eins

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Jasmine's Sicht

"Du bist der größte Fehler den ich je gemacht habe!", schrie er mich wütend an und holte aus. Als seine Hand auf meiner Wange landete, fühlte ich keinen Schmerz mehr. Er hatte es einfach schon zu oft getan. Er, mein Vater. Eigentlich sollte ich es schrecklich finden, dass er mich schlägt, doch ich wahr ihm dankbar. Es war nämlich immer ein Moment mehr, in dem ich meine täglich quälenden Gedanken vergessen konnte. Ein Moment mehr, in dem ich nicht an einen Suizid denken musste.

Nachdem sich mein Vater wieder etwas beruhigt hatte, ging ich still in mein Zimmer und schloss die Tür ab, denn bei dem, was ich jetzt vorhatte, sollte mich keiner stören. Es war mein Ausgleich zum Leben und Leiden. Wobei ich bei diesen zwei Sachen keinen Unterschied machte, da das Leiden für mich zum Leben dazu gehört. Ich konnte mir kein Leben ohne Leiden vorstellen oder mich gar daran erinnern je glücklich gewesen zu sein.

Ich griff nach meinem Handy und nach dem Gegenstand, den die meisten Leute schon verurteilten, wenn sie ihn sahen. Meine Klinge. Ich liebte sie und hatte sie immer bei mir. Langsam ließ ich mich an der Wand runtergleiten und saß nun alleine im dunkeln. Als die Musik ertönte, die ich so laut gemacht hatte, dass sie meine Gedanken übertönte, fuhr ich mit der Klinge meinen Arm hinauf. An der Armbeuge angekommen, drückte ich fester und sah den ersten Tropfen Blut meinen Arm hinunterlaufen. Schnitt für Schnitt ging ich tiefer.

Ich spürte schon gar nicht mehr wie weit ich gekommen war, erst als ich auf meinen Arm blickte, stoppte ich. Um meinen Arm hatte sich eine große Blutlache gebildet und der letzte Schnitt war knapp über der Pulsschlagader. Doch ich war noch nicht bereit den nächsten Schnitt zu wagen. Es wäre nämlich mein Letzter und das kann nicht sein. Es kann doch nicht sein, dass das mein Leben war. Besteht der Sinn des Lebens nicht darin glücklich zu werden?

Vorsichtig stand ich auf, denn ich war schon ein paar Mal danach umgekippt. Ich griff nach den Taschentüchern, die auf meinem Nachttisch lagen und versuchte das meiste Blut wegzuwischen. Es musste nur so weit unauffällig sein, dass er, wenn er mal wieder wütend in mein Zimmer gestürmt kommt, es nicht sieht. Er würde sich zwar sowieso nicht für meine Probleme interessieren, doch in die Psychiatrie abgeschoben zu werden, wollte ich nicht riskieren. Mein Zimmer war der einzige Ort an dem ich mich wirklich zuhause fühlte. Woanders wurde ich nur beleidigt, geschlagen und verletzt.

Ja, ich wurde hier auch verletzt, aber von mir selbst. Das ist ein großer Unterschied. Ritzen hilft mir beim Verarbeiten meiner Gedanken. Aber es gab auch etwas anderes, was mir beim Vergessen half. Mein Tagebuch war mein "zweitbester" Freund. Ich hatte dieses Buch vor drei Wochen beim Aufräumen gefunden und es war jetzt schon zur Hälfte vollgeschrieben mit meinen Gedanken. Und nein, es waren keine Gedanken wie:

"Also heute hat mich John ganz komisch angeguckt. Mag er mich etwa nicht?"

oder

"Das Essen in der Cafeteria schmeckte heute wieder wie Abfall. Ich glaube, ich werde die Stellvertreterin der Sekretärin des Sekretärs meines Vaters anrufen und die wird sich erstmal schön beschweren. Dann kann ich in Ruhe um die Häuser ziehen, mich in die Arme jedes dahergelaufenen gut aussehenden Jungens schmeißen und MEIN "KLITZEKLEINES" TÄGLICHES TASCHENGELD AUSGEBEN FÜR SCHUHE UND SCHMINKE."

Entschuldigung für den Ausraster, aber jeder kennt doch diese eingebildeten Mädchen, die denken ihnen gehöre die ganze Welt und sie wären die schönsten von allen. Ist ja klar, wenn man sich acht Kilogramm Make-Up ins Gesicht schmiert. Von diesen Mädchen hatte ich genug auf meiner Schule.

Aber wieder zurück zu meinem Tagebuch. In dem standen eher solche Gedanken, wie:

"Ich will nicht mehr."

oder

"Soll ich den letzten Schnitt wirklich wagen?"

oder

"Warum muss gerade ich fett und hässlich sein?"

Und das waren noch die harmlosesten meiner Gedanken. Ich war ausgelaugt, nur noch eine leere leblose Hülle. Gott sei Dank musste ich aber nicht jeden Tag ein gekünsteltes Lächeln aufsetzen, dar ich keine Freunde hatte. Gar keine. Ich ging alleine zur Schule, saß alleine in jedem Fach, aß alleine in der Pause und ging alleine wieder nach Hause. So ein Leben wünschte ich wirklich niemanden.

"Alles wird perfekt. So perfekt. So perfekt. So perfekt...", ertönte Caspers Stimme in meinem Ohr. Hatte er Recht? Werde ich je glücklich sein?

Als das Lied vorbei war, machte ich die Musik aus und griff nach meinem Tagebuch. All diese Gedanken, die mir gerade erneut durch meinen Kopf geflogen waren, schrieb ich so schnell ich konnte auf, denn ich dachte einfach an so viele Dinge gleichzeitig. Ich schrieb über meinen Vater, die Probleme in der Schule, mein Aussehen und meine Sucht nach der Klinge.

Die Zeit verflog nur so und als ich den abschließenden Punkt setzte, realisierte ich, dass ich gerade fünf Seiten geschrieben hatte. Meine Hand schmerzte schon richtig vom vielen Schreiben. Wie immer las ich nochmal alles Korrektur, da ich ein kleiner Kontrollfreak war. Schon wieder füllten sich meine Augen mit Tränen, denn beim Lesen waren die Gefühle noch realer als beim Schreiben.

Und wie jeden Abend ließ ich es einfach laufen, krümmte mich zusammen und schloss die Augen...

*Helpless*Stories to obsess over. Discover now