Ich wurde noch nie mit dem Tod konfrontiert. Mein Leben war perfekt. Ich hatte eine Familie, eine Mutter, einen Vater und eine kleine Schwester. Damals hatte ich das Leben nie wirklich zu schätzen gewusst. Ich war naiv und egoistisch genug, um nicht mit dem zufrieden zu sein, was ich bereits besaß. Doch wer konnte auch nur ahnen, dass sich das eigene Leben von einem zum anderen Tag so ändern konnte?
Selbst jetzt, nach all den Monaten, verfolgten mich meine Träume immer noch. Immer wieder wurde ich in diesem dunklen Raum gefangen genommen und konnte mich nicht von der Stelle rühren. Jedes Mal hörte ich jemanden hinter mir schnell und abgehackt atmen, doch ich wusste bis jetzt noch nicht, wer das war. Die Person legte eine Hand von hinten auf meine Schulter und flüsterte mit rauer Stimme, dass das alles meine Schuld sei. Und das ist genau der Moment, bei dem ich aus meinem Traum erwachte. Immer wieder. Jede Nacht. Ohne Ausnahme. Und das seit dem Tod meiner Familie.
Mein Handywecker klingelte. Genervt öffnete ich meine Augen. Halb sechs Uhr früh am Freitagmorgen. Ich nahm mein Handy zur Hand und schaltete den Wecker aus. Wie nicht anders zu erwarten, hatte ich denselben Traum wie jede Nacht geträumt. Natürlich, es war ja auch nicht anders zu erwarten. Und obwohl mich jede Nacht derselbe Traum verfolgte, verlor es nie seine Wirkung auf mich. Es brachte mich in eine andere Welt, fernab der Realität. Es mag zwar harmlos wirken, wenn man bedachte, dass das nur ein Traum war, doch sobald ich auch nur einen Fuß auf diese Welt setzte, hatte sowohl die Realität, als auch die Tatsache, dass es lediglich nur ein Traum war, keine Bedeutung mehr.
Da ich keine andere Wahl hatte und ich mich für die Schule fertig machen musste, zog ich meine flauschigen Pantoffeln an und ging hinaus in den Flur. Meine Tante und mein Onkel schliefen noch. Leise ging ich den Flur entlang zum Badezimmer und schaltete das Licht an, was eigentlich ziemlich unnötig war, denn die Sonne schien schon fröhlich munter in unser Badezimmer hinein. Regen und Donner hätten wenigstens meiner Laune entsprechend gepasst. Müde warf ich einen Blick aus dem Fenster. Heute würde es sehr heiß werden, ich konnte jetzt schon den Schweiß auf meiner Stirn kleben fühlen. Schließlich ging ich mein morgendliche Ritual nach. Duschen, Zähne putzen und Haare föhnen. Wieder in meinem Zimmer angelangt, zog ich mir meine hellblaue Lieblings-Jeans an, die schon ziemlich verwaschen war und um das Ganze komplett zu machen, ein dunkelgrünen T-Shirt. Dann kramte ich meinen Kamm aus der Kommode und kämmte mir meine langen dunklen Haare. Ich band sie zu einem hohen, lockeren Pferdeschwanz zusammen, noch ein bisschen Wimperntusche auftragen, fertig. Ich schaute in den Spiegel und betrachtete mich. Das ist die Melody, die die Leute von außen sehen, ein nettes Mädchen wie jedes andere, doch wussten sie nicht mal ansatzweise, was in mir vor sich ging. Und das ist auch gut so - dachte ich zumindest.
Ich ging die Treppe hinunter in die Küche. Mich überraschte immer wieder aufs Neue die Größe des Hauses von meiner Tante und meinem Onkels. Sie hatten im Leben schon viel erreicht und ich konnte von Glück sagen, dass sie so nett waren mich aufzunehmen, als ich alleine ohne Familie da stand. Ohne Beistand. Da ihr Haus so groß war, war es für sie kein Problem, ein Zimmer für mich in ihrem Heim zu organisieren. Und da sie auch keine Geldprobleme hatten, konnten sie noch eine zusätzliche Person gut versorgen. Ich bewunderte sie, und das sagte ich nicht nur, weil sie so großzügig waren und mich aufnahmen. All die Disziplin, die sie auf dem Tag legten und all die Mühe, die sie sich gaben, nur um sich und uns alle gemeinsam glücklich zu machen, brachte mich zum Nachdenken. Sie hatten doch schon alles erreicht, was zu erreichen war. Im Endeffekt bräuchten sie nicht mehr zu arbeiten, da sie für ihren Lebensunterhalt genug gesorgt hatten. Und doch hörten sie nicht
auf. Manchmal fragte ich mich, ob man sich dessen bewusst war, dass man durch das ganze Arbeiten und Vorsorgen, den Sinn des Lebens außer Acht lässt. Denn der Sinn des Lebens ist es doch zu Leben. Menschen arbeiten, um letzten Endes ein schönes Leben zu haben. Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus: Wir Leben, um zu Arbeiten und anschließend zu sterben. Dabei kommt es doch auf das Hier und Jetzt an und nicht darauf, was man in fünf Jahren alles schaffen möchte. Denn wer garantiert, dass man bis dahin noch lebt? Ich wusste wovon ich sprach.
Ich versuchte krampfhaft nicht an meine kleine Schwester zu denken, die viel zu früh von uns gegangen war und erreichte angespannt die Küche.
"Na Liebes, gut geschlafen?" , fragte mich Tante Marelyn. Selbst mit Morgenmantel und zerzaustem Haar sah sie frisch und erholt aus. Ich war dankbar, dass sie schon wach war, denn sie würde mich auf andere Gedanken bringen.
"Ja, schon." Ich setzte mich auf eines der Hocker am Frühstückstisch und zeichnete unsichtbare Kreise auf die Tischplatte. Tante Marelyn stellte ein Glas Orangensaft vor mir auf den Tisch ab und ging hinüber zum Kühlschrank. Ich nahm währenddessen einen Schluck vom kalten Orangensaft. Für einen Moment genoss ich die wunderbare Kühle in mir, als ich den Orangensaft in einem Zog leerte.
"Also ich könnte jetzt ein paar Waffeln in den Toaster schmeißen. Was anderes fällt mir partout nicht ein." Sie schloss den Kühlschrank mit einem leisen Seufzer zu und kratzte sich am Hinterkopf. Tante Marelyn konnte mit dem Kochen nichts anfangen, meistens endeten ihre kläglichen Versuche in einer Katastrophe. Deswegen waren entweder Onkel Ray oder ich dafür zuständig.
"Klar, wieso nicht?" Ich stand auf, um ihr zu helfen. Ich fischte ein Glas Erdbeermarmelade aus dem Kühlschrank und stellte diesen auf dem Tisch. Genau in dem Moment sprangen auch schon die Waffeln aus dem Toaster. Im behaglichen Schweigen aßen wir unser Frühstück auf. Onkel Ray ließ das dies meist ausfallen. Mit einem Blick zur Küchenuhr stellte ich fest, dass es schon Zeit wurde zu gehen.
"Heute ist Freitag, hast du für heute schon irgendetwas vor?" Sie versuchte mich das in einem beiläufig Ton zu fragen, doch ihr erwartungsvoll Blick verriet sie.
"Ich weiß nicht, vielleicht." Tante Marelyn sah mit gerunzelter Stirn weg. Sie machte sich Sorgen, da Mädchen in meinem Alter so gut wie jeden Tag etwas vor hatten. Doch bei mir war das nicht so. Klar, es war jetzt nicht so, dass ich jeden Tag zu Hause saß und die Sonne nie zu Gesicht bekam, jedoch bevorzugte ich mein Bett und ein mehr oder weniger gutes Buch.
"Ich glaube ich werde mich nach der Schule mit Trish treffen, damit wir mal wieder was unternehmen können." Schließlich gab ich mich doch geschlagen, da ich diesen besorgten Blick nicht mehr aushielt. Sofort machte sich ein breites liebevolles Lächeln auf ihren Lippen breit.
"Okay, du musst jetzt los. Ich habe dich lieb, Melody."
"Ich dich auch." Ich schnappte mir meine Schultasche und ging hinaus. Schon jetzt wurde die noch folgende Hitze bemerkbar. Genervt stieg ich in meinen weißen Käfer ein. Selbst daran hatten mein Onkel und meine Tante gedacht. Der Wagen war nagelneu. Das bereitete mir ein wenig Unbehagen, denn mit so viel Großzügigkeit kam ich nicht klar. Früher hätte ich das mit einem Schulterzucken und einem schlichten 'Danke' abgetan, doch wie schon bereits erwähnt, die Dinge hatten sich geändert. Ich fuhr die Straße entlang und versuchte nicht daran zu denken, dass noch ein ganzer Schultag vor mir lag. Ich schaltete das Radio an und erhöhte die Lautstärke. Das einzig Gute war, dass ich Trish wieder sehen würde. Sie würde mich auf andere Gedanken bringen. Unwillkürlich musste ich lächeln. Trish war genau das Gegenteil von mir, sie war ein Hitzkopf, aufgedreht und nie schlechter Laune. Zwar war es nicht so, dass ich die Missmut in Person war, doch auch war ich nicht im entferntesten so glücklich und zufrieden wie sie. Um es auf den Punkt zu bringen, wir ergänzten und prima. Und obwohl wir uns erst seit ein paar Monaten kannten, konnten wir nicht mehr ohne einander.
Trish war die erste Person gewesen, die mich an meinem ersten Tag an der Virginia-High angesprochen hatte und mir sofort auf Anhieb sympathisch war. Wir hatten uns sofort blind verstanden und sind seitdem unzertrennlich. Sie war die Einzige, die mich gänzlich auf andere Gedanken bringen konnte und nur durch Trish wusste ich überhaupt was es hieß, eine wahre Freundin zu haben. Wenn ich mir so recht überlegte, hatte ich nie wahre Freunde an meiner alten Schule gehabt. Sie konnte man eher als Bekanntschaften betrachten. Ich war blind vor lauter Aufmerksamkeit gewesen, die ich von all meinen 'Freunden' bekam. Ich hatte mich verehrt gefühlt. Dementsprechend hatte ich auch viele Neider, die mir immer mit einem schrägen Blick hinterher sahen und dies hatte ich in vollen Zügen genossen. Wie konnte ich nur so naiv und arrogant sein. Diese ganze Aufmerksamkeit bedeutete nichts im Gegensatz zu einer wirklich wahren Freundschaft.
Schließlich hatte ich die Schule erreicht. Ich stellte meinen Wagen auf dem Parkplatz ab und wollte gerade schon aussteigen, als ich inne hielt. Ich holte einmal tief Luft und genoss die paar Sekunden Freiheit, die mir noch gewährt wurden, bis ich mich der Hölle stellen musste.
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Born to Protect
RandomIhre Gabe: gefährlich, tödlich und ER will sie haben. Melodys Leben war perfekt, bis ihre Familie bei einem Autounfall starb. Doch war das wirklich ein Unfall? Was würdest du tun, wenn du deine wahre Identität und die Aufgabe deines Lebens erfahren...
