Der Turm war der Weg

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Über den kohlschwarzen Kaminen der Stadt, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, machte sich ein dichter Nebel breit. In den engen Gassen spielten Kinder mit dreckigen Händen und schäbiger Kleidung in den Pfützen. Das Wasser plätscherte dahin und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Urin war, dessen Geruch Anthon sofort in die Nase stiegt. Er zog rasch ein weißes Taschentuch hervor und hielt sich dieses vor dem Mund. An einer der vielen Türen, die in die jämmerlichen Arbeiterbaracken führen, lehnte sich ein untersetztes aber junges Weib. Ihre kleinen Augen verfolgten jede Bewegung des dahinschreitenden Mannes, als wäre er eine Bedrohung für das seltsame Biotop des Elends. Der rasende Anthon bemerkte ihren vorwurfsvollen Gesichtsausdruck nicht, obwohl er sich stets in der Gegend umschaute. Seine Blicke wanderten von von links nach rechts, sie waren kurz und flüchtig. Er drehte sich sogar mehrmals um, aber in einer Weise, die daraufhin deuten ließ, dass er sich in großer Verwirrung befand. Vor ihm fuhr ein Milchwagen, der von zwei schnaufenden Gäulen gezogen wurde, und der Fuhrmann schimpfte in unverständlicher Sprache über die holprige Straße. Die sogenannten Kinderköpfe waren rutschig und nicht leicht befahrbar. Anthon bog schnell ihn eine Seitengasse ein, die ihm geeignet zum kurzen Ausruhen schien. Der kühle Wind blies ihm ins Gesicht. Um diese Uhrzeit, das heißt - in den frühen Morgenstunden, kam alles wieder in Bewegung, was nachts brav schlief. Frauen und Männer mit Körben und Säcken, Händler mit Gemüse und Kleinvieh, sie alle machten sich auf den Weg zum Markt. Und obwohl es nur eine kleine Stadt, mehr ein belebter Ort war, erinnerte den vornehmen Mann dieses morgendliche Treiben der schaffenden Leute an die Pariser Markthallen. Er ist als Kaufmann viel in der französischen Hauptstadt gewesen. Er ist überhaupt gerne gereist und kannte deswegen fast alle großen, sehenswerten Städte Europas wie seine Westentasche. In dieser winzigen Stadt hier und unter deren Menschenschlag fühlte er sich unbehaglich und hoffte, bald abreisen zu können. Es begann zu regnen. Der Himmel fing an, bitterlich zu klagen, und seine Tränen fielen in Form von schweren Regentropfen auf die Menschenköpfe herunter und verschonten auch nicht Anthons blondes Haupt.

''Hä! Mann, was stehst du hier so 'rum?! Mach mal Platz'' eine rauchige Stimme riss den erschöpften Geist aus seinen reuenden Gedanken. Er drehte sich um und sah einen kleinwüchsigen, verärgerten Arbeiter vor sich stehen, der sich mit schweren Weinfässern plagte. Erst jetzt begriff der verwirrte Mann, dass er mit seiner Anwesenheit der tüchtigen Arbeitsweise einfacher Menschen im Wege stand. Hier scherte sich niemand um seine Verdienste, niemand beachtete sein Ansehen, er wurde geduzt, wie ein einfacher Bursche, mit dem man nach Belieben umspringen kann. Mehr verschämt als verstimmt entschuldigte sich Anthon bei dem Arbeiter und kehrte um. Der Milchwagen stand jetzt vor einer großen Warenhandlung, deren Tür weit aufgerissen war. Ein schmächtiger Knabe trug die Milch kistenweise ins Haus und winkte dem vorbei schreitenden Mann zu. Anthon, der sich aus dem freundlichen Gruß des Kindes nichts ausmachte, beschleunigte seinen Schritt, um die Händler noch vor der Kreuzung zu überholen. Er hoffte dadurch, dem großen Marktgetümmel rechtzeitig zu entkommen. An der Kreuzung angelangt, öffnete er seine durchnässte Jacke und zog einen kleinen, zusammengefalteten Zettel hervor. Um den Inhalt zu lesen, musste der Eilende seine müden Augen anstrengen. ''Eckhardt & Co. Salinenstraße 77''. Der Regen verwischte die Buchstaben.

''Kann ich Ihnen behilflich sein, mein Herr?'' der kleine Milchjunge verneigte sich spielend und lächelnd vor der wuchtigen, im Mantel gehüllten Statur des Kaufmanns. Sein Gesicht war mit vielen dunkeln Punkten bedeckt und man konnte nicht genau erkennen, ob es Sonnensprossen waren oder nur Dreck, der dem Arbeiterkind im Gesicht klebte.

''Kennst du dich gut aus in der Stadt?'' Anthon ergriff die Chance, um das wenige Wissen des Jungen zu benutzen, um schneller voranzukommen. Es regnete heftig und seine Kleidung war schon ganz durchnässt.

''Jawohl, Exzellenz!'' das Kind schien eine Freude dran zu haben, in die Rolle eines Dieners zu schlüpfen und dem fremden Kaufmann mit Anreden zu schmeicheln, die weit über seinen Verhältnissen standen. Es war ein unschuldiges Spiel, und wahrscheinlich das einzige für den schuftenden Burschen.

Das GeschäftStories to obsess over. Discover now