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Kapitel 1 : Der Sperling

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Der Wind vom Meer hatte seine eigene Sprache. Maxine hatte lange gebraucht, um das zu verstehen. Als Kind hatte sie geglaubt, der Wind wäre einfach nur Wind. Eine Bewegung der Luft. Etwas, das Wetterberichte ankündigten und das Menschen dazu brachte, ihre Jacken enger zu schließen. Ihr Vater hatte eine andere Meinung gehabt.

„Die meisten Menschen hören nur Geräusche", hatte Elias einmal gesagt. „Aber wenn man lange genug zuhört, merkt man, dass die Welt ständig mit einem spricht."

Damals hatte Maxine ihn angesehen und gedacht, dass ihr Vater manchmal Dinge sagte, die gleichzeitig klug und vollkommen seltsam klangen. Das war eine seiner besonderen Fähigkeiten. Elias Bellim konnte aus einem Spaziergang eine philosophische Diskussion machen. Aus einem Vogel eine Lektion. Aus einem alten Gegenstand eine Erinnerung.

Und manchmal war Maxine nicht sicher, ob sie das Bewundern oder sich darüber lustig machen sollte. An diesem Morgen entschied sie sich für beides. Sie stand barfuß vor ihrem Fenster und sah hinaus. Die Küstenstadt lag noch halb im Schlaf.

Der Himmel war hellgrau, wie er es an vielen Tagen war. Nicht traurig. Nicht dunkel. Einfach ruhig. Über den Häusern hing eine dünne Schicht Nebel. Die Dächer glänzten vom Morgentau.

Die Straßen waren fast leer. Nur wenige Menschen waren bereits unterwegs. Ein Mann vom kleinen Laden an der Ecke stellte die ersten Kisten vor die Tür. Eine ältere Frau ging mit ihrem Hund den Weg Richtung Strand entlang. Ein Fahrradfahrer fuhr langsam durch die Straßen und hielt kurz an, um mit jemandem zu sprechen. Es war kein besonderer Morgen. Und genau deshalb mochte Maxine ihn. Die Stadt war nie laut gewesen. Sie hatte keine riesigen Gebäude. Keine endlosen Straßen. Keine Orte, an denen Menschen verschwanden, ohne dass jemand ihren Namen kannte. Hier kannte man sich. Man wusste, wer morgens zu spät zum Hafen kam. Man wusste, welches Haus immer die Weihnachtsbeleuchtung zu früh aufhängte.

Man wusste, welches Kind im Sommer am Strand immer seine Schuhe verlor. Es war eine Stadt, die nicht versuchte, wichtig zu sein. Sie war einfach da. Und für Maxine war das genug.

Sie öffnete das Fenster einen Spalt. Sofort kam die salzige Luft herein. Sie schloss kurz die Augen. Das Meer. Dieser Geruch war für sie zuhause. Nicht das Haus. Nicht die Straße. Nicht einmal ihre Familie. Alles zusammen vielleicht. Aber vor allem dieses Gefühl. Dass irgendwo draußen etwas Größeres existierte. Etwas, das schon da gewesen war, bevor sie geboren wurde. Und noch da sein würde, wenn sie irgendwann nicht mehr hier wäre.

Auf ihrer Fensterbank saß ein kleiner Metallanhänger. Ein Sperling. Sie nahm ihn in die Hand. Er war alt. Die Oberfläche war an einigen Stellen zerkratzt. Ein Flügel hatte eine kleine Delle.

Aber genau das mochte sie daran. Perfekte Dinge fühlten sich für Maxine immer ein bisschen falsch an. Sie glaubte nicht, dass Erinnerungen perfekt sein mussten. Sie mussten echt sein.

Der Sperling war eines dieser Dinge, über die niemand in ihrer Familie genau wusste, wann er eigentlich wichtig geworden war. Ihre Mutter sagte, Elias hätte ihn gekauft.

Elias behauptete, Maxine hätte ihn selbst ausgesucht. Emma erzählte jedem, der es hören wollte, dass der Vogel "offensichtlich Maxine gefunden hatte". Was auch immer die Wahrheit war. Er war geblieben. Und manchmal reichte das. Maxine legte den Anhänger zurück auf den Tisch und griff nach ihrer Gitarre. Sie setzte sich auf die Fensterbank. Die ersten Töne waren leise. Nicht weil sie niemand hören sollte. Sondern weil sie diesen Moment nicht zerstören wollte. Sie spielte immer morgens. Nicht jeden Tag. Aber oft. Es war ihre Art, wach zu werden.

Ihre Mutter sagte manchmal, Maxine würde anders aussehen, wenn sie spielte.

Nicht glücklicher. Einfach mehr sie selbst. Maxine fand diese Aussage etwas peinlich. Vor allem, weil ihre Mutter meistens recht hatte. Sie spielte eine Melodie, die sie selbst geschrieben hatte. Sie hatte keinen Namen. Vielleicht würde sie irgendwann einen bekommen. Vielleicht auch nicht. Manche Dinge mussten keinen Namen haben.

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⏰ Last updated: Jul 25 ⏰

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