Kapitel 1

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Yasmine

Der Wind wehte durch ihr langes, offenes Haar, welches sich in seichten Wellen um ihre nackten Schultern legte. Für sie gab es nichts Schöneres als die Freiheit zu spüren, die sich ihr während eines Rittes durch die niemals endenden Weiten von Talan boten. Yasmine genoss es die mittlerweile sehr kalten Herbstwinde auf ihrer Haut zu spüren. Sie konzentrierte sich auf jedes einzelne Geräusch ihrer Umgebung, versuchte alles in sich aufzunehmen. Sie liebte ihr Land, sie liebt es mit all seinen Schwächen und Konflikten, und sie war sich sicher, dass sie hierfür ihr ganzes Leben geben würde. Yasmine lächelte kurz, ehe sie hoch in den strahlend blauen Himmel schaute.

„Ich wünschte nur du hättest auch die schönen Seiten kennengelernt.", murmelte sie leise vor sich hin, ehe sie sich wieder fasste, die Zügel etwas strammer zog und weiter über die Wiesen preschte. Aus der Ferne hörte sie wie ihr bekannte Stimmen nach ihr riefen, doch sie hatte keinerlei Lust, dass irgendjemand, nicht mal ihr Vater, sie jetzt störte und ihr ihr kleines gewonnenes Stück Freiheit wieder aus den Händen riss. Sie wollte keins der Mädchen sein, welches sich in die engsten Kleider zwängte, um sich schön und gebraucht zu fühlen. Yasmine hatte nur ein Ziel und dies war nicht bis zu ihrem Tod die furchtbarsten aller Kleider zu tragen. Schon seit sie ein kleines Mädchen war, gerade mal groß genug um nicht von den Offizieren ihres Vaters übersehen zu werden, hatte sie ihr Herz ihrem Land, ihrer Heimat, geschenkt und selbst wenn dies heißen würde, niemals die Liebe eines anderen zu spüren, dann war sie sehr wohl bereit dieses Risiko entgegen zu nehmen. Sie wollte kämpfen und sterben für ihr Land, jeden ihrer Atemzüge dafür hergeben, wo hätte sie dann überhaupt noch Platz für die Liebe, die ihrer Ansicht nach sowieso nicht existierte. Das Herz war nur ein weiteres Organ, welchem eine viel zu sentimentale Bedeutung angehängt wird. Wenn sie ehrlich war, konnte sie generell nicht verstehen, wie man einem Menschen sein ganzes Leben versprechen konnte, nur um am Ende so oder so verletzt zu werden. Das ergab weder Sinn noch brachte es irgendwelche Vorteile mit sich.

Sie war so in ihren Gedanken verloren, dass sie nicht mitbekam, wie zwei weibliche Gestalten neben ihr und ihrem Pferd Thunder auftauchten. „Yaz, dein Vater sucht dich überall und du weißt wie sich sein Gemüt verändern wird, wenn du nicht bald auftauchst." Yasmine war sich sehr wohl bewusst, was passieren wird, wenn sie jetzt nicht umdrehte und wieder nach Hause ritt. „Reena, ich bin nicht in der Stimmung um meinen Vater in irgendeinem viel zu schicken Kleid gegenüber zu sitzen.", antwortete sie schnippisch und warf ihrer Freundin einen Blick zu, der vermutlich viel schlimmer rüberkam als er eigentlich gemeint war. Aus einem Schatten trat eine weitere junge Frau hervor, mit Haaren für die sie die Hälfte der weiblichen Gemeinschaft wohlmöglich töten würde. Immer wieder fiel ihr eine blonde gelockte Strähne ins Gesicht, welche die Sicht auf ihre stahlblauen Augen verbarg.

„Yasmine sei gefälligst einmal vernünftig, es soll wichtig sein. Ich und Reena sind nicht umsonst fast eine ganze Stunde umher geritten, nur, dass du wieder so ein Drama veranstalten kannst.", warf sie Yasmine ebenso schnippisch zurück, wie diese vorher ihrer anderen Freundin geantwortet hat. Yasmine schüttelte kurz ihren Kopf, warf ihre langen hellbraunen Haare zurück und brach in schallendes Gelächter aus. Ihre beiden Freundinnen warfen ihr nur mehr als verwirrte Blicke zu, während sie weiterhin vor sich hin lachte.

„Seit wann interessiert es euch beide und vor allem dich Floris, ob ich die Befehle meines Vater befolge?", fragte Yasmine mit einem leicht hämischen Lächeln auf den Lippen. Viele wussten nicht wie sie mit Yasmine umgehen sollten, nicht nur, weil ihr Herz kalt wie Eis war, sondern auch, weil sie mehr Geheimnisse in sich verbarg, als alle geheimen Bücher ihres Landes zusammen. Floris verdrehte die Augen, so wie sie es oft tat, wenn jemand versuchte sich ihr gegenüber aufzuspielen, während Reena jedoch verstummte und Yasmine nur mit ihren immer traurig wirkenden Augen anblickte. Yasmine drehte den beiden wieder den Rücken zu und ehe sie die Zügel wieder stramm zog um davon zu galoppieren, platzte Reena mit einer mehr als überraschenden Neuigkeit heraus.

„Dein Vater hat jemanden eingeladen.", sie stockte kurz, fasste all ihren Mut zusammen und gab den Rest der Nachricht preis. „Er will, dass du endlich heiratest." Tausend Gedanken liefen Yasmine durch ihren Kopf, doch einer war stark und verdrängte alle anderen, der, der sie dazu brachte, ihrem Vater gleich gehörig die Hölle heiß zu machen. Wutgeladen nahm sie die Zügel ihres Pferdes auf, zog nach rechts und galoppierte in den Sonnenuntergang davon. Übrig blieb nur eine leichte Staubwolke, die nun sowohl Reena, als auch Floris um die Ohren lag. Floris seufzte kurz, senkte ihren Kopf etwas und murmelte nur irgendwelche unverständlichen Worte zurück, doch Reena wusste genau, dass sie insgeheim Yasmine wieder verfluchte und sie selbst vermutlich auch.

A Valley full of Pain and SorrowWo Geschichten leben. Entdecke jetzt