Kapitel 1

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'You don't have to be beautiful, to turn me on!'

Ich drehte mich einmal um die Achse und sah mich mit gespieltem ernsten Blick wieder im Spiegel an.

'I just need your body baby, from dusk till dawn.'

Ich sang mit quietschender Stimme meinen aktuellen Lieblingssong von Prince mit, der laut aus den Lautsprechern in meinem Zimmer spielte.

'You don't have to be rich, to be my girl, you don't have to be cool to rule my world...' 

Als ich mich wieder drehen wollte und mittlerweile auch die Fernbedienung als provisorisches Mikrofon in der Hand hatte, knallte ich mein Knie mit voller Wucht gegen die Bettkante. 

"Autsch! Verdammter Mist..." 

Schnell zog ich mein Knie hoch, in der Hoffnung, dass der Schmerz schnell nachlässt. Pusteblume. Ich setzte mich auf den Boden und zog mein schwarzes Kleid über meinen Oberschenkel, sodass ich die Wunde besser betrachten konnte. Es schwoll in allen Farben an und blutete ein wenig. 

"Na toll, und so muss ich auf den Geburtstag meiner besten Freundin gehen?!" 

Ich wusste, dass ich alleine Zuhause war, aber wenn ich wütend bin, rede ich immer mit mir selbst. Nachdem ich die Musik etwas leiser gestellt habe, humpelte ich schnell ins Badezimmer. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich endlich Desinfektionsmittel, Wundsalbe und Pflaster um meine Wunde zu verarzten. Mein Handy klingelte und auf meinem Display erschien eine SMS von Lilly. 

Sei in 15 Minuten unten vor deiner Haustüre, wir holen dich ab. Sei pünktlich! Sonst fahren wir ohne dich zu Megan. 

Verdammt bin ich aufgeregt. In wenigen Stunden werde ich Dylan wieder sehen. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ich erinnerte mich, wie er das letzte mal vor mir stand.

"Wir sehen uns bald wieder. Ich verabschiede mich jetzt noch bei Megan und dann fahre ich los. Ich schreibe dir dann, wenn ich Daheim angekommen bin."

Und nein, ich habe keine Nachricht von Dylan bekommen.

Stop. Die "Aufregung" ist total schwachsinnig. Wieso sollte ich überhaupt aufgeregt sein? Dylan und meine Gespräche begrenzten sich auf Smalltalk. Wobei das nicht stimmte. Gesprächsthema Nummer eins war immer Megan. 

Mein Handy klingelte schon wieder. Der laute Klingelton riss mich aus meinen Gedanken.

Und vergiss bloß das Geschenk nicht, Hannah! 

Sofort stopfte ich mein Handy in meine Handtasche, fischte ein paar Blasenpflaster aus meiner Schublade heraus und legte diese für den Notfall dazu. Schnell trug ich noch ein bis zwei Spritzer meines Lieblingsparfums auf und machte den letzten Check im Spiegel.

Meine blonden langen Haare sahen so aus wie immer. Ich machte mir nie Mühe, sie zu Stylen. Ich wasche meine Haare, trockne sie mit dem Handtuch ab, lasse sie in der Luft trocknen und sie sind aalglatt. Ich habe weder Talent mir die Haare zu locken, noch die Geduld aufwendige Flechtfrisuren auszuprobieren. Also habe ich meine Liebe zu Make Up gefunden. Nicht, dass ich mich ungeschminkt nicht aus dem Haus trauen würde. Nein, im Gegenteil. Ich finde es einfach nur faszinierend, wie sehr man mit Kosmetik das Gesicht eines Menschen verändern kann. Etwas Konturieren, Highlighter, eine dezente Lidschattenauswahl und in Form gebrachte Augenbrauen. Selbst den Lidstrich kann ich nach langer Übung im Schlaf ziehen. Noch etwas Mascara und voilá, schon ist im Spiegel ein anderer Mensch zu sehen. 

Zehn Minuten sind vergangen, ich strich mein Kleid noch einmal straff und versuchte meinen kleinen "Unfall" am Knie zu verdecken. Ich zog meine High Heels an, die ich mir gestern Abend schon zurecht gelegt hatte. Die Geschenktüte stand gleich daneben, da ich wichtiges besonders gerne vergessen kann. Deshalb lege ich die Sachen, oder eben Zettelchen mit wichtigen Erledigungen immer neben Dinge, ohne die ich nie aus dem Haus gehen würde. Sei es mein Hausschlüssel, meine Handtasche, ein Post-It auf dem Handy oder wie in dem Fall: meine Schuhe. 

Meine Schuhe sind etwas gewagt, da silberne und spitze Nieten die Fersenkappe meines Schuhs verzierten und sie ziemlich hoch sind. Das ist mir aber egal. Sie waren nicht billig und ich wartete förmlich auf einen Anlass, um endlich diese Schuhe tragen zu können. 

Als ich schon fertig vor der Haustüre stand, überprüfte ich noch ein letztes mal ob ich wirklich nichts vergessen hatte. Ich nahm meine Schlüssel von dem Schlüsselbrett, krallte meine Jacke unter den Arm und knallte die Türe etwas lauter als gewollt hinter mir zu. Genau in diesem Moment fuhr Lilly mit ihrem Jeep unsere Einfahrt hoch und hupte zwei mal. 

"Wuhu, Schnuckiputz! Wir warten nur auf dich!" 

Ich schüttelte lächelnd meinen Kopf, denn Theo hat ein Talent dafür, alberne Sprüche zu den ungelegensten Zeitpunkten auszusprechen. An die Tatsache habe ich mich aber schnell gewöhnt. Er ist genau so ein Chaot wie ich. Er stieg aus dem Auto aus, öffnete mir die Beifahrertür und winkte mich mit der rechten Hand ins Auto rein, während er seinen  linken Arm förmlich hinter seinen Rücken legte. Er schaute mir mit übertriebenen Blick in die Augen und sagte: "Bitte sehr, junge Frau. Nehmen sie Platz. Madame Lily erwartet sie bereits." 

Ich nickte ihm dankend zu. "Vielen dank für diesen angenehmen Empfang, Theodor." 

"Nenn mich nicht so!" Ich spürte einen leichten Schlag auf meiner Schulter. Wir mussten alle drei lachen. 

Ich reichte Theo noch schnell die Geschenktüte, sodass er diese im Kofferraum verstauen konnte. Lilly schaute mich grinsend an und wackelte mit den Augenbrauen. Ich musste nicht fragen, was sie mir mitteilen möchte. Ich wusste es genau und verdrehte nur die Augen. Schließlich müssen wir nicht über Dylan reden, wenn Theo hinter aus auf der Rückbank saß und quasi nur darauf wartete, eine Gelegenheit zu bekommen, um seinen Senft dazu zu geben. 

The Second ChoiceWhere stories live. Discover now