Kapitel 1

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I want to leave
My footprints
On the sands of time
~Beyoncé, "I was here"

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Langsam öffnete ich meine Augen und sah zu meinem Handy, als der Wecker losging. Ich nahm es zur Hand und schaltete ihn aus. 5:30. In einer Stunde musste ich an der Bushaltestelle sein.
Ich rieb mir über die Augen und seufzte laut auf. Ich hatte mal wieder schlecht geschlafen, bin alle paar Stunden aufgewacht und nur sehr schwer wieder eingeschlafen. Und die Träume die ich gehabt habe..
Egal.
Ich blieb einfach liegen. Ich könnte aufstehen, duschen, Zähne putzen, mich schminken, mir ein schönes Outfit anziehen.
Am Abend zuvor hatte ich sogar alle Makeup Produkte zurechtgelegt dass ich heute nicht groß suchen musste. Meine Klamotten für den Tag hingen über der Lehne meines Schreibtischstuhls. Zum Glück hatte ich meine Tasche schon gepackt. Aber warte. Heute war der erste Juli. Ich musste die Monatskarte auswechseln.
"Später", murmelte ich mir selbst zu und schloss meine Augen. Hatte ich mir nicht vorgenommen, heute das erste Mal seit langem wieder präsentabel auszusehen? Mich darüber aufzuregen, dass meine Augenbrauen nicht identisch waren? Oder eine schöne Dusche zu nehmen und nochmal rasieren?
Das hätte ich alles tun können, wenn ich vor einer halben Stunde aufgestanden wäre. Vor einigen Monaten habe ich das auch noch jeden Morgen gemacht. Ich hatte die Motivation dazu, mich aus meinem Bett zu schleppen und alles drum und dran.
Ich sah wieder auf die Uhr. 5:50. Langsam sollte ich wirklich aufstehen, sonst muss ich zum Bus rennen.
Stattdessen schloss ich wieder meine Augen, bis der Wecker um sechs Uhr losging.
Eigentlich sollte ich schon lange unten sitzen und frühstücken. Ich sollte mir etwas zu essen für den Tag machen und voller Energie, wenn auch etwas genervt von der frühen Stunde, zum Bus laufen, ein paar Minuten früher dort ankommen und mich nicht hetzen müssen.
Aber ich zog gerade erst eine Jogginghose über und erhaschte einen kurzen Blick in den Spiegel. Schnell sah ich wieder weg. Ich habe mich ganz schön gehen lassen. Vor einigen Monaten hatte ich noch eine wunderschöne Figur gehabt. Das kam dadurch, dass ich jeden Tag Sport getrieben habe und mich relativ gesund ernährt.
Aber, jetzt.. Na ja. Das Gewicht auf meinen Schultern wurde immer schwerer. Eigentlich hatte ich es schon Jahre mit mir rumgeschleppt. Beinahe seit ich mich erinnern kann. Mittlerweile wurde es immer schwerer, und schwerer, und schwerer.
Ich zog mir noch einen dünnen Sweater über und Turnschuhe. Dann schnappte ich mir meine Tasche und schulterte sie. Ich öffnete meine Haare und band sie dann im selben Stil aber eben etwas ordentlicher zurück.
Anschließend schnappte ich mir meinen Schlüsselbund und lief nach unten. "Guten Morgen Ann. Wieder verschlafen?"
"Ja, hab verpennt", murmelte ich und gab vor noch im Halbschlaf zu sein während ich mir eine große Flasche Wasser einpackte. Ich wollte zumindest das Ziel durchsetzen, jeden Tag zwei Liter Wasser zu trinken und somit meinen Kaffeekonsum zu mindern.
Das Wasser würde zumindest auch bei meinem Aussehen helfen.
Ich verabschiedete mich knapp und lief aus der Wohnung. Das erste was ich machte war, mir Kopfhörer aufzusetzen. Dann schaltete ich ein schnelles Lied ein und rannte zur Bushaltestelle.
Normalerweise würde ich knapp fünf Minuten brauchen, zumindest wenn ich so schnell laufe wie sonst.
6:29. Zwei Minuten noch dann war der Bus da. Shit.
Ich verschnellerte mein Tempo und kam bei der Haltestelle schlitternd zum stehen, wo ich erstmal auf mein Handy sah. 6:31. War ich zu spät?
Ich sah mich panisch um und beruhigte mich ein klein wenig als ich merkte, dass die anderen regulären Busleute da standen. Okay, der Bus hatte eine Minute verspätung.
Ich versuchte so schnell wie möglich meinen Atem zu beruhigen. Es war mir peinlich so schwer zu atmen. Verdammt nochmal Ann. Du warst Kickboxerin bis vor vier Monaten. Reiß dich zusammen. Was sollen die Leute denken? Du kommst als unsportlich rüber. Außerdem siehst du aus wie ein Penner. Hast du deine Monatskarte ausgewechselt? Heute schreibst du eine Schulaufgabe in Sozialkunde. Du brauchst mindestens eine vier sonst bestehst du das Schuljahr nicht. Hat Jacky dir zurückgeschrieben? Nein? Sicher hast du sie gestern mit deinen dummen Witzen genervt. Sag mal, bist du dabei zu weinen? Hör auf, ist dir bewusst wie das rüberkommt? Du wirst aussehen wie eine Dramaqueen. Reiß dich verdammt nochmal zusammen.
Ich schluckte schwer und wischte mir verstohlen über die Augen. Mittlerweile saß ich in einer der hintersten Reihen im Bus. Beinahe schon hastig nahm ich meine Taschentücher aus einer kleinen Seitentasche von meinem Nike Rucksack. Ich sollte nicht heulen. Das ergab doch überhaupt keinen Sinn, ich hatte keinen Grund dafür.
Ich wischte mir mit dem Tuch über die Augen und täuschte dann ein Niesen vor, so als würde ich nur mit meinem Heuschnupfen zu kämpfen haben.
Es war lächerlich. Keiner sah mich an und trotzdem versuchte ich so sehr, mein nicht vorhandenes Image zu wahren. Setz dich gerade hin, das gibt Rückenprobleme außerdem merkt dann jeder dass mit dir etwas nicht stimmt.
Ich straffe die Schultern und atmete dabei tief durch. Okay, ich glaube mal ich habe meine Emotionen wieder im Griff. Ich sollte nicht so sensibel sein. Das bringt mir nichts außer Probleme.
Ich schloss wieder meine Augen und hörte Beyoncés Stimme zu. Save the Hero. Schnell schaltete ich um. Das Lied brachte mich immer dazu, zu weinen.
Ich habe vor einer Woche geheult, das reicht für den Monat.
Wieso bist du so?
Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung warum ich mich so fühle, oder wieso diese vielen Gedanken durch meinen Kopf schwirrten. Aber ich musste damit leben, ich glaube es war einfach nur Karma für Dinge die ich nicht hätte tun sollen.
Als ich endlich wieder aus meinen Gedanken kam merkte ich, dass ich schon am Hauptbahnhof angekommen war. Scheinbar war ich aus dem Bus gestiegen und in den Zug. Hastig stand ich auf und stieg aus. Wieso auch immer ich so gehetzt war. Dieser Bahnhof war die Endstation.
Kopfschüttelnd lief ich die Treppe runter und mit langen Schritten an meisten Leuten vorbei. Wieso waren sie so langsam? War ihnen nicht bewusst wie schnell die Zeit vergeht?
Ich sah mich im Bahnhof kurz nach Jacky um. Eigentlich trafen wir und ja jeden Morgen um zusammen zur Schule zu laufen. Ich nahm also wieder mein Handy zur Hand und schrieb ihr.

[[Hey Jacky, kommst du dann?]]

Keine Antwort. Schulterzuckend entschied ich mich dazu schonmal vorzulaufen, als der vertraute iPhone Klingelton in meinen Ohren wiedertönte. Ich nahm ab.
"Ja?"
"Hey Ann. Sorry man, aber ich komm erst zur Schulaufgabe."
"Wieso?"
"Hab ein wenig verpennt und so. Wir sehen uns."
"Na gut. Dann bis später."
"Bis später, hab dich lieb."
"Ich dich auch.."
Ich legte auf und sah mich wieder um. Hatten die Leute mich angesehen? Es muss äußerst komisch rüberkommen, wenn man mit seinen Kopfhörern telefoniert. Vielleicht sogar so als würde man mit sich selbst reden.
Schnell schaltete ich wieder meine Musik ein und seufzte erleichtert, als ich den Anfang von Big Sean's "Dance (A$$)" hörte. Wenigstens würde es mich in Tanzstimmung bringen. Und das munterte mich immer zumindest ein bisschen auf.
Meine Schritte verschnellerten sich und passten sich dem starken Bass des Songs an.
Dabei bemerkte ich nicht wie schnell ich die Stufen zur Eingangstür der Schule hochjoggte und dann noch in den dritten Stock.
Wie immer glitt dieser Schultag wie ein Spielfilm an mir vorbei. Ich schrieb natürlich mit, machte die üblichen Witze mit meinen Banknachbarn und Freunden.
Bis die Schulaufgabe anfing. Mir war jetzt schon speiübel. Ich hasste diesen Lehrer; er war nicht nur sehr unangenehm, nein, er roch auch noch stark und war sehr rassistisch. Na ja jedenfalls hasste er scheinbar Amerikaner. Ich empfand es halt so. Er war keine angenehme Person und würde es auch nie sein.
Ich glaube kaum dass Worte beschreiben können wie sehr er mir zuwider war. Man nehme eine Prise Arroganz, einen Becher Schweiß, einen Kilo Rechtsradikalismus und natürlich noch einen Teelöffel von dem Zeug, was ihn mir wie einen pädophilen Dreckssack rüberkommen ließ.
So ungefähr kann man ihn sich vorstellen.
Und so beschissen wie er war, waren auch seine Proben. Wer zum Teufel konnte denn diese Fragen verstehen? Sogar die Leute die ihr Abitur in Sozialkunde gemacht hatten verstanden einen Scheißdreck.
Ich denke es ist klar, dass meine Laune von -1 auf -10000000000 sank.
Ich fühlte die vertraute Angespanntheit und teilweise auch Aggression, als ich mein fast leeres Blatt abgab.
Du hättest mehr lernen sollen. Aber was? Der Kerl macht deine Aufgaben so scheiße dass du nicht mal einen halben Satz davon verstehst. Du musst dich mehr reinhängen Ann, danach gibt es nur noch eine Stegreifaufgabe.
Ich seufzte. Ja, das stimmte schon. Wenn ich mich nicht ein wenig mehr zum lernen zwinge dann kann ich meinen Abschluss wohl vergessen.

Auf dem Heimweg lief ich an einer Buchhandlung vorbei. Ich fühlte ein Ziehen in meiner Magengegend. Wie gerne würde ich mir jetzt einfach einen neuen Fantasyroman von 1000 Seiten kaufen und mich über das Wochenende in meinem Zimmer verbarrikadieren, um zu lesen.
Aber na ja. Irgendwie ergab es keinen Sinn, fünfzehn Euro für ein Buch auszugeben, wenn mir die Lust am Lesen vergangen war.
Es war komisch. Früher hatte ich täglich ein Buch oder mehr gelesen, einfach weil ich nicht ohne konnte.
Mittlerweile schaffte ich es nicht mal, die ersten zehn Kapitel zu lesen, ohne es dann einfach weglegen zu wollen und zu heulen weil ich mich einfach nicht darauf konzentrieren konnte.
Wisst ihr, früher, da habe ich teilweise noch gefühlt. Und das immer am meisten wenn meine Nase tief in einem Fantasyroman steckte. Ich habe vor Freude geweint, vor Wut das Buch erstmal zusammengeklappt oder ähnliches.
Aber jetzt weinte ich vor Frust weil ich diese Empfindungen einfach nicht mehr spürte.

Egal. Ich werde es trotzdem probieren.
Ich lief in die Handlung und direkt zu meiner Lieblingsabteilung. Meine Augen leuchteten auf als ich den neunten Teil meiner absoluten Lieblingsserie erblickte. Natürlich musste ich ihn sofort kaufen; dazu auch noch einen dicken historischen Roman und den zweiten Teil einer anderen Reihe die ich erst angefangen habe.
Das ist pure Geldverschwendung. Wolltest du nicht für deinen Führerschein sparen? Außerdem liest du die eh nicht.
Ich stockte. Ja.. Das stimmte schon.. Meine Mutter würde garantiert schimpfen.
Nein, nein, nein. Ich tue das für mich selbst da ich genau weiß, dass es mich unter normaleren Umständen richtig glücklich machen würde, neues Lesemateriel zu haben.
Nachdem ich die Bücher gezahlt hatte zückte ich mein Handy und öffnete Todoist. Ich speicherte als neue Aufgabe ein, den historischen Roman zu lesen, da der in keine Serie gehörte.
Gut. Zumindest war ich so weit gekommen. Hoffentlich würde ich mein Ziel auch durchsetzen.

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⏰ Last updated: Jul 01, 2016 ⏰

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Emptiness (Deutsch)Where stories live. Discover now