Nachts, wenn der Mond seinen höchsten Punkt erreicht hat, läuft die weiße Wölfin los um sich mit dem schwarzen Wolf zu treffen. Ganz oben, auf der höchsten Spitze des Berges sitzen sie dann nebeneinander und singen. Seine Stimme ist tief und rauchig, während ihre zart und leise ist. Wenn sie singen verweben sich ihre Stimmen ineinander und bilden ein Klang, der so schön ist, dass selbst der dunkle Wald weinen möchte.
Der Wind trägt die Melodie fort und dringt sanft in die Höhlen der Tiere ein und wiegt sie so in den Schlaf.
Die weiße Wölfin kann sich nicht erinnern je eine andere Aufgabe gehabt zu haben, als mit dem schwarzen Wolf zu singen.
Seine Lieder sind traurig und voller Schmerz. Er singt über das Leben, welches er führt und über das, welches er hatte.
Ihr Lieblingslied ist jedoch ein ganz besonderes, eines dessen Bedeutung sie nicht kennt, aber sie so traurig macht, dass es ihr in ihrer Seele wehtut.
"Solang der Weg auch werden mag
Solang der Weg auch wird
Ich bleib bei dir bis du stirbst
Ich werde deine Hand immer halten
Auch wenn du meine längst losgelassen hast
Ich werde mich immer nach deiner Berührung sehnen
Auch wenn du meine längst hassen wirst
Ich werde dein Lächeln immer sehen
Auch wenn du längst vergessen hast wie meines aussieht
Ich werde mich immer an unseren ersten Kuss erinnern
Auch wenn du längst nicht mehr weißt wo es war
Ich werde deine Stimme immer in Kopf haben
Auch wenn du längst vergessen hast wie meine klingt
Ich werde dich immer lieben
Auch wenn du längst nicht mehr weißt wer ich bin
Solang der Weg auch werden mag
Solang der Weg auch wird
Ich bleibe bei dir bis du stirbst"
Und immer wenn der Mond wich und der Sonne Platz machte, lief die weiße Wölfin zurück und kringelte sich unter die dunkelste Tanne. Jeden Morgen schlief sie mit einem Lächeln auf den Lippen und den sanften Klängen ihrer Lieder in den Ohren ein.
In der nächsten Nacht war etwas anders. Die Wölfin konnte nicht sagen was es war, aber es war ihr unangenehm. "Sag mir, wie sieht der Mond für dich aus?" wurde sie vom schwarzen Wolf gefragt, der sie eindringlich ansah. Schnell wich sie seinem Blick aus und schaute zum Mond hoch. Er hatte sie noch nie was gefragt, noch nie ein Gespräch mit ihr angefangen. Sonst sangen sie doch nur.
"Er sieht aus wie immer. Vielleicht etwas heller." "Er ist traurig, weiße Wölfin. Traurig, weil er weiß das etwas tolles zu Ende geht. Schau, er leuchtet nur für uns beide. Lass uns noch einmal singen bevor der Tag kommt und wir schlafen gehen "
Das war das letze mal das sie den schwarzen Wolf sah. In der nächsten Nacht war er nicht da und er kam auch nicht. Er kam nie wieder. Lange Zeit sang sie nicht mehr und schlief jeden Morgen mit Tränen in den Augen, statt einem Lächeln auf den Lippen ein. Trotzdem setzte sich die weiße Wölfin jede Nacht auf den Berg und starrte den Mond an.
"Schau, er leuchtet nur für uns beide." hatte er gesagt bevor er verschwand. Der Wind wehte und strich durch das helle Fell der Wölfin. Er hatte es gewusst. Gewusst das er nie wieder kommen würde. Sie fühlte sich schrecklich. Die Tiere um sie herum waren auch mit Trauer erfüllt, da sie nicht mehr schlafen konnten. Doch sie schaffte es nicht zu singen. Seine Stimme hatte ihr den nötigen Mut gegeben ihre zu benutzen. Und doch, es kam ihr so vor als würde er neben ihr sitzen, der Wind seine Stimme zu ihr tragen und der Mond sie mit seinen Augen anschauen.
"Ich bleib bei dir bis du stirbst." Das haben sie jede Nacht gesungen. "Das Lied war für mich." flüsterte sie in die Nacht und ihr liefen die Tränen aus den Augen.
Und da er wusste das er irgendwann nicht mehr da sein würde, hat er dieses Lied gemacht und mit ihr jede Nacht gesungen um ihr zu sagen das er sie liebte. Das er sie immer lieben wird, auch wenn sie sich nicht mehr an ihn und ihre gemeinsame Zeit erinnern kann.
"Ich werde dich nie vergessen." flüsterte sie zum Mond und stand auf. Dann heulte sie so laut sie konnte und wusste das er ihr vertraute, dass sie auch nach seinem Verschwinden weiter machen würde. Und als ihr letztes heulen in der Nacht verklungen war, begann sie leise zu singen.
Fortan sang die weiße Wölfin wieder jede Nacht - alleine - während die Bewohner des dunklen Waldes schliefen und ihr schwarzer Wolf mit den Sternen tanzte, die über ihr schimmerten und sich in ihren Augen widerspiegelten, wenn sie in den Himmel sah.
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Sehr kurze Geschichte, ich weiß. Aber sie kam mir vor langer Zeit mal in den Sinn und ich hab sie mir aufgeschrieben. Vor kurzem, als ich in alten Sachen gewühlt habe, hab ich sie wieder gefunden und ich finde sie hat etwas.
🖤
22.09.2017
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Das Lied Der Wölfe
Short StoryGemeinsam singen sie die Bewohner des dunklen Waldes in den Schlaf
