Sad

51 3 2
                                        

Blut. Blut verteilt über die ganze Straße. Ich fliehe. Mein Bruder zittert. Er tut mir Leid. Der Marsch durch die Wüste wird lange dauern. In einer Stunde wird die Sonne aufgehen. Meine Eltern sind auch hier. Sie kleben an uns. Ihr Rest sieht von oben auf uns herab. Ich sehe die Stadt nicht mehr. Trotzdem kann ich die Sterne am Himmel kaum erkennen. In ein paar Stunden sollte mir aber die Sonne als Kompass helfen. Die Wüste hat keine Orientierungsmöglichkeiten. Die weißen Atemwölkchen sind schon lange vor meinem Gesicht verschwunden. Die Sonne brennt wie ein Streifen am Horizont. Es könnten genauso gut brennende Büsche sein. Ich mag kein Feuer. Es zerstört nur. Viele Brandnarben zieren meinen dürren Körper. Unser Haus ist oft abgebrannt, als wir geschlafen haben. Einen Bruder habe ich dadurch schon verloren. Meine Zwillingsschwester ist an Malaria gestorben. Die Heilmittel für sie haben wir uns nicht leisten können. Ich hätte mich für sie wie andere Mädchen prostituiert, wenn mein Vater es mir nicht verboten hätte. Die Sonne ist jetzt ganz zu sehen. Es wird immer wärmer. Mein Bruder schläft ein. Endlich. Auch er ist mit Blut bekleckert. Tränen rinnen über mein Gesicht. Das Gewicht meines Bruders raubt mir die Kraft. In schätzungsweise acht Stunden bin ich an meinem Ziel. Mein Magen knurrt. Essen hat meine Familie sich nicht leisten können. Wir sind von Spenden angewiesen gewesen. Dennoch konnten wir uns die Schule nicht leisten. Mein Traum Ärztin zu werden hat also nicht mal die Chance erfüllt zu werden. Jetzt bin ich 13. Viel zu alt für die teure Schule. Umgerechnet 50 Euro im Jahr. Meine Füße werden durch den heißen Sand geschmort. Schweiß rinnt mir über das Gesicht. Sein bitterer Geschmack hat sich schon in meinem ausgedorrten Mund festgesetzt. Wie der Dreck unter meinen Nägeln. Die Sonne wandert immer weiter am Himmel entlang und nähert sich dem Horizont. Durstig, hungrig und müde komme ich an meinem Ziel an. Viele Menschen sind hier nicht. Nur ihre Familienmitglieder. Ich beginne eine Loch auszugraben. Schweiß rinnt mir abermals über die Stirn. Im Abendrot glitzern die Tropfen im Sand. Eine Grube in der größe meines Bruders ist freigelegt. Er ist ja nicht mal ein Jahr alt gewesen. Das wird er auch nie. Ich nehme den Splitter der Bombe aus dem Kopf meines toten Bruders. Ich weiß nicht genau woran er gestorben ist. Vielleicht eine Gehirnblutung. So langsam, dass er noch eine Stunde überlebt hat. Meine Eltern hatten den gnädigeren Tod. Ein Knall und schon waren sie in fetzen auf uns verteilt. Es ist nichtmal etwas von ihnen übrig, das ich hier begraben könnte. Hier an dieser religiös wichtigen Stelle liegen tausende von Gräbern. Profisorische Kuhlen und kleine Namensschildchen aus Holz. Jedes gleicht dem anderen. Nur die Gräber meiner drei toten Geschwister stechen für mich heraus. Andere Verwandte haben mir meine Eltern nie vorgestellt. Niemand der sich jetzt um mich kümmern könnte. Ich mache mich wieder auf den Weg. Diesmal aber ohne die Leiche meines Bruders, durch die Nacht und in Richtung einer anderen Stadt. Meine letzte Möglichkeit. Ich brauche nicht nach Hause zu gehen. Nur erwachsene erhalten Spenden und Waisenhäuser gibt es nicht. Die nächste Bombe lege ich. Und so beginnt der Kreislauf von neu.

535 Wörter

SadGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt