Prolog:
Wer behauptete, keine Angst vor dem Tod zu haben, der log. Der Tod war allgegenwärtig. Mächtig. Unumgänglich. Das war eine Tatsache, die man nicht leugnen konnte. Man sah ihn überall: Blumen, deren wunderbare, in allen Farben leuchtenden Blüten schon nach wenigen Tagen an Kraft verloren und auseinanderfielen, bis nur noch ein paar vertrocknete Reste übrig waren; Tiere, die ihrem Ende mit zuckenden Gliedmaßen und einem letzten verzweifeltem Schrei entgegengingen, die Augen zum Himmel verdreht. Vermutlich wussten sie gar nicht, wie ihnen geschah. Und dann gab es natürlich noch die Menschen, die zwar eine längere Lebensspanne als Tiere oder Pflanzen hatten, jedoch auf weitaus schlimmeren Wegen ums Leben kommen konnten – sei es nun durch eine Schusswaffe, Transportmittel, eigenes Eingreifen oder Gewalteinwirkung Außenstehender. Niemand konnte dem Tod entkommen, nicht einmal wir, die wir uns an der Spitze der Nahrungskette sahen. Die Wahrheit war jedoch, dass selbst die Menschen in ihrem Erfinderwahn keine Chance gegen die Gewalten der Natur hatten. Jeder fand unwiderruflich sein Ende, ob er das wollte oder nicht. Als Kind hatte ich es noch nicht gewusst; meine Mutter hatte es gut vor mir geheim gehalten. Damals war ich von Trauer und Kummer noch unbefleckt gewesen und hatte Hoffnung in allem und jedem gesehen – wie naiv ich doch gewesen war. Schon kurz nach meiner Geburt war ich das erste Mal mit dem Tod in Berührung gekommen. Mein Vater starb und ließ uns zurück. Meine Mutter beteuerte immer wieder, dass sie nicht wüsste, unter welchen Umständen er gestorben sei, doch ich wusste, dass sie sich an der Hand kratzte, wenn sie log – was sie in diesen Momenten, in denen ich sie gefragt hatte, stets getan hatte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass es sich um so viel mehr handelte und dass ich so sehr daran zerbrechen würde. Doch mit dem Beginn meines zwanzigsten Lebensjahres, und zudem meinem ersten Jahr an der Universität, fand diese Unbeflecktheit - diese Unschuld - ihr Ende, und mein Schicksal begann damit, seine Fäden immer enger um mich zu ziehen. Denn eine Tatsache, die mir nach der Beerdigung klargeworden war, konnte ich nicht länger ignorieren: Der Tod und ich waren durch einen ganz besonderen Bund miteinander verbunden, doch das war es nicht, was mich erschreckte. Nein, der Grund dafür lag in etwas, womit niemand jemals rechnen könnte: Nämlich in der Tatsache, dass ich nicht sterben konnte. Ich war unsterblich.
Kapitel 1:
Zwei Jahre zuvor:
Mein Gesicht verzog sich, als ich die bitteren Pillen hinunterwürgte. Ich stellte den Becher auf das Tablett neben mich und blickte durch die transparenten Vorhänge nach draußen. Mir blickte der gleiche triste Himmel wie jeden Tag entgegen. Dichte Wolken ließen es dunkel und düster wirken, weshalb wir auf die Beleuchtung in unseren Zimmern angewiesen waren, obwohl es erst Mittag war. Schnee bedeckte die Dächer der Häuser, die in mein Blickfeld fielen. Weiß und unberührt lag er da, und ich stellte mir vor, wie es wäre, ihn zu berühren oder einen Schneeengel zu machen. Dicke Flocken fielen vom Himmel. Der eiskalte Wind blähte die Vorhänge auf, die die Kälte von draußen kaum abhalten konnten. Wer hatte nur das Fenster offenstehen lassen? Meine Zimmernachbarin schlief tief und fest. Das konnte ich an ihren umherirrenden Augen hinter ihren geschlossenen Lidern und ihren gleichmäßigen Atemzügen festmachen. Ich war erleichtert, wenn sie schlief, denn dann war ich mit meinen Gedanken allein. Allerdings waren diese nicht immer gut. Ich schlug die Decke um und stellte meine nackten Füße auf den kalten Fußboden. Sofort fröstelte ich in meinem dünnen Pullover. Eilig schloss ich das Fenster und zog die Vorhänge zu, obwohl das nicht viel brachte. Als ich mich umdrehte, betrachtete ich das kurvige Mädchen mit dem mausbraunen Haar vor mir genau. Obwohl sie ihre Decke bis unter ihr Kinn gezogen hatte, lugten ihre Arme hervor. Unter ihren Ärmeln sah man die Ansätze der blutigen Striemen, die sie sich erst gestern heimlich zugefügt hatte. Bei der Erinnerung, wie drei Pfleger sie hatten festhalten müssen, um ihr die Rasierklinge, die sie wohl irgendwo aufbewahrt haben musste, abzunehmen, schauderte ich. Nun lag sie hier; vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, die sie wahrscheinlich bis zum Ende des Tages schlafen ließen. Ihr Name war Camille. Obwohl wir uns seit einem Jahr das Zimmer teilten, wussten wir so gut wie nichts über den anderen. Alles, was ich wusste, war, dass sie von ihren Eltern hierhergeschickt wurde, weil sie durch Mobbing mit dem Ritzen angefangen hatte. Ich verstand nicht, warum man sie gemobbt hatte. Sie war vielleicht nicht so schlank wie der Durchschnitt, aber sie hatte eine eigene Schönheit, die man nicht so leicht beschreiben konnte. Ganz im Gegensatz zu mir...
YOU ARE READING
Endless - Vom Tode geliebt
ParanormalJocelyn Winters hat kein einfaches Leben. Kurz nach ihrer Geburt verstarb ihr Vater, doch die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Jocelyn leidet sehr unter diesem Mysterium, weshalb sie mit dreizehn der Magersucht verfällt. Mit Hilfe ih...
