28. You did it

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Sunshine H
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Zum Erfolg gibt es keinen Lift. Man muss die Treppe benützen.
-Emil Oesch
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Samanthas PoV
Wir waren alle geschockt, als Amy aus dem Krankenhaus kam, ohne MRT oder Ultraschall konnte man es zwar nicht genau sagen, so wie es aussah, war ihr Außenband aber gerissen oder zumindest angerissen. Zudem hatte der Arzt gesagt, dass sie drei Wochen lang keinen Sport machen solle. Viernheim würde demnach also für sie ins Wasser fallen.
,,Nein nein nein! Dann lieg ich halt bis Viernheim nur. Aber ich werde Viernheim fahren!", rief sie mit Nachdruck. Meine Eltern sahen sie nur milde an. Sie kannten das Spiel und die Regeln. Bei Amanda trafen sie jedoch auf einen besonders harten Kandidaten. Sie beharrte auf ihre Meinung und wollte sogar in einen Hungerstreik treten, bis meine Eltern schließlich entnervt nachgaben, unter der Bedingung, sie solle sich aber wirklich schonen und dass sie, wenn es schlimmer werde, sofort aufgab. Sie stimmte zwar zu, aber ich war mir mehr als nur todsicher, dass sie sich den Fuß eher amputieren lassen würde, ehe sie aufgab.
Da Amy nun nur noch rumlag und sich langweilte, drehte und schnitt ich mit ihr ein paar Videos. Sie tat mir ziemlich leid und ich wusste ziemlich genau wie es ihr ging.

Michelles PoV
Thorsten hatte mich vor meiner ersten Fahrt nocheinmal ans Fahrlehrgerät gebeten, er wollte wissen, ob ich die Griffe noch beherrschte. Ich war ein wenig nervös, zwar wollte ich eigentlich nicht fahren, dennoch wollte ich alles richtig machen. Nachdem Thorsten mich gebeten hatte, die Leinen aufzunehmen, atmete ich einen Moment tief durch. Grundhaltung, Gebrachshaltung, Dressurhaltung.

Zuerst die linke Leine zwischen Daumen und Zeigefinger und die rechte zwischen Mittel- und Ringfinger. Ein kurzer Blick zu Thorsten verriet mir, dass ich alles richtig gemacht hatte.
Dann die rechte Hand auflegen und die linke Leine zwischen Zeige- und Mittelfinger; die rechte Leine verläuft außen am kleinen Finger entlang. Schließlich zog ich die rechte Leine aus meiner linken Hand, sodass ich jetzt jede Leine in je einer Hand hielt.

Thorsten nickte zufrieden und wies mich an Sunny fertig zu machen und den Dressurwagen zu nehmen. Ich nickte und verließ den Schulungsraum um mich auf zum Privatstall aufzumachen.

Ich zitterte leicht, als ich die schwarzbraune Stute putzte. Sie war wirklich zuckerbrav und ich mochte sie von Anfang an gut leiden. Sie gab mir brav jeden Huf und auch beim aufschirren streckte sie ihren Kopf beinahe von selbst in das schwarze Brustblatt. Sie war sehr gut bemuskelt und man sah ihr deutlich an, dass sie ein Sportpferd war.
Auch wenn das letzte Mal, als ich ein Pferd für mich fertig gemacht hatte, lange her war, so konnte ich all die Griffe noch und alles war mir so vertraut. Sandra half mir beim Anspannen und hielt Sunny fest, bis ich auf dem Bock war. Sie lächelte mich aufmunternd an und setzte sich auf den Beifahrersitz.
,,Du packst das. Mach dir keine Sorgen. Ich vertraue auf dich. Du kannst das", redete Sandra beruhigend auf mich ein.
,,Danke, Ma- äh Sandra", ich war kurz von mir selbst geschockt, hatte ich sie eben wirklich Mama nennen wollen? Auch Sandra schien überrascht, denn sie schwieg. Wir hatten über die letzten Wochen und Monate viel Zeit miteinander verbracht. Sie hatte mit mir über meine Eltern gesprochen, sie ähnelte meiner Mutter so sehr und erweckte in mir immer den Eindruck, als könne man ihr alles erzählen.
Ich zuckte kurz zusammen als sie mich von hinten umarmte und mich an sich drückte. Ich hörte sie leise schniefen und ich konnte nicht anders, als auch mir kurz verstohlen über die Augen zu wischen.

Die folgende Fahrstunde gehörte zu einem der besten Erlebnisse meines bisherigen Lebens. Sunny war auch am Wagen ein Engel, stellte und bog sich, trat unter den Schwerpunkt, ließ sich geschmeidig vom versammelten Trab in die Verstärkung schicken. Vergessen waren all die Vorwürfe, die ich mir in früherer Zeit, wegen meines Aussehns, meines Gewichts, wegen allem gemacht hatte.
Vergessen war die harte Zeit im Reitinternat, in dem nur der Erfolg zählte. Ich dachte bergauf. Ich hatte Bibo. Er war mein Goldjunge und hatte das Potential. Er war mit mir schoneimal bis zur Spitze gekommen und er würde es wieder tuen.
Diese Fahrstunde war der entscheidende Moment, den ich gebraucht hatte.
Ich liebte das alles, die eleganten Spider, die modernen Marathonwägen.
Stabilisator, Lenkverzögerung, Drehkranzbremse, bis zu diesem Moment hatte ich immer nur genervt die Augen verdreht wenn solche Worte im Hause Holm gefallen waren, von nun an würde auch ich sie wieder in meinem Wortschatz aufnehmen.
Die alte Euphorie überkam mich, die Freude, wieder als Teilnehmer aufs Turnier zu gehen, dazu zu gehören. Das Gefühl, wenn du nach der letzten Prüfung dein Pferd klopfst und du weisst, dass du dir all das erarbeitet hast, die lobenden und anerkennenden Worte der anderen Fahrer. Die Vertrautheit und Freundlichkeit mit der man sich im Fahrsport begegnet. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, aber die Verbissenheit hatte mich im Reitsport stehts gestört. Wenn Fehler passierten, wurden sie auf Pferd, Richter, andere Reiter, den Pfleger, einen Baum oder einen Zuschauer mit Regenschirm geschoben. Da gab's kein. ,,Scheisse, da hab ich nicht aufgepasst." Eher wurde gesagt ,,Mist das Pony hat nicht auf mich gehört. Ich will ein neues." Ich war mit im Pony-FEI-Sport gewesen und es war meine persönliche Hölle, die zukünftige Aussicht im Fahrsport erschien mir dagegen wie der Himmel.
Es stand fest. Ich würde wieder fahren.

Nach dem ich fertig war, hielt ich am Rand an, alle standen dort und hatten mir zugesehen. Nun schauten sie mich an. Thorsten lächelte nur und nickte.
Einen Moment schwieg ich, bis ich schließlich verkündete: ,,Ich werde wieder fahren" einen Moment schwiegen sie, dann brach eine Flutwelle an begeisterten Worten über mich herein und ehe ich mich versah, saß ich mit Sam, Tim und James im Geschirrraum und plante die nächsten Turniere, Trainings, was ich alles brauchen würde. Ich konnte das alles noch nicht wirklich begreifen, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und doch wiederholte sich ein Satz in meinem Kopf stetig. Sandra hatte mir, kurz bevor ich abgestiegen war, noch eine Kleinigkeit ins Ohr geflüstert.
Eine Kleinigkeit, die mir die Welt bedeutete.
Eine Kleinigkeit, die so gut tat.
,,Ich bin stolz auf dich. Du kommst wahrlich nach deinen Eltern."

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Na was denkt ihr? Gut? Schlecht? Ja? Nein? Irgendwas? :D ich freu mich immer über Kommentare ^^

Eat, Sleep, Drive Repeat || FahrsportWhere stories live. Discover now