Prolog

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„Was will uns Shakespeare also mit seinen Werken sagen?"
Schweigend schlage ich mit meinem Kugelschreiber gegen den Block und warte darauf, dass irgendwer dem entnervten Dozenten antwortet, der nun schon seit geschlagenen fünf Minuten nach einer Antwort auf seine Frage verlangt, doch niemand scheint sich dazu entschließen zu können, den sechzigjährigen Mann von seinem Leid zu erlösen. Erdrückende Stille liegt im Hörsaal, die Besucher der Vorlesung versuchen sich hinter ihren Büchern oder Notebooks zu verstecken. Niemand will auf eine derartige Frage antworten müssen.
„Dass die Liebe über alles andere siegt", ruft der Junge, der neben mir sitzt, nach vorne und grinst zufrieden, bevor er sein Handy wieder einsteckt. Er hat seine Antwort wohl aus dem Internet abgelesen, doch der Dozent ist froh darüber, da er nun endlich fortfahren kann.
Ich hatte immer gehofft, während des Studiums würde alles anders laufen als in der Schule, aber schlussendlich sind kaum Unterschiede zu finden. Irgendwie traurig, wenn man bedenkt, dass wir inzwischen alle eigentlich erwachsen genug sein sollten, um uns nicht hinter unseren Heften verstecken zu müssen.
Seufzend ergänze ich einen Stichpunkt zu meinen kargen Mitschriften und lege meinen Stift beiseite, als ich erneut diesen unangenehmen, eindringlichen Blick in meinem Rücken spüre.
Seit einigen Wochen sitzt in jedem meiner Kurse ein junger Mann, der wohl in etwa in meinem Alter sein dürfte, und starrt mich unentwegt an. Immer wenn ich mich zu ihm umdrehe hat er ein verspieltes Lächeln auf den Lippen, belustigt funkelnde Augen, was man sogar aus dieser Entfernung erkennen kann, und dennoch einen ernsten Gesichtsausdruck, was eigentlich vollkommen widersprüchlich ist. Außerdem scheint er immer ein wenig von innen heraus zu leuchten, während er mich mit seinen Blicken einschätzend abtastet.
Einerseits fasziniert er mich, andererseits macht er mir irgendwie Angst und ich habe beschlossen, dass ich wohl auf letztere Emotion hören sollte, da mir das sicherer erscheint. Am Ende ist er sonst noch irgendein kranker Psychopath, der mich in einer Gasse vergewaltigt, umbringt und sich danach irgendeine Trophäe behält – um mal das schlimmste Horrorszenario anzusprechen, das ich mir ausmalen kann.
Als er sich auf seinem Platz lässig zurücklehnt und den Kopf leicht zur Seite neigt, schlucke ich schwer und drehe mich wieder nach vorne, in der Hoffnung, er würde endlich damit aufhören. Wenn er irgendetwas von mir will, soll er mich gefälligst ansprechen und nach den Vorlesungen nicht immer direkt verschwinden, als wäre er ein Gespenst.
Wobei dieser Gedanke mir vor allem die letzten Tage viele unruhige Stunden eingebrockt hat: was ist, wennich ihn mir nur einbilde? Keiner bemerkt ihn, niemand spricht über ihn. Diesbezüglich wäre das doch irgendwie eine logische Erklärung, oder? Aber ich hatte immer gedacht, dass ich – wenn ich schon verrückt werde – mir einen humorvollen, netten, charismatischen Traummann einbilde, der auf wundersame Weise nur mich zu wollen scheint.
Eigentlich eine ziemlich kindische Ansicht, ich bin keine Jugendliche mehr, der die Pickel auf der Nase sprießen. Man sollte meinen ich hätte inzwischen gelernt, dass es einen solchen Mann nicht gibt, außerdem wäre es wohl unerträglich, an der Seite eines perfekten Mannes zu stehen, da einem dadurch die eigenen Fehler und Makel andauernd vor Augen geführt würden.
Und dennoch halte ich mich an diesem Bild fest, als wäre es dazu in der Lage, mich aus brenzligen Situationen zu retten.
Mag sein, dass Shakespeare recht hat,wenn er sagt, dass die Liebe stärker als jedes Verbot und jede andere Emotion ist, aber man kann nicht leugnen, dass man, selbst wenn man im 7. Himmel schwebt, Fantasien von perfekten Männern hat.Zumindest haben mir das meine Freundinnen gezeigt, ich selbst war noch nie derart vernarrt in jemanden.
Meist lief es bei mir auf kurzfristige„Beziehungen" hinaus, da ich immer das Gefühl hatte, ich wäre zu anders. Oft habe ich sie mit meiner Art gelangweilt oder genervt,aber wenn ich ehrlich sein soll stört mich das nicht all zu sehr. So kann ich mich immerhin auf mein Studium konzentrieren und muss mir nicht den Kopf verdrehen lassen.
Als auf einmal lautes Klatschen ertönt,schrecke ich aus meinen Gedanken hoch und schaue mich perplex im Saal um. Die anderen Studenten packen ihre Sachen zusammen und eilen alle gleichzeitig zu den Ausgängen, scheinbar können sie es kaum erwarten wieder draußen zu sein.
Der Dozent steht vorne an seinem Tisch und beobachtet das Szenario kopfschüttelnd, er scheint ein wenig enttäuscht zu sein, warum kann ich jedoch nicht eindeutig feststellen. Die wahrscheinlichste Vermutung ist jedoch, dass er es nicht fassen kann, dass sich niemand länger an das Gesagte zu erinnern scheint, sobald es verklungen ist. Philosophie ist hier allgemein nicht all zu gut besucht, was wohl auch an unserem Dozenten und den Gerüchten, die sich wie Efeu um ihn ranken, liegt. Auch wenn keiner wirklich weiß, ob er wirklich wegen Mordes im Gefängnis war,scheinen ihm einige doch lieber auf Abstand zu bleiben.
In aller Ruhe packe ich meinen Block ein und werfe den Stift dazu, bevor ich meine schwere Handtasche schultere und geduldig darauf warte, dass ich den Raum verlassen kann. Im Gegensatz zu den anderen habe ich es nicht eilig. Auf mich wartet lediglich eine leere Wohnung, die ich eigentlich putzen wollte, zumindest habe ich mir das gestern vorgenommen, doch ich habe während der Vorlesung beschlossen, davor in das kleine Café an der Ecke zu gehen und mir einen Vanille-Cappuccino und einenSchokoladenmuffin zu gönnen, während ich ein wenig an meiner Arbeit weiterschreibe, die wir in drei Wochen abgeben müssen.
Als das große Chaos vorüber ist schlüpfe ich an einem sich küssenden Paar vorbei durch die Tür und fahre mir durch die Haare, bevor ich den weiten Flur zur Eingangstür entlang gehe.
Meine Schritte hallen in dem Raum, der mich jedes mal aufs neue fasziniert. Er ist eigentlich nicht wirklich hübsch oder besonders hergerichtet, aber an den Wänden hängen zwei, drei Bilder, die den sonst tristen Flur derart aufpeppen, dass man das Gefühl hat, in einer Kunstgalerie zu stehen.
Unglaublich, was einige wenige Bilder mit einem Raum machen können.
Seufzend ziehe ich eine Hälfte der großen Flügeltür auf und husche hindurch, bevor sie wieder zufällt.

Zielstrebig gehe ich zu dem Café und setze mich dort an einen Zweiertisch in einer ruhigen Nische, wo ich mein Notebook aufstelle und die entsprechende Datei öffne. Jetzt muss ich nur auf Inspiration warten.
Seufzend beiße ich in den Muffin hinein, der mir eben gebracht wurde, und schaue mich in dem kuscheligen Café um, in dem es nach süßem Kuchen und frisch aufgegossenem Kaffee duftet. Die Gäste unterhalten sich, lachen miteinander und schieben sich immer mal wieder Gabeln voll Gebäck in den Mund.
Ein Lächeln schleicht sich bei dem friedlichen Anblick auf meine Lippen
„Ihr Kaffee kommt gleich", verspricht mir die höchstens sechzehnjährige Kellnerin im Vorbeigehen und hetzt danach direkt weiter, weshalb ich leicht den Kopf schüttle und ihr schmunzelnd hinterher schaue. Irgendwie fühle ich mich mit meinen 20 Jahren, die ich inzwischen schon auf dem Buckel habe, beinahe alt.
Höchstens drei Minuten später stellt sie den dampfenden Kaffee vor mir ab und wischt sich die schwitzigen Hände an ihrer Schürze ab, bevor sie mich entschuldigend anlächelt und wieder von dannen zieht.
Vorsichtig nippe ich an meinem Getränk und verbrenne mir trotzdem die Zunge daran. Natürlich, wie sollte es auch anders sein!
Frustriert schiebe ich die Tasse beiseite und starre den Bildschirm vor mir an. In meinem Kopf herrscht Leere, ich habe keine Ahnung, wie ich jetzt weiter schreiben könnte.
Ich raufe mir die Haare und schließe nachdenklich die Augen, als ich höre, wie mein Notebook zugeklappt wird, weshalb ich irritiert aufschaue, jedoch in der Bewegung erstarre, sobald ich einen Teil des Gesichts meines Gegenübers sehen kann.
„Hallo", sagt er mit dem selben verspielten Lächeln auf den Lippen, wie er es immer zu haben scheint, und legt dabei den Kopf kaum merklich schief.
Erst aus dieser Entfernung fällt mir auf, wie makellos rein seine Haut ist. Sie hat durchgehend die gleiche Nuance, man sieht keinerlei Poren, er hat keine Haare an den Armen oder Bartwuchs und es sind auch keine Adern oder derartiges zu erkennen. Ungewollt schrumpfe ich in meinem Stuhl ein wenig zusammen,sein Aussehen schüchtert mich irgendwie ein.
Doch dann entdecke ich eine hässliche gezackte Narbe, die über seinen gesamten Oberarm verläuft. Farblich unterscheidet sie sich kein Bisschen von seiner restlichen Haut, doch sie steht ein wenig hervor. Um ehrlich zu sein erleichtert mich dieses Mal, dieser Makel in der optischen Perfektion, ein wenig, da er so weit ich das sehen kann nicht einmal Muttermale hat.
„Willst du jetzt weiterhin starren oder kannst du auch sprechen?"
„Ich rede nur allgemein nicht so gerne mit merkwürdigen Männern, tut mir leid", brumme ich gereizt und klappe meinen Laptop wieder auf, er lacht daraufhin nur rau.
„Und dennoch schaust du immer wieder zu mir", meint er nun und plustert sich dabei schmunzelnd ein bisschen auf.
„Weil mich deine Blicke in meinem Rücken stören, ja."
Er scheint einen riesigen Spaß an dem zu haben, was er gerade tut, da er trotz meinem offensichtlichen Desinteresse daran, mit ihm zu sprechen, sitzen bleibt und mich schweigend betrachtet.
Ich versuche, seine Anwesenheit auszublenden und fange an, an meiner Arbeit weiterzuschreiben, lösche jedoch das soeben hinzugefügte wieder, da ich damit unzufrieden bin,und schreibe wieder etwas neues. So geht das einige Zeit lang, bis er das Notebook beiseite zieht. Es sieht beinahe so aus, als würde ein kleiner Blitz über seinen Handrücken zucken, als er den Laptop berührt, weshalb ich erst mein Gerät und danach seine Hand verwirrt betrachte. Hat er jetzt meinen Laptop kaputt gemacht oder bin ich einfach übermüdet?
„Tut mir leid, das kann man nichtmitansehen."
„Aha. Bekomme ich jetzt das, was mir gehört, zurück?"
„Nein. Mein Name ist übrigens Cassiel."
„Und meiner Crystal", antworte ich reflexartig und beiße mir danach auf die Zunge. Das geht ihn doch überhaupt nichts an!
„Ich weiß."
„Was willst du denn dann noch?", frage ich bissig und betrachte dabei meinen Laptop, den er in der Hand hält.
„Relativ einfach: reden."
Misstrauisch beäuge ich ihn und nicke zögerlich, woraufhin er zufrieden grinst, den Laptop vor sich platziert und seine Arme darauf ablegt.
Abhauen kann ich also schon mal nicht.

Um ehrlich zu sein ist er nicht so schlimm, wie ich vermutet hätte. Er ist freundlich und lustig, wenn auch etwas ungewöhnlich und definitiv unverschämt. Ich habe keine Ahnung, woher er all die Informationen über mich hat, die er mehr oder minder subtil in das Gespräch verflochten hat, das wir eine gesamte Stunde geführt haben, bevor er sagte, er müsse gehen.
Da ich nicht dazu in der Lage bin, auch nur eine sinnvolle Zeile zu der Arbeit hinzuzufügen, packe auch ich mein Zeug zusammen, bezahle Muffin und Kaffee und verlasse danach das Café, von wo aus ich mich auf den Heimweg mache.

Schemenlicht - Schwarz wie die NachtStories to obsess over. Discover now