Anne Sophie stand in Unterwäsche vor dem kleinen Spiegel in ihrem Zimmer.
Sie starrte schon eine Ewigkeit mit einer Mischung von Gefühlen, die sie
selbst nicht recht zuordnen konnte, ihr Spiegelbild an. Zum hundertsten Mal begann sie jedes ihrer Körperteile einzeln zu betrachten und versuchte
irgendetwas schönes an sich zu finden.
Ihre Füße waren klein und schmal,
eigentlich ganz passabel. Aber dann kamen ihre Beine. Sie konnte ihre Beine nicht leiden. Sie hatte O- Beine, nicht doll, aber für Anne Sophie war die Tatsache an sich schon schlimm genug.
'Sie laufen zu viel!'
hatte Martha einmal zu ihr gesagt. Vielleicht war sie deshalb so schrecklich dünn und muskulös. Anne war nicht viel dünner als all die anderen Mädchen in der Schule, aber sie fand auch all die Anderen nicht sonderlich hübsch.
Sie fuhr sich über ihre herausstehenden Rippen und betrachtete dann resigniert ihre Schultern. Ihrer Meinung nach sollte ein Mädchen nicht aussehen wie ein knochiges, sehniges Etwas.
"Du bist eben zweitklassig und hast dünne Beine, komm damit klar!" blaffte sie ihr eigenes Spiegelbild an,
seufzte ein letztes mal, straffte dann ihre Schultern, riss sich zusammen,
stopfte alle Gefühle irgendwo in eine unerreichbare Ecke ihres Körpers und
wurde wieder Anna.
Gefühlskalt und emotionslos.
Es war bereits dunkel als Anna komplett wieder Anna war. Sie hatte eine Weile gebraucht bis sie die wasserstoffblonde Perücke über ihre widerspenstigen Locken bekommen hatte.
Sie hasste diese Farbe. Aber sie war eben in Mode.
Zumindestens in dem Plattenbauviertel in dem Anna lebte.
Auch für die Schminke hatte sie heute länger als nötig gebraucht, ständig
hatten ihre Hände gezittert und den, wie sie fand, viel zu dicken Liedstrich verwackelt. Vielleicht lag es daran das sie wieder wütend war.
Die Lederjacke quietschte ein wenig bei jeder Bewegung die sie machte. Anna ging so leise wie möglich in die Küche. Eric und Lea lagen schon im Bett.
Die Zwillinge teilten sich ein Zimmer in der schäbigen Dreiraumwohnung.
"Martha, ich geh noch einmal raus. Spätestens gegen Zwölf bin ich wieder
da." sagte Anna gedämpft zu der alten Dame die auf einem klapprigen Küchenstuhl saß und ein Heftchen las. Martha blickte auf, sah Anna an und meinte kurz: "Pass auf dich auf Darling."
Wütend ging Anna die Dunklen Straßen entlang und achtete penibel darauf niemandem zu begegnen. Warum sie eigentlich sauer war wusste sie selbst nicht recht. Vielleicht weil Justin der Schulmacho sie nervte. Oder weil sie überhaupt zur Schule gehen musste. Sie war schließlich 18 und hatte genug
mit ihrem Abitur zu tun. Wer sitzt schon gerne vormittags sieben Stunden in der 10 Klasse einer total asozialen Schule um dann zu Hause von einer alten Frau, die Haushälterin, Kindermädchen und Lehrerin in einem war noch einmal 6 Stunden Privatunterricht zu bekommen? Niemand, auch nicht Anne Sophie... oder Anna. Wütend trat sie gegen eine Mülltonne. Das Blecherne Geräusch hallte zwischen den Vierzehnstöckern wieder und übertönte für einen kurzen Moment die Streitereien der Anwohner.
"Scheiß Drecksloch!" zischte Anna vor sich hin und lief, den Blick stur auf den Boden gerichtet weiter.
Als sie nach Zehn Minuten am alten Skaterpark ankam waren all die Anderen schon da. "Hey Anni was läuft?" fragte Juls fröhlich zu Begrüßung und bot ihr ein Bier an. Anna nahm ihm mit einem vernichtenden Blick das Bier aus
der Hand. Die Anderen nickten ihr zur Begrüßung zu und widmeten sich wieder ihren Gesprächsthemen. Aus irgend einem billigen Handylautsprecher rapte einer von den ganz Harten.
"Habe ich dir nicht gesagt das ich Anna heiße und nicht Anni!" fuhr sie wütend Juls an. Er konnte eigentlich nichts dafür das sie ein Problem hatte, aber wenn er ihr so eine wunderbare Gelegenheit bot um ihre Wut rauszulassen hatte sie nichts dagegen einzuwenden. "Klar hast du. Aber
ich nenn dich trotzdem Anni, Babe!" entgegnete Juls und kurzerhand landete eine volle Bierdose in seinem Gesicht. Ein paar Millisekunden starrte er einfach entsetzt Annas emotionsloses Gesicht an, nur ihre Augen hatten dieses verräterisch wütende Blitzen, dann durchfuhr ihn der Schmerz und er zuckte ein wenig zusammen. Er realisierte, dass ihm etwas Warmes aus der Nase, das Kinn herunter floss und musste wieder einmal kopfschüttelnd feststellen das dieses wunderschön wilde Mädchen mehr Kraft hatte als er und sein großer Bruder zusammen. "Sag mal hast du noch alle Latten am Zaun?" brüllte Juls wütend und Anna stellte mit freudiger Resignation fest, dass nun die gesamte Aufmerksamkeit auf ihr und Juls lag. Arrogant zog sie eine Augenbraue in die Höhe und schenkte Juls einen 'Wer hat hier wohl nicht alle Latten am Zaun!' - Blick. Dann schaute sie einmal in die Runde und
die anderen fanden schleunigst zu ihren Gesprächsthemen zurück. Keiner hatte groß Lust sich eine Faust von Anna einzufangen. "Danke für das Bier Juls" sagte Anna so neutral und emotionslos das Juls den Ganzen Abend noch darüber nachdachte wie sie dieses Danke gemeint hatte.
