matheunterricht war.

Nach der Schule traf ich mich mit meiner besten Freundin Lisa bei mir Zuhause und wir kochten gemeinsam Mittag, während Luke noch in der Betreuung war. Als es an der Tür klingelte, freute ich mich, denn es konnte nur Mum sein, die früher von der Arbeit kam. Strahlend öffnete ich also die Haustüre. „Hi Mu..." Doch es war nicht Mum. Stattdessen standen zwei Arbeitskollegen von ihr vor mir auf den Eingangsstufen. Sie schauten mich bemitleidend an. „Was ist passiert?", fragte ich sie ängstlich, obwohl ich es schon ahnte. Der schlanke, blonde zögerte, doch sagte dann: „Madison, es tut mir Leid. Wir haben schlechte Neuigkeiten."
Nein, nein, nein, das durfte einfach nicht passieren. Nicht meine Mum!

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