'Das Mädchen im roten Regenmantel'

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Es ist ein kalter und nasser Regentag. Der Wind tobt draußen und matschiger Schnee liegt an den Straßenrändern. Die Autos fahren zügig und in Eile an den dunklen Häusern vorbei und werfen lange Schatten an die Mauern.

Ein junges Mädchen  mit dunkelbraunem langem Haar, sitzt in einem Cafe am Ende der Straße. Sie blickt verträumt aus dem Fenster, verfolgt mit ihren Augen den Wettlauf der Regentropfen am Glas und rührt mit einem Löffel in ihrem Tee. Woran sie wohl gerade denkt? Ein leichter Luftzug wirbelt ihr eine Haarsträhne vor das Gesicht und sie pustet sie weg. Traurigkeit trübt ihren Blick, doch es ist nicht nur das, sie wirkt eher leer und verloren.

Das Mädchen steht auf und bezahlt. Ihr Gesichtsausdruck hat sich gewandelt. Vorher wirkte sie so nachdenlich, doch jetzt sieht sie entschlossen aus. Was sie wohl vorhat?

Sie zieht sich ihren knallroten Regenmantel an und schlüpft nun aus dem Cafe auf die Straße, dann steigt sie auf ein rostiges altes Fahrrad und fährt langsam los. Einen Hügel hoch, in die Richtung des Meeres. Man hört schon das Rauschen der Wellen, wenn sie an den Strand schlagen und das Kreischen der Möwen in der Luft. Es pfeift in den Ohren wenn der Wind daran vorbeizieht.  Die langen Haare sind vom Wind total zerzaust und werden dem Mädchen wieder und wieder in ihr Gesicht gepustet. Doch das Mädchen fährt weiter, bis zu einer Klippe. Eine kleine glitzernde Träne bahnt sich langsam seinen Weg aus ihrem Auge, aber sie wischt sie trotzig weg. Doch verstecken kann sie ihre Trauer und ihren Schmerz, den das Leben ihr bereitet hat, nicht. Und schon gar nicht die vielen Wunden, die ihren Körper bedecken. Ihre Oberschenkel sowie ihre Unterarme sind von Schnitten überzogen, geradezu verziert, wie als hätte ein Maler ihr die vielen Kunstwerke mit seinem roten Pinsel hinaufgezaubert.

Sie steigt von ihrem Fahrrad ab und wirft es achtlos auf den Boden. Einen Schritt vor den anderen. Immer näher kommt sie der Klippe und dem Abgrund. Dort, wo die Wellen sich brechen und aufschäumen und wütend gegen die Felsen schmettern. Sie lauern und warten gespannt.

"Ich bin ein Nichts." Ihre Stimme und ist rau und leise und wird vom Wind weggetragen. Sie wird lauter und tut einen Schritt in Richtung des steilen Abgrundes. "Niemand kümmert sich um mich, niemand interssiert sich für mich. Wie es mir geht, was ich mache und was ich mir wünsche..." Ihre Stimme ist nun laut, doch Schluchzer schütteln den schmächtigen Körper. Sie tut noch einen. "Wer braucht mich schon?"  Ihre Stimme bricht weg. Sie steht am Rande der Klippe und tut ihren letzten Schritt mit Tränen des Kummers auf ihren Wangen...

Niemand beachtet das Mädchen. Das Mädchen mit dem roten Regenmantel, dessen Geschichte hier anfängt und auch bald schon wieder aufhört. Eine Geschichte von Trauer, vom allein sein und von der Erfüllung, wenn der Tod seine schwarzen Schwingen über uns ausbreitet, wenn unsere Zeit gekommen ist.


GOODBYEWhere stories live. Discover now