Warme Sonne scheint auf mein Gesicht. Das Gras, auf dem ich liege, riecht gut und die Pollen jucken mich in der Nase. Dennoch liege ich hier draußen und genieße die letzten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne. Es ist erst Mitte April, aber vom ständig wechselnden Aprilwetter ist keine Spur, die ganze letzte Woche war sonnig und warm. Perfektes Wetter für die Osterferien.
Die Musik aus den beiden Lautsprechern neben mir wird von Stimmen und Gelächter übertönt. Ich öffne meine Augen und blinzle in die Sonne. Schnell setze ich mich auf, woraufhin das Licht hinter mir verschwindet und ich etwas erkennen kann. Die Stimmen gehören zu meinen Freunden, ich sehe sie weiter unten auf dem Spielplatz. Die Wiese liegt direkt daneben, wir sind bis vor einigen Minuten noch gemeinsam Seilbahn gefahren und haben Fußball gespielt. Die Seilbahn ist zwar eher für ein Kleinkind ausgelegt als für sechs siebzehn- bis achtzehnjährige Kindsköpfe, aber sie hat standgehalten. Ich richte meine Aufmerksamkeit kurz aufs Klettergerüst, wo Luca auf einer Holzbrücke vom einen Kletterturm zum benachbarten Turm liegt und ebenfalls mit geschlossenen Augen die Sonne genießt. Nicht besonders spannend. Meine restlichen Freunde stehen an einem in den Boden eingelassenen Trampolin, Samuel zeigt gerade Mira und Nicolas einige Tricks. Er macht Parcour, seit er 15 ist, und gerade weist er Mira an, sich neben dem Trampolin auf den Boden zu legen. Nick holt sein Handy raus und beginnt zu filmen, wie Sam Anlauf nimmt, aufs Trampolin springt und einen lässigen Flip über Mira macht. Ich lächle leicht und lasse mich wieder zurück ins Gras sinken. Die Sonne blendet nun wieder, deshalb lege ich die Hand über die Augen und blinzle durch meine Finger hindurch nach links.
Neben mir liegt Allan, mein bester Freund. Wir kennen uns schon ziemlich lang, als wir uns angefreundet haben war ich dreizehn und er vierzehn. Inzwischen sind vier Jahre vergangen, und wir machen nun beide bald Abitur. Zum Glück gleichzeitig, denn da ich es geschafft habe, vor zwei Jahren nicht sitzen zu bleiben, sind wir nun immer noch in der selben Klasse. Auch wenn wir uns schon in der fünften Klasse kennengelernt haben, haben wir uns erst in der achten Klasse angefreundet. Schon lustig, dass zwei Menschen, die sich früher nicht besonders leiden konnten, heute beste Freunde sind.
Er öffnet seine Augen nicht, also betrachte ich ihn in Ruhe weiter. Ich sehe ihn gern an, auch wenn er das nicht weiß. Seine Haare sind schön. Ich liebe diesen dunklen Blondton, der mich so an Karamell erinnert. Er trägt sie in einem modischen Undercut, aber sie sind gerade ziemlich verwuschelt. Seine Wimpern sind hell, aber wenn man genau hinsieht, erkennt man, wie lang sie eigentlich sind. Er hat ziemlich normale Augenbrauen, zum Glück ist er weder mit buschigen Raupen noch mit dünnen Strichen gestraft. Auch seine Lippen sind toll, für einen Jungen sind sie ungewöhnlich voll und sehen sehr weich aus. Kusslippen, wie meine Oma sagen würde. Seine Nase ist etwas zu groß und übersät mit Sommersprossen, die er über alles hasst. Ich finde sie süß, und er kann froh sein, dass er stattdessen keine Pickel hat. Am liebsten jedoch mag ich seine Augen, die man nur jetzt leider nicht sieht. Er hat sie nunmal zu. Aber ich weiß auch so wie sie aussehen, dunkelgrün mit einem braunen Ring um die Pupille, von dem aus hellbraune Streifen nach außen abgehen. Ich habe selten so schöne Augen gesehen.
Irgendwie scheint er meinen Blick gespürt zu haben, denn er öffnet die Augen und sieht mich an. Ich sehe genauso ernst zurück. So geht das ein Weilchen, bis ich anfangen muss, zu lachen, woraufhin er triumphierend grinst. Er gewinnt meistens bei diesem Starrwettkampf, ich kann einfach nicht lang ernst bleiben. "Was genau macht Luca da eigentlich?", fragt er lachend, nachdem er einen kurzen Blick zum Klettergerüst geworden hat. Ich folge seinem Blick und muss ebenfalls wieder lachen, denn Luca ist auf das Dach des einen Kletterturms gestiegen und liegt nun darauf, seine Beine baumeln über den Rand. "Gute Frage" grinse ich. "Luca! Tu es nicht, Selbstmord ist keine Lösung!", schreit nun auch Mira mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu unserem Freund hinauf, der sich verwirrt umsieht. "Er hat ernsthaft geschlafen", lache ich. Sam und Nick kommen nun zu uns gelaufen, Mira im Schlepptau. "Es wird kalt, gehen wir zurück?", schlägt Luca vor. Es stimmt, die Sonne ist nun fast komplett untergegangen und eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus. "Ich wäre dafür", melde ich mich zu Wort und auch die anderen stimmen zu. Wir machen uns auf den Weg zu Luca, zur Feier des ersten Ferientags übernachten wir heute und auch morgen Abend noch alle bei ihm. Er und Nick schnappen sich je eine Lautsprecher-Box und laufen mit Mira vorn, Allan und ich hinter ihnen.
"Ist dir sehr kalt?", fragt Allan mich besorgt. "Passt schon, wir sind ja gleich da" winke ich ab. Schon irgendwie süß, wie er sich um mich Sorgen macht. "Nimm meinen Pulli. Wir sind ja gleich da", er erstickt meinen Widerspruch schon bevor ich ihn aussprechen kann, und das auch noch mit meinem eigenen Argument. Nicht schlecht Allan. Gar nicht schlecht. Ich nehme seinen Pulli nach etwas Diskutieren doch noch an, sofort wird mir warm. Hmm, der Stoff riecht so gut. Nach ihm. "Axe Excite", verrät mir Allan grinsend, als er hört, wie gierig ich schnuppere. Ich lache kurz auf und da sind wir auch schon bei Luca angekommen.
Der restliche Abend verläuft eher ruhig. Wir pokern noch ein wenig, und da Luca auf die Idee kommt, es zu Strip-Poker auszuweiten, sitzt Mira, die hoffnungslos schlecht in Kartenspielen ist, bald ohne Hose da. Ich gehe kurz auf die Toilette, und als ich zurückkomme, türmt sich vor Allan, der davor fast pleite war, ein riesiger Geldhaufen auf. Luca und Sam dagegen sind pleite und haben ihre T-Shirts ausgezogen. Ich muss grinsen und setzte mich wieder auf meinen Platz neben Allan. Wie bei Mira vorhin gibt jeder den beiden Verlierern etwas Geld ab, sodass sie wieder mitspielen können. Irgendwann haben wir keine Lust mehr und hören auf. Allan, Nick und ich sind die einzigen, die nichts ausziehen mussten. "Kommt jemand mit raus?", fragt Mira, als wir alles aufgeräumt haben. Die Jungs verneinen, es wäre ihnen zu kalt, aber ich begleite sie. Wir holen uns leise zwei Klappstühle aus einer Nische und erklimmen die Leiter zur Dachterasse. Die Luft ist inzwischen stark heruntergekühlt, unser Atem gefriert in Wolken. Mira atmet tief durch und lässt sich dann auf ihren Stuhl fallen. "Endlich. Da drin ist es so unnormal stickig", seufzt sie erleichtert. "Wenn wir wieder reingehen, müssen wir echt mal das Fenster aufmachen", stimme ich ihr zu und setze mich neben sie. Eine Weile sitzen wir stumm da und gehen unseren Gedanken nach. Ich lasse den Tag noch einmal vor meinem inneren Auge ablaufen, dann schweifen meine Gedanken fast unweigerlich zu Mira.
Eigentlich haben wir gar keine so enge Bindung. Wir machen nie etwas zu zweit, immer sind die Jungs dabei. Einmal wollten wir zu zweit shoppen gehen, aber ihr kam etwas dazwischen und ich ging stattdessen mit meiner Cousine. Wir schreiben auch nicht miteinander, nur in der Gruppe mit den Jungs. Und trotzdem verstehen wir uns irgendwie ohne Worte und haben immer viel Spaß miteinander. Gewissermaßen sind wir auf einer Wellenlänge. Seltsam, wenn man mal darüber nachdenkt. Aber so ist es eigentlich auch mit Luca und Nick. Mit ihnen schreibe ich auch nur in der Gruppe, trotzdem weiß ich immer, wie sie über eine Sache denken würden. Ziemlich komisch.
Mira reißt mich aus meiner Grübelei. "Ist es dir eigentlich auch aufgefallen oder bilde ich mir das nur ein? Allan war heute irgendwie komisch", fragt sie mich leise und ich sehe Sorge in ihrem Gesicht. "Meinst du? Ich habe nichts bemerkt...wobei, wenn ich jetzt so überlege, er war heute stiller als sonst. Hat sich viel mehr am Rand gehalten." Mira nickt und schweigt dann. "Lass uns morgen mal besonders darauf achten", schlage ich vor und sie nickt erneut. Wieder sitzen wir schweigend nebeneinander, bis wir irgendwann in stillem Einverständnis wieder zu den anderen gehen.
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Savior
Ficção AdolescenteAllan und Rosie. Rosie und Allan. Die beiden sind beste Freunde, sie erzählen sich alles und haben keine Geheimnisse voreinander. Geschwister im Geiste sozusagen. So würden das zumindest ihre Freunde bezeichnen. Doch tatsächlich haben doch alle von...
