Kapitel 3

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Wie der erste Sonnenstrahl des Tages, wie ein Ausgang aus der Hölle selbst, war Licht in ihr Gefängnis geflutet. Ihre Augen, die zwei Tage Finsternis erlebt hatten waren vollkommen überreizt gewesen und dennoch hatte sie das Wunder angestarrt, welches warm und erlösend durch ein Loch mit circa einem halben Meter Durchmesser zu ihr herab geschien hatte. Es war wenig für die riesige Kammer gewesen, doch war es mehr, als sie sich erhofft hatte. Zum ersten Mal seit 48 Stunden hatte sie etwas gesehen, hatte den großen, viereckigen Raum mit den grauen Wänden betrachten können, in dem sie gefangen gesessen hatte. Dann hatte sie erneut den Kopf gehoben, erneut das helle Glück betrachtet, das ihr geschenkt worden war, bevor ihr Blick sich auf das Loch fokussiert hatte. Sie hatte keine Türen gefunden, weil es keine gegeben hatte. Der Eingang war ein Loch in ungefähr fünf Metern Höhe gewesen. Nachdem sie Tage lang nur gekrochen war und gehungert hatte, war ihr das Aufstehen wie eine gewaltige Anstrengung vorgekommen. Ihre verschrammten und dreckigen Beine hatten unter ihrem leichten Gewicht gezittert und ihr war schwindelig geworden. Kaum dass sie gestanden hatte, war sie wieder auf ihre Knie gefallen und schürfte getrocknete Wunden wieder auf. Sie hatte schreien wollen, doch ihre Kehle war so trocken und kraftlos gewesen, dass sie es nicht geschafft und sich stattdessen die Unterlippe aufgerissen hatte.
Noch immer hatte ihr Blick am ersehnten Ausgang geheftet, so nah, so unerreichbar. Ihr neues Augenlicht erlaubte ihr eine Kontrolle der Wände, doch keine hatte irgendwelche Vertiefungen oder ähnliches zum Klettern geboten. Sie hatte nachgedacht. Minuten, Stunden. Nichts war ihr in den Sinn gekommen. Sie hatte abwesend und träumend das Loch angestarrt, als sich ein Schatten über das Licht geschoben hatte. Ihre müden, trockenen Augen hatten den Umriss eines Menschen erkannt. Sie hatte gekrächzt und gestöhnt, hatte nach Hilfe und Wasser rufen wollen, als der Mann an einem Seil vorsichtig etwas hatte hinab gleiten lassen. Es war eine Flasche gewesen. So schnell es ihr müder Körper erlaubt hatte, war sie dorthin gekrochen. Hatte sich mühsam erhoben und nach der Flasche gestreckt. All ihr Verlangen, all ihre Sehnsucht hatte sich auf das Wasser konzentriert. Sie hatte die Flasche mit ihren schmutzigen, verschrammten Händen greifen wollen, als die Flasche ruckartig wieder ein Stück nach oben gezogen wurde. Ihr verlagertes Gleichgewicht hatte sie gewaltsam Richtung Boden gezerrt. Während sie kraftlos und keuchend auf dem harten Boden aufgekommen war, hatte eine Männerstimme angefangen zu lachen. Die Flasche hatte sich wieder ein Stück herabgesenkt.
"Komm, hol sie dir! Sie ist gleich da über dir.", hatte sie die tiefe, raue und bößartige Stimme geneckt. Obwohl sie gewusst hatte, dass er sie nur quälen wollte, hatte sie sich erneut erhoben. Der Drang zu Trinken war zu stark gewesen.
Wieder war sie gestürzt. Und wieder hatte er gelacht.
Betäubt von Schmerzen und der Begierde nach Wasser hatte sie kaum noch bemerkt, dass der Mann angeschrien worden war. Doch als ihre tauben Finger die Flasche endlich erfasst hatten, war sie wieder zu Bewusstsein gekommen. Mit jedem Schluck, den sie getrunken hatte, war mehr und mehr von ihr wieder gekehrt. Das Wasser war ihre trockene Kehle hinabgeflossen, hatte ihr ihr Leben wiedergegeben.
Und dann war ihr bewusst geworden, dass das Licht keine Rettung war. Es war nichts weiter als eine neue Methode sie zu quälen gewesen. Denn nun hatte sie ihre Hoffnungslosigkeit und Gefahr erst richtig wahr genommen.
Tage waren vergangen. Ab und zu hatte man ihr Wasser und Brot gegeben. Meistens war es verschimmelt gewesen, doch es hatte sie nicht mehr gekümmert. Das Licht, so tückisch und verräterisch hatte ihr vor Augen führen lassen, wie sie zum Tier geworden war.

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⏰ Last updated: Nov 09, 2015 ⏰

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My misstep (Sherlock Holmes)Where stories live. Discover now