Epilog

1.2K 30 2
                                        

Stilles Herz- Dem Schicksal entgegen

Je schöner und voller die Erinnerung,
desto schwerer die Trennung!!
Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich !

Prolog

1938 -Barmouth

Der Mann saß still in seinem Stuhl und sah auf das Meer hinaus. Seine braune Augen sahen vereinzelt den Booten nach die den Hafen verließen. Er betrachtete sich die kleinen Wellen, die sich sanft am Strand brachen.Ein kleines Lächeln zupfte dabei an seinen Lippen.

Neben sich auf dem Beistelltisch lag eine kleine Schachtel. Darin einige alte Briefe, ein Ring, eine getrocknete Rosenknospe und eine Photographie.

Das zuschlagen der Haustür riss ihn aus seinen Erinnerungen.

„Hallo Papa! Wo bist du?" rief da schon die fröhlich klingende Stimme seiner Tochter.

„Ich bin hier. Auf der Terrasse."

Und da kam schon der Wirbelwind durch die offene Tür gestürmt.

Wieder breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus. Sie hatte so viel von Ihrer Mutter. Gerade jetzt, wenn sie ihn mit ihren grünen Augen musterte und anlächelte.

„Sieh mal was ich für dich auf dem Markt entdeckt habe!" Freudestrahlend hielt sie ihm ein kleines gerahmtes Bild entgegen.

Darauf war ein Schiff zu sehen, dass durch die tosende See stampfte. Er musste dem Künstler stillschweigend gratulieren. Die Wellen waren sehr realistisch gemalt. Auch die Dampfschwaden aus den Schornsteinen war ihm sehr gut gelungen.

„Mrs. Fitzpatrick hat es mir für einen Spottpreis überlassen."

Seine Augen glitten über den Namenszug am Bug des gemalten Dampfers.

„Weißt du welches Schiff hier verewigt wurde?"

Seine Tochter schüttelte nur den Kopf und ließ sich neben ihm nieder.

„Das ist die Olympic."

Sie betrachtete die leuchtenden Augen ihres Vaters.

Sie wusste, dass ihr Vater auf dem Schwesternschiff der Olympic als Offizier gearbeitet hatte.

Auch wenn er nicht gerne darüber sprach was damals passiert war.

Früher als Kind hatte es sie brennend interessiert. Doch ihr Vater hatte immer geschwiegen. Das wenige was sie darüber wusste, hatte ihr ihre Mutter erzählt. Oder sie hatte alte Zeitungsausschnitte gelesen die sie im örtlichen Archiv fand.

„Ich wusste doch, dass es dir gefällt. Wo ist Mutter?" suchend sah sie sich um.

Er legte das Bild beiseite. Seine Tochter wollte ihm damit nur eine Freude machen. Doch musste er dabei unwillkürlich an die Geschehnisse von damals zurück denken. Selbst nach Jahren noch hatte er Alpträume. Sah erfrorene blasse Gestalten im Wasser treiben. Leblose Gesichter blicklos in die Mondlose Nacht hinein starren.

Kurz schloss er seine Augen um der Erinnerung zu entkommen.

„Du hast sie knapp verpasst. Deine Mutter besucht eine Freundin. Sie wollte gegen den späten Nachmittag wieder zurück sein."

Sie zuckte nur mit den Schultern.

„Auch gut. Dann leiste ich dir etwas Gesellschaft."

Beide blickten für einige Zeit gemeinsam auf die Bucht hinaus. Beobachteten, wie sich das Sonnenlicht auf den Wellen brach.

Neugierig wandte sich seine Tochter der kleinen Schachtel zu.

„Was ist das?"

Lächelnd nahm sie das Kästchen an sich und holte die alten Briefe hervor.

Er wollte sie ihr schon aus der Hand nehmen und das Schächtelchen wieder sicher in seinem alten Seesack verwahren. Doch dann seufzte er auf.

Sie musste es endlich erfahren. Zu lange schon hatte er die Wahrheit vor ihr verborgen. Er hatte einfach zu lange gewartet. Er hatte auch Marion verboten darüber zu sprechen. Er wollte einfach nicht, dass Charlottes Welt sich von einem auf den anderen Moment grundlegend änderte.

Still sah er ihr zu, wie sie neugierig den Ring bestaunte. Wie sie lächelnd über die getrocknete Rosenknospe strich und schließlich das Photo ansah.

„Wer ist das? Die junge Frau die da neben dir steht? Sie ist hübsch!"

Lächelnd hielt sie ihm das Bild hin.

Er nahm es ihr ab und betrachtete sich die liebliche Gestalt, die neben sein jüngeres selbst stand.

Selbst auf diesem Photo spürte der Betrachter noch die Lebenslust dieser jungen Frau. Das alles gewinnende Lächeln, das Strahlen ihrer Augen.

Er seufzte leise auf.

Aufmerksam blickte Charlotte ihn an.

Sie sah den Ausdruck seiner Augen, als er sich die Photographie besah.

Den hatte sie noch nie bei ihrem Vater gesehen.

„Ihr habt euch offensichtlich nahe gestanden." stellte sie daher emotionslos fest.

Ihr Vater blickte auf.

Er nickte stumm mit dem Kopf.

Er schwieg. Minuten lang.

Es war an der Zeit, dass sie die Wahrheit erfuhr.

Und so erhob er seine Stimme.

„Erinnerst du dich Charlotte? Als Kind hast du mir immer sehr viele Fragen gestellt. Über meine Arbeit. Über das Meer. Und über die Titanic."

Charlotte stutzte. Die Stimme ihres Vaters klang angespannt. Würde er jetzt endlich reden. Darüber, was damals in jener Nacht vom 14. auf den 15. April. 1912 geschah?

„Ja. Du hast mir viel über das Meer und deinen Beruf erzählt. Von deinen Fahrten nach Australien. Aber nie. Niemals sprachst du über die Titanic. Das was ich darüber weiß, hat mir Mutter erzählt. Aber ich vermute, dass sie mir nicht alles erzählt hat. Sie stockte immer wieder an manchen Stellen."

Er versteifte sich, als Charlotte dies erwähnte. Also hatte Marion ihr doch von der Titanic erzählt. Obwohl er nicht wollte, dass sie dies tat. Doch muss sie Charlotte nicht alles erzählt haben. Nur das nötigste.

Er dankte ihr dafür.

„Es hatte einen Grund, weshalb ich dir nichts über die Titanic sagte. Und ich bereue, dass ich es dir erst jetzt erzähle. Dir erst jetzt sage, was du eigentlich schon seit einigen Jahren wissen müsstest. Doch ich hatte einfach nicht den Mut. Fand ihn nicht. Bitte denke nicht böse von mir."

Charlotte zog beide Brauen hoch. Was wollte ihr Vater ihr nur erzählen? Hatte er sich damals an Bord eines Verbrechens schuldig gemacht?

„Oh Papa du tust gerade so, als verrietest du ein Staatsgeheimnis!" lachte sie.

Ihr Vater atmete tief ein. Und legte das Photo so auf den Beistelltisch das es zu seiner Tochter zeigte.

Er deutete auf die junge Frau auf dem Bild.

„Das ist Elisabeth Charfield. Sie reiste auf der Titanic als Erste Klasse Passagierin."

Er holte nochmals tief Luft und sah seine Tochter bedeutungsschwer an.

Und schließlich ließ er den Worten freien Lauf, die schon seit Jahren hätten ausgesprochen werden sollen.

„Und sie ist deine Mutter."

Stilles Herz- Dem Schicksal entgegenHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora