"Willst du mich verarschen? Was soll das, komm mal klar, hier sind Leute auf der Treppe." Ich war genervt. Nicht nur, weil ich ein Sofa vier Stockwerke in meine neue WG tragen musste und meine einzige Hilfe der Postbote war, der Mitleid mit mir hatte, aber selbst kaum seine Post hochheben konnte, weil er einem Lauch ziemlich ähnlich sah, nein, nicht nur weil mich meine Umzugsfirma einfach samt ganzem Kram vor der Haustür abgeladen und abgehauen war, nein, sondern weil kein SCHWEIN zuhause war und dieses hässliche Spinnenartige, telefonierende Etwas von Frau sich unbedingt an uns vorbei quetschen musste und mich dabei beinah die Treppe runter stieß. Vielleicht war es nicht die beste Idee einfach meinen ganzen Kram nach oben zu schaffen und dort die Tür zu verstellen, aber besser als gar nichts.
Nachdem ich dem Postboten mit einem 10 Euro Schein gedankt hatte, er mir die gesamte Post des Mehr-Generationen-Hauses (man darf ja nicht mehr Mehrfamilienhaus sagen) als Abschiedsgeschenk in die Hand gedrückt hatte, setzte ich mich erst einmal auf die Stufen vor der Eingangstür und schaute mich um. Es war angenehm warm für Oktober, die Blätter der Bäume, die als Allee die Straße säumten, verfärbten sich in den verschiedensten Farben und ein frischer Wind wirbelte die schon abgefallenen Blätter durch die Luft. Er zerzauste damit auch meine Haare, sodass sie mir wie eine dunkelbraune Wand die Sicht versperrten. Ich seufzte und schüttelte meine Mähne aus meinem Gesicht. Meine Mom fiel mir ein, die ich sofort anrufen sollte, wenn etwas los war. SOFORT, hatte sie mir eindringlich gesagt als sie mich an den Schultern packte und vor und zurück wippte. Auch mein Vater hatte sich in diese Richtung geäußert, aber er hatte mich, anstatt mich zu schütteln, in den Arm genommen und mir die Luft abgedrückt. "Ich hatte dich doch die letzten zwei Jahre nicht, warum musst du jetzt wieder weg gehen? Was soll ich denn jetzt ohne dein komisches rumgequietsche auskommen?", hatte meine Mom weinerlich geäußert. "Wie gesagt Mom, du hast das schon zwei Jahre ohne ausgehalten, du packst das auch ein paar mehr.", ich musste lächeln bei der Erinnerung wie sie mich zusammen mit meinem Vater zerquetscht hatte und meinen Bruder noch dazu zog, der das ganze wohl ein wenig unangenehm fand. Auch er würde mich vermissen, das wusste ich, aber er zeigte es auf eine ganz andere Weise. Er schlug mir mit der Faust auf die Schulter und sagte: "Wehe du lässt dich abstechen, ich hab nicht genug Geld um deinem Mörder nachzujagen. Warum hast du dir unbedingt Berlin ausgesucht? Da kostet ne Zugfahrt fast 90 Euro." Dann zog er mich kurz in seine knochigen, warmen Arme, küsste mich auf die Haare und verschwand in seinem Reich: dem Keller.
Mir fielen Abschiede nicht schwer, nicht mehr, seit ich zwei Jahre fast nicht Zuhause gewesen war. Nach einem Jahr Abitur hatte ich beschlossen, dass Schule nicht das war, was ich wollte. Schulisch gut genug für ein Medizinstudium war ich nicht, obwohl mir Blut egal war und ich die Bilder von weggefaulten, abgestorbenen Gliedmaßen oder Zähnen auf den Zigarettenpackungen meines Bruders und dessen Freunden unglaublich interessant fand. Ich meine, hat irgendwer ne Ahnung wie viele Auswirkungen ein Stoff auf den Körper hatte und wozu er überhaupt fähig war? Also, mit einem, nun ja, ausreichenden Fach-Abi ging ich für ein Jahr nach Andalusien um dort mein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen, was für das Fach-Abi ja erforderlich war, nur um danach für ein Jahr in York, England in die Schule zu gehen, weil ich immer noch keinen Plan hatte was ich überhaupt wollte. Seit je her hatte ich keine Ahnung wo meine Talente lagen und ich schwankte zwischen einer Ausbildung beim Bundesnachrichtendienst und Personal Management als Bachelor Studium. Eine Ausbildung beim Bund war auch mal in Erwägung gezogen worden. Wie gesagt, es war schwierig. Letztendlich war ich bei Regie und Schauspiel hängen geblieben und genau das machte ich jetzt. "Warum Berlin? Andalusien? England? Ehrlich? Alles in einer Reihe?", das hatte mich mein Vater gefragt, als ich mit dem Vorschlag, naja der Entscheidung, um die Ecke kam, nach Berlin zu ziehen. Es war nicht leicht für ihn, das sah ich. Auch wenn er immer sagte, ich nerve ihn mit meinen ewigen Tiraden, wie schlecht ein paar gewisse TV-Serien waren (*husthustshadowhuntershusthust) und wie ich ihn immer vollschwatzte mit den Problemen meiner Bekannten, die so viel Drama in ihrem Leben hatten, dass es eine ziemlich schlechte Sitcom werden konnte, wollte er nicht dass ich gehe. Endgültig gehe. Er war es gewohnt, dass mein Bruder mit seinen fast 25 Jahren noch ohne Führerschein bei uns Zuhause rumdümpelte und partout nicht aus seinem Keller verschwinden wollte und dann kam ich, die Tochter die in alle Himmelsrichtungen verschwand und die wildesten Geschichten mitbrachte. Ich war fast einundzwanzig und hatte nur ein Fach-Abi, trotzdem aber mehr Lebenserfahrung wie die meisten in meinem Alter. Genau deswegen zog es mich wohl in den größten Kulturstrudel in Deutschland. Es kam nicht mehr in meinen Kopf, dass ich meine Tage damit verbringen sollte immer nur Nichts zu tun. Dafür hatte ich in Andalusien zu viel gesehen und in England zu viel gearbeitet.
Mein Handy vibrierte und ich sah, dass ich eine wütende Nachricht bekommen hatte.
Kompost-WG
Ardian Cosmin Badea: WARUM HAT MICH GERADE EIN SOFA FAST ERSCHLAGEN ALS ICH DIE TÜR AUFMACHEN WOLLTE WARUM SIND DA SO VIELE SACHEN WARST DU DAS WAS WARUM WO BIST DU.
Ich starrte mein Handy an. Ich hatte geklingelt, gerufen, gegen die Tür getreten und niemand hatte auf gemacht. Ich steckte mein Handy weg. "Antworte, du Wicht.", hörte ich auf einmal eine Stimme über mir. Ich schaute nach oben und sah einen braunen Haarschopf und einen nackten Arm aus einem Fenster lehnen. Der Typ hatte Nerven. "Du weißt, dass ich mindestens eine virtel Stunde lang Sturm geklingelt habe? Soll ich meinen Kram auf der Straße stehen lassen oder wie?", versuchte ich ihm zu vermitteln, aber es musste ja genau in diesem Moment ein Lastwagen vorbei düsen und meine Worte wurden wie weggesogen. "WAS?", kam der originelle Kommentar von oben. "ICH SAGTE", wollte ich schon wieder ansetzen, als ein zweiter, diesmal blonder, Haarschopf sich zu dem ersten gesellte. "Ardian wollte sagen, unsere Klingel ist kaputt und er wollte sie schon seit einer Woche auswechseln, was er nicht getan hat, also ist es nicht deine Schuld." Der braune Schopf drehte sich zu dem blonden um und schien eine Drohung auszusprechen. Doch der Blonde ließ sich nicht beirren und rief noch einmal mit einem dicken russischen Akzent:"Er sagt, das Sofa sei ihm eine Lehre gewesen.", damit verschwanden beide und das Fenster wurde geschlossen. Der Blonde war dann wohl Nikita, mein zweiter WG Mitbewohner, fehlte nur noch einer. Warum ich mir eine WG nur mit Männern ausgesucht hatte? Ich mochte keine Mädchen. Vielleicht war das ein Überbleibsel meiner Unterdrückten Bisexualität. Anyways. Abgesehen von meinen zwei Freundinnen, die ich durch die ganze Zeit behalten hatte, kam ich mit Jungs einfach besser klar.
Ich seufzte und ging hinüber zu meinem Wagen, einem alten, dunkelblau lackierten BMW Cabrio den ich meinem Onkel abgekauft hatte. Ich hatte ihn repariert, neu lackiert, die Polster ausgewechselt und ihn dabei auf eine Art lieb gewonnen, die mir sagte, dass ich dieses Auto bis auf die Knochen verteidigen würde. Es war ein wenig wie Marshalls Camero aus How I Met Your Mother. Ich holte also meine Handtasche aus dem Auto und bemerkte, dass Dudley wach geworden war. Das rumgebrülle hatte ihn wohl aus seinem "Koma" geholt, in dem er die meiste Zeit der Fahrt gewesen war. Ich wickelte das kleine Würstchen in seine Decke ein, packte ihn unter meinen Arm und marschierte auf die Tür zu, die jetzt verschlossen war.
Kompost-WG
Findus Montag: Macht mal jemand die Tür auf bitte. Ich hab den Schlüssel noch nicht.
Nikita Medwedew: Wir kommen nicht raus.
Ardian Cosmin Badea: DAS SOFA
Kevin Harding: Warum heißen wir Kompost-WG
Findus Montag: Ihr seid drei Kerle und bekommt kein Sofa von einer Tür weg. Wenn ich mich recht entsinne hab ich das mit dem Lauch des Jahrhunderts da hin stellen können.
Ardian Cosmin Badea: Soll das eine Beleidigung sein.
Kevin Harding: Hallo.
Findus Montag: Ich weiß nicht.
Findus Montag: Lauch.
Nikita Medwedew: Machs doch selbst.
Findus Montag: Ich kann nicht, mir fehlt Paper-Boy, ausserdem hab ich nen Welpen auf dem Arm.
Keine zwanzig Sekunden später hörte ich einen Schrei, die Tür wurde aufgerissen und ich wurde von einem wild gewordenen Ardian fast umgeworfen. "cârnați mici.", sagte er entzückt, als er Dudley sah. "Ich meine. Chrm. Hey Findus.", er schaute verlegen von Dudley in mein Gesicht. Ich hatte mich schon einmal mit diesen drei Kadetten getroffen, es war das reinste Chaos, aber ich wusste sofort, dass ich die richtige Wahl mit ihnen treffen würde. Vorsichtig um ja nicht Dudley zu gefährden, umarmte er mich. Ein T-Shirt schien er nicht zu kennen.
Weiterhin entzückt auf Dudley äugelnd lief er neben mir die Treppe hoch in den vierten Stock. Oben angekommen sah ich, dass die Hälfte meiner Sachen schon in die Wohnung geräumt worden war, was mich sehr freute. Ich hörte ein Gemisch aus Stimmen, Lachen und anderem gekruschel, was wahrscheinlich meine Sachen waren, die gerade ausgepackt wurden, aus der offenen Tür. Ardian quetschte sich an mir vorbei und rief: "WIR HABEN ENDLICH EIN MÄDCHENNNNNNNN!", lautes gegröle folgte. Ich grunzte, musste aber schmunzeln, und so, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, trat ich tief Luft holend in mein neues Zuhause ein.
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1579 Wörter
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Muggel
Teen FictionDie Welt schien voll von ihnen zu sein. Muggel. Das denkt sich Findus, als sie nach ihrem ersten Tag an der Uni in einer Bar in einen Streit zwischen ihren WG Mitbewohnern und einer Gruppe Jungs gerät und ihre Seelenruhe durch einen gewissen Jema...
