Mai 2017
In der Bahn hatte ich mich auf ein normales Routinegespräch mit Frau Melling vorbereitet - sie wird mich sicher nur fragen, wie es mir geht, ob ich in den nächsten Tagen etwas vorhabe, ob ich mittlerweile wieder zeichne, mich mit alten Freunden getroffen habe oder wieder Kontakt zu meinem Vater habe. Um ehrlich zu sein, gingen mir diese sich wiederholenden Fragen so auf die Nerven, sodass ich Routineantworten entwickelt habe. "Ja, Frau Melling, mir geht es klasse, ich habe in letzter Zeit viel gezeichnet, mich mit meinen Freunden getroffen, nur habe ich noch keinen Kontakt zu meinem Vater." Natürlich entsprechen meine Antworten hauptsächlich nicht der Wahrheit, denn ich habe gelernt zu lügen um Davonzukommen. Davonkommen, was ein schönes Wort.
Versunken in Gedanken, und mit dem Gefühl, dass mich schon wieder jeder anstarrt, obwohl ich in der letzten Ecke der Bahn sitze, sehe ich aus dem Fenster und bemerke, dass ich vielleicht langsam aussteigen sollte, aber nicht einmal dazu hatte ich die nötige Motivation. Trotzdem konnte ich mich aufraffen, ich wollte ja schließlich nicht dieses unglaublich wichtige Gespräch verpassen. Dann ging es die Treppen vom Bahnhof hoch und durch die gefühlt Kilometerlange Straßenbahnhaltestelle. Eine Panikattacke und dann kam die Bahn auch schon. Komplett erschöpft suchte ich mir einen Sitzplatz. Egal wo. Hauptsache keine Menschen in der Nähe. Angekommen, setzte ich mich in das leere Wartezimmer und hörte Stimmen von einem Kind und einer Mutter aus dem Behandlungsraum. Mein Herz fing an schneller zu schlagen und mein Atem war kaum noch vorhanden, denn ich wusste, dass ich nicht allein war und gleich mit meiner Therapeutin reden müsste. Also bin ich auf die Toilette gegangen um mich abzureagieren, was leider nicht sehr gut geklappt hat, da meine Angst quasi unkontrollierbar ist. In alter "Frische" ging es dann wieder in den Warteraum, in dem mittlerweile die zwei aus dem Behandlungsraum saßen. Ob ich jetzt Hallo sagen soll? Lieber nicht. Dann denken sie noch, dass ich mit ihnen reden will, oder so. Als ich dann nach 20 Minuten von meiner Therapeutin abgeholt wurde, schaute sie mich zuerst erstaunt an, aber lächelte danach und sagte mir, dass sie meine neuen, kürzeren Haare total schön fände. Ich habe mich bedankt, ohne sie dabei anzuschauen, oder sie anzulächeln, denn das ist, was die Angst mit mir macht. Die Frisur war überhaupt nicht schön, das wussten wir beide, da Sie nicht beim Friseur und nicht mit Bedacht entstanden ist.
Wir haben uns hingesetzt und sie hat mich natürlich gefragt wie es mir geht, da man mir deutlich angesehen hat, dass es mir schlechter als sonst ging. Ich war ungeschminkt und schlafloser als sonst, also konnte ich schlecht lügen, denn das hätte nicht einmal ich mir selbst abgekauft. Also schaute ich sie ein paar Sekunden an, denn das tat ich immer, bevor ich eine Antwort gab, bis ich dann das Schweigen brach und einfach ein leises "Naja" aus meinem viel zu trockenem Hals rausgedrückt hatte. In meinen Augen hatten sich ungewollt Tränen aufgestaut und sie sagte eher sanft, aber mit einem besorgten Unterton zu mir "Weißt du was? Ganz ehrlich, du sitzt hier gerade wie ein Häufchen Elend, ich sehe wie es dir geht." daraufhin fing ich an zu weinen, da ich mich an diesem Tag nicht anschauen wollte, weil ich wusste, dass ich noch ein bisschen mehr als sonst wie ein "Häufchen Elend" aussehen würde, aber es trotzdem in diesem Moment als Beleidigung aufgefasst habe. Sie hat weiter gesprochen und mich gefragt, ob das mit den Haaren überhaupt gewollt war. Ich habe daraufhin nur meinen Kopf geschüttelt und die Tränen wollten einfach immer weiter und weiter laufen. Als ich mich leicht beruhigt hatte, fragte sie mich noch, wie es mit den Suizidgedanken momentan ist. "Es sind mittlerweile einfach keine Gedanken mehr sondern einfach ein großer Wunsch zu sterben, ich würde es als Drang beschreiben. Kontrollieren kann ich meine Gedanken und Handlungen überhaupt gar nicht mehr. Ich sehe mich seit Monaten überall sterben, kann mich auf nichts mehr konzentrieren, nicht mehr rausgehen, aus Angst, dass ich beleidigt, geschlagen oder einfach nur angesprochen werde." platzte es dann aus mir heraus. Woher kamen die ganzen Worte eigentlich plötzlich?
Frau Melling wusste sich nicht mehr zu helfen, fing auch fast an zu weinen, und sagte leise zu mir "Lia. Ich bin mir ganz sicher, dass sich viele Menschen Sorgen um dich machen, selbst deine Mutter, auch wenn du es momentan nicht siehst."
Sie ging mit mir nach unten zum Empfang, in die Etage wo meine Ärztin auch ist. Ich sollte kurz Platz nehmen und warten, bis sie wieder da ist. Frau Melling sprach mit meiner Ärztin darüber, dass es ein Notfall wäre und wir zu dritt dringend miteinander sprechen müssten. Gesagt, getan.
"Lia, wäre es okay für dich, wenn du für einen Tag in einen geschützen Raum kommst, in dem ganz nette Leute sind, mit denen du dich unterhalten kannst? Außerdem kannst du dich mit deinen Problemen, oder wenn es dir einfach nicht so gut gehen sollte, immer an jemanden wenden, würdest du das zulassen?" Ich war erstmal sprachlos und wusste nicht, was genau jetzt der Plan von ihnen war, aber ich fand es immer schön, irgendwo anders zu sein, also stimmte ich zu. Keine Minute später rief meine Ärztin in einer Klinik an und sagte zu einer weiteren Ärztin, dass ich gleich vorbei komme und ein paar Tage bleibe. Ein paar Tage? So war das aber nicht abgemacht.
Sie gab mir nur noch die Adresse von der Klinik und fragte mich, ob ich es schaffen würde, noch allein nach Hause zu fahren, um meine Sachen zu packen. Zustimmend nickte ich mit meinem Kopf und verabschiedete mich von den beiden. Ich setzte meine Kopfhörer auf, aber mein Kopf war trotzdem voller denn je. Die größte Frage, die ich mir in diesem Moment stellte war, wie geht es jetzt weiter?
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Mein Leben geht jetzt ohne mich
General FictionGeschichten über meine Zeit in der geschlossenen und offenen Psychiatrie, wie mein Leben vorher war, wie es jetzt ist und weiter geht.
