Kapitel 1Aufgewacht

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Es war dunkel.

Keuchende Atemzüge durchbrachen die Stille. Es klang, als wäre jemand kurz vor dem Ertrinken aus dem Wasser gezogen worden. Sie stammten von einem Menschen. Von mir.

Vorsichtig drehte ich den Kopf, doch sofort wurde mir schwindelig. Ich... Ich konnte meinen Körper nicht spüren! Mit schweren Lidern versuchte ich mich umzusehen. Dunkel. Nichts als undurchdringliche, tiefschwarze Dunkelheit. Ich blinzelte, doch das änderte nichts. Es blieb dunkel.

Wo war ich? Ich wusste es nicht. Wieso wusste ich nicht, wo ich war und wie war ich überhaupt hierhergekommen?

Ich spürte noch etwas anderes als den Schwindel. Ein langsam schneller werdendes Klopfen in meiner Brust. Mein Atem stockte und mein Herz setzte für einen Schlag aus, als ein Gedanke durch meinen Kopf schoss. Das Klopfen wurde zu einem panischen Flattern. Ein eisernes Band legte sich um meine Kehle und schnürte mir die Luft ab.

Ich? Wer war ich? Das Flattern wurde noch schneller, lauter, stach, brannte. Wer war ich? Meine Gedanken überschlugen sich, als ich nach einer Antwort suchte. Aber da war nichts. Wer war ich? Alles leer. Wer bin ich? Wer bin ich? Blitzschnell wirbelte der Gedanke in meinem Kopf herum. Keine Antwort. Wer bin ich? Aber da war nichts. Kein Name, keine Erinnerungen. Nichts. Nur das Jetzt und der unkontrolliert ängstliche Vogel in meiner Brust, der nun versuchte sich mit seinen Krallen einen Weg nach draußen zu erkämpfen. Raus aus der Dunkelheit. Wer war ich? Warum konnte ich mich nicht erinnern? Was war passiert?

Warum ...?

Nein. Nichts als Fragen, die mit Meißeln an meine Schläfen hämmerten. Beruhige dich. Ich musste hier raus. Egal, wo hier war.

Ich schloss die Augen, auch wenn es keinen Unterschied machte. Tief durchatmen. Das Jetzt. Das zählte. Schritt für Schritt. Wo? Ich hielt die Augen geschlossen. Im Dunkeln konnte ich ohnehin nichts erkennen. Ein leises Tropfen. Langsam und unregelmäßig. Ein leckes Rohr? Das Geräusch hallte nicht von den Wänden wider, es war also ein kleiner Raum.

Mein Körper zitterte, meine Fingerspitzen schmerzten. Die Kälte bohrte sich wie hunderte Nadelstiche in meine Haut. Ich öffnete meine Augen wieder. Sie brannten. Ich konzentrierte mich auf meinen Körper. Tief durchatmen. Dem Vogel redete ich beruhigend zu, bis er sich wieder niederließ. Das Jetzt.

Taub und lahm, von der Kälte. Das Jetzt. Als ich mich bewegte um im Dunkeln herumzutasten, lies die Kälte nach, offenbarte den darunter verborgenen Schmerz. Langsam bewegte ich meinen Arm, die Hand. Sie war steif, so als hätte ich sie lange nicht gebraucht. Meine Muskeln zogen schmerzhaft, als hätten sie krampfhaft etwas umklammert.

Dann betastete ich meinen Körper. Ich trug etwas. Etwas Weiches. Ein Stoff. Meine Arme waren nackt. Dünne Träger. Krampfhaft versuchte ich, mich an ein Wort zu erinnern. Top. Ja, ein Top. Ich stellte fest, dass ich weiblich war. Weiblich. Gut, damit konnte ich etwas anfangen. Grober Stoff an meinem Bein. Jeans. Ich legte meine Hand darauf. Sie zitterte. Ich spürte, dass die Hose verschlissen war. Okay.

Erst jetzt fiel mir auf, wie hart der Untergrund war. Meine Wange lag auf hartem Gestein. Beton. Ich lag auf der Seite. Ich versuchte mich hochzuhieven. Stützte mich auf meinen Ellenbogen ab und stöhnte unwillkürlich. Ich biss die Zähne zusammen. Keuchend schnappte ich nach Luft. Weiter. Ich drückte mich hoch. Noch ein Schmerzenslaut. Ein Wimmern. Das einzige Geräusch in der unwirklichen Stille.

Ein glühender, stechender Schmerz fuhr in meine Seite. Unterdrückt schrie ich auf. Es brannte wie Feuer. Ich konnte mein Bein nicht bewegen. Ich probierte, es zu mir zu ziehen, vergeblich.

Der Vogel wurde unruhig, schlug mit den Flügeln, wollte aus seinem Käfig zu entkommen. Stück für Stück raffte ich mich auf und dann-

brach ich zusammen, schlug hart auf dem Beton auf. Ein leises Rasseln. Ein Druck um mein Fußgelenk. Ich war schwach, so schwach und müde. In meinem Kopf drehte sich alles, Fragen, Schmerzen, Verzweiflung, alles wurde zu einem einzigen Wirrwarr.

Ich bewegte das andere Bein. Es stieß gegen irgendetwas. Wieder erklang das leise Klirren. Gepresst atmete ich ein und aus und drückte meine Hand auf meine Seite. Ich fasste in etwas Nasses, Klebriges. Erst einen Moment später begriff mein verwirrter Geist, dass es Blut war. Mein Blut.

Ein Hilfeschrei erstickte in meiner Kehle. Wen wollte ich rufen? Den, der mir das angetan hatte? Ich betastete die Wunde und biss mir auf die Lippe, um nicht laut aufzuschreien. Sie war lang und tief. Der Schmerz war so intensiv, als würde mit jedem Herzschlag ein glühendes Messer in meinen Körper gerammt.

Langsam verschwamm die Dunkelheit vor meinen Augen. Wurde ersetzt von einer anderen Art der Dunkelheit, kälter und tödlicher.

Das Gefühl verließ meinen Körper, sickerte durch den kalten Beton. Eines wusste ich: ich würde sterben. Hier, in der Dunkelheit. Allein. Ohne zu wissen, wer ich war. Wer ich gewesen war.

Nicht aufgeben. Ich brauchte Gewissheit. Mit meinen letzten Kraftreserven bewegte ich mich. Krümmte meinen Körper, schob mich wimmernd Zentimeter für Zentimeter über den Boden, bis ich meine Hand auf mein Schienbein legen konnte. Mein Bein lag da, als gehörte es nicht zu meinem Körper, als hätte es nie dazugehört. Ich streckte die Hand aus, hinunter zu meinem Knöchel. Meine zitternden Finger berührten etwas Kaltes. Metall. Ein eisernes Band um meinen Knöchel. Unter größter Anstrengung schaffte ich es, mein Bein zu bewegen. Eine Kette rasselte hämisch auf dem Beton. Jemand hatte mich angekettet.

Panik begann sich in mir auszubreiten. Irgendjemand hielt mich hier fest. Warum?, hallte es durch meinen Kopf.

Irgendjemand wusste, dass ich hier war, wusste, was mit mir passierte, und wusste, wer ich war. Doch ich glaubte nicht, dass dieser Jemand mich gehen lassen würde. Weiter sickerte das Gefühl in den Boden, kroch mir die Kälte in die Knochen, immer weiter wurde ich in die tödliche Umarmung der Dunkelheit gezogen. Meine Augen hatten aufgehört zu brennen. Würde man mich hier einfach sterben lassen?

Der Vogel schwieg und ergab sich ohne Widerstand in sein Schicksal.

Doch wenigstens wusste dieser unbekannte Feind, dass es mich gab, dachte ich erleichtert, bevor alles spurlos verschwand.

Engelsgene - Aufgewacht im JetztStories to obsess over. Discover now