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1860

-vor drei Jahren-

Das leise zwitschern der Vögel weckte sie. Heute war es soweit. Voller Vorfreude schwang sie ihre nackten Füße aus dem Bett, und trat leise auf die Holzdielen. Leise, um nicht ihre 5 Schwestern zu wecken, die mit ihr in diesem Zimmer schliefen.

Lilly Evans war es gewohnt, sich im Dunkeln anzuziehen, denn der Arbeitstag auf der Farm begann noch vor dem Sonnenaufgang. Sie knöpfte ihr Musselinrock an ihr enges Mieder und zog das braune Arbeitskleid darüber. Das Kleid ging ihr bis zu den Waden, sie hatte versucht ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie ein neues Kleid brauchte, doch seit dem Tod ihres älteren Bruders, hatte sie sich verändert, genau wie ihr Vater.

Sie schlich die Treppe runter und öffnete leise die Holztür. Die Sonne würde bald auf aufgehen, sie musste sich beeilen, bevor Pa aufwachte und seine Arbeit verrichteten würde. Sie lief den kleinen Pfad hinter ihrem Haus entlang, über einen Hügel und in den kleinen Wald, der die beiden Farmen voneinander trennte. Ihre nackten Füße schmerzten als sie über den noch gefrorenen Rasen lief.

Lilly öffnete die große Scheunentür und zog sie hinter sich wieder zu. „Alex? Bist du da?" sie flüsterte in den dunklen Raum rein. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an die Finsternis. Eine raue Hand packte sie am Arm.

„Hallo."

„Alex! Musst du mich so erschrecken?" sie kicherte leise. Alex streichelte ihren Arm.

„Guten Morgen Schönheit." Noch verschlafen lächelte er Lilly an. „Schh, wenn dein Vater uns hört, dann schlägt er uns grün und blau!"

„Soll er es doch versuchen!" Alex's Gesicht veränderte sich, als er von seinem Vater Roman Cordell sprach. Sein Vater war ein angesehener Farmer, der hart für sein Geld arbeitete, und genau das verlangte er auch von seinen Söhnen.

„Nicht mehr lange dann können wir von hier abhauen, wir werden Heiraten, unsere Väter werden uns nie wieder schlagen, wir gründen dann eine eigene Familie, weit weg von hier!"

„Davon Träume ich jede Nacht." Lilly strich ihm eine blonde strähne aus der Stirn. „Übrigens, alles Gute zum Geburtstag." Lilly gab ihm sanft ein Kuss auf die Wange. „Ich habe ein Geschenk für dich, es ist nicht viel, aber ich hab es selber gemacht." Sie holte das kleine Tüchlein aus ihrem Ärmel.

„Fühl mal." Sie hielt es Alex hin. „Du hast es bestickt" sie hörte das Lächeln aus seiner tiefen Stimme. „Ja, es ist ein „A" und ein „L", gefällt es dir?"

„Es ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe." Er zog an ihrem langen, holzbraunen geflochtenen Zopf. Alex war einige Zentimeter größer als sie, schlank und von der harten Arbeit auf der Farm muskulös. Er steckte das Tuch in seine Graue Arbeitshose. Sein graues Hemd hatte er hochgekrempelt, es betonte seine starken Unterarme.

Er neigte seinen Kopf und streichelte ihre Wange. Lilly wusste, dass Alex sie gleich küssen würde. ihr Herz hüpfte vor Freude. Doch in diesem Moment wurde das Scheunentor aufgestoßen und Roman Cordell, Alex Vater trat voller Zorn in die Scheune.

"Alex! Lilly! Was tut ihr da! " Romans Augen blitzten vor Zorn.

Lilly wollte fortlaufen, doch ihre Füße waren wie festgewachsen, sie hörte ihren schnellen Herzschlag schlagen.

„Vater!" Alex war wie versteinert.

„Wir haben nichts falsches getan!" versuchte Lilly zu erklären.

„Da habe ich was anderes gesehen! Ich werde nicht zulassen, dass eine wie du, meinen Sohn verführt!" Sie suchte Alex's Blick, doch er schaute auf dem Boden. Sie sah seine Angst. Roman zog seinen dicken Leder gürtel aus der Hose und kam langsam näher.

„Bitte! Ich hab Alex nur zum Geburtstag gratuliert!" sie ging einige Schritte rückwärts.

„Ich kann mir vorstellen, was du meinem Sohn schenken wolltest!" er spuckte auf dem Boden.

„Alex! Bitte erklär es ihm!" sie zog an seinem Arm. Doch er schaute nicht mal hoch. Sie sah den Schweißtropfen auf seiner Oberlippe und hörte sein schnelles Atmen.

„Lass deine dreckigen Finger von ihm!" er holte mit seinem Arm aus und schlug Lilly auf den Rücken. Sie schrie auf und ein rasender schmerz durchzuckte sie. Die Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Lilly hielt sich an einem Pfosten fest, um nicht hinzufallen.

„Und jetzt zu dir, Sohn!" voller Verachtung spuckte er das letzte Wort aus. Holte wieder aus und schlug auf Alex ein, bis er auf dem Boden lag. Alex schrie nicht, sondern stöhnte nur bei jedem Schlag.

„Bitte! Es reicht!" Flehte Lilly. Sie hielt Roman's Arm fest.

„Du wagst es mir zu sagen, was ich tun soll?! Ich werde dir zeigen was mit jemanden geschieht der mir was befehlen will!" er hob seinen Muskulösen Arm. Lilly kniff ihre Augen zu und machte sich bereit.

Doch plötzlich wurde Roman der Gürtel aus der Hand gerissen. „Hör auf! Es ist genug!"

Jeremy. Lilly atmete erleichter auf. Jeremy, Alex's älterer Bruder, schmiss den Gürtel in eine Ecke.

„Du hast kein recht sie zu schlagen!" Roman und Jeremy sahen sich in die Augen. Ein Machtkampf wurde ausgetragen. Obwohl Jeremy erst 17 Jahre alt war und damit nur zwei Jahre älter als Alex, wiedersetzte er sich seinem Vater. Er war größer und stärker als Alex, er hatte gelernt, wie man mit Roman Cordell umgehen musste.

„Mach mit Alex was du willst, aber lass Lilly in Frieden!" er zog Lilly hinter sich.

„Ihr Vater wird wissen was er mit ihr machen soll." Lilly stockte der Atem, sie wusste was geschehen würde, wenn Roman es ihrem Vater erzählen würde. Sie hatte noch nie solche Angst verspürt.

„Das wirst du nicht tun!"

„Das werden wir ja noch sehen! Alex! Steh jetzt auf, und hör auf dich wie ein kleines Mädchen zu verhalten. Geh frühstücken und dann auf das Feld!" Alex humpelte gebeugt aus der Scheune. Er schaute Lilly nicht einmal an. Wütend stampfte Roman hinter her.

„Bist du in Ordnung?" besorgt schaute Jeremy Lilly an.

„Ich komm' schon klar. Das hab ich immer getan" Sie rannte an ihm vorbei, bevor sie ihre Fassung verlieren würde. Kurz vor dem Tor drehte sie sich um.

„Danke, Jeremy!" er schaute sie mit Blauen Augen an, die sagten, wie leid ihm das alles tat und das er verstand, wie es ihr ging.

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