Wir saßen noch eine lange Weile so auf der Motorhaube meines Autos. Betrachteten die Stadt, den Himmel, die Nacht. Bis ich es schließlich nicht mehr aushielt, still zu bleiben. Während den letzten Minuten war mir klar geworden, dass auch wenn ich mit Casper so schöne Dinge erlebte, ich ihn nur zum Teil kannte. Und das wollte ich unbedingt ändern. Denn wie konnte ich ihm vertrauen und ihn weiter an mich ranlassen, ihm Dinge über mich erzählen, obwohl er mir Dinge, wichtige Dinge, vorenthielt? Die ihn offensichtlich geprägt hatten.
„Casper?", fragte ich deswegen und sah ihn an. Er hatte die Augen geschlossen, mich immer noch an sich gedrückt und lächelte, als ich seinen Namen sagte. Automatisch zogen sich meine Mundwinkel auch leicht nach oben.
„Ja?", erwiderte er und ich hatte plötzlich Angst, dass er mich abweisen würde. Das ich den schönen Tag, oder die schöne Nacht, versauen würde. Durch eine einzige Frage.
„Wirst du...wirst du mir irgendwann mal etwas erzählen? Von...deiner Familie? Etwas Persönliches. Von dir?" Während ich redete, öffnete er seine Augen, sah mich intensiv, überlegend an. Was ging in seinem Kopf vor?
„Irgendwann.", sagte er schließlich und ich konnte es nicht verbergen, dass ich glücklich war über seine Aussage.
„Wenn du mir über dich erzählst.", fügte er noch hinzu und ich sah ihm in die schönen, blau-grünen Augen. Ich wusste genau, dass es mir leichter fallen würde, ihm von allem erzählen. Nicht weil ich schlimmeres erlebt haben könnte, als er. Sondern weil ich ihn mehr mochte als je einen Jungen zuvor. Ich würde es ihm sogar jetzt schon erzählen, würde er mich fragen.
„Ich werde dir alles erzählen, was du wissen willst. Irgendwann." Schmunzelnd beobachtete er mich.
„Du machst mich neugierig, das weißt du oder? Und du nutzt das voll aus."
„Irgendwas muss dir ja mal schwer fallen.", grinste ich und er lachte.
„Mir fällt vieles schwer, Ava. Glaub mir." Er versuchte die Bitterkeit zu verbergen, die in seinem Satz mitschwang, doch ich hörte sie trotzdem.
„Was denn zum Beispiel? Ich denke du willst mich nur ein bisschen verarschen, damit ich mich nicht mehr so unzulänglich neben dir fühle." Neckend versuchte ich die Stimmung aufzulockern und ihn auf andere Gedanken zu bringen, was mir offensichtlich gelang, da er rau lachte. Zum Glück bemerkte er nicht, dass er mir damit eine Gänsehaut bescherte.
„Ich verurteile Menschen wegen ihrer Fehler, mir fällt es schwer Freunde zu finden und ich bin mies in Fußball." Ich lachte als er das Letzte sagte.
„Und ich weiß das ich oft Menschen verletze...so wie dich. Und ich werde einfach nie genug sein und das erreichen was ich will. Manchmal denke ich, ich bin einer der schlechtesten Menschen die du kennst."
„Und allein das sagt mir, dass du ganz genau das Gegenteil bist. Casper, du bist ein wunderbarer Mensch." Er hielt mich immer noch im Arm und er drückte mich so an sich, wahrscheinlich volle Absicht, sodass ich ihm nicht ins Gesicht schauen konnte.
„Was hörst du gern?", fragte er nach einer Weile und ich seufzte. Sein Talent das Thema zu wechseln war unglaublich. Doch ich ließ mich darauf ein, da ich wusste, dass er nicht mehr darüber reden wollte.
„Ich mag eigentlich alles. Doch ich bevorzuge alles Aktuelles und All Time Low. Und du?"
„Ich mag AC/DC." Schmunzelnd schaute ich zu ihm hoch und sah auch seine Mundwinkel zucken.
„Sei doch mal ernst.", schalt ich ihn und er lachte bei meinem Gesicht.
„Ich bin vollkommen ernst!", erwiderte er und fing auf einmal an lauthals zu singen.
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Die ISM
Teen FictionDas Leben legt einem manchmal Stolpersteine in den Weg. Doch meistens legt man sich selbst solche Steine direkt vor die Füße. Das muss auch die 16 jährige Ava erfahren, als sie von ihren Eltern auf ein Elite Internat für musikalisch begabte Jugendli...
