Grace
Es ist alles perfekt. Ich liege in meinem Bett, höre Musik und denke einfach nach.
Über alles. Meine Familie, meine Freunde, meine Schule. Unsere Leben sind so unbeschwert. Die größten Probleme, die wir haben, sind, dass wir nicht genug gelernt haben oder nicht wissen, wo wir sitzen wollen.
Außerdem habe ich die perfekten Freunde.
Deliah, die ich schon kenne, seit ich drei Jahre alt bin. Sie ist aber eine kleine Männerhasserin. Sie hält nichts von ihnen, doch ich weiß, wenn sie den Richtigen trifft, dann wird sie weich.
Ella. Sie ist so ein bezauberndes Mädchen und immer für mich da.
Dann Lilly. Sie ist klug und hilfsbereit.
Max. Er ist und bleibt einfach der Klassenclown. Egal, wie schlecht es dir geht, er wird immer einen passenden Witz auf Lager haben.
Und dann als Letztes noch Grayson. Er ist sportlich und wirkt draufgängerisch, aber ich denke, unter dieser Schale steckt ein ganz anderer Junge.
Sein Vater kommt aus London und seine Mutter aus Deutschland. Die beiden haben sich auf einem Schüleraustausch kennengelernt und unsterblich verliebt. Deswegen hat Grayson bei ein, zwei Wörtern einen kleinen britischen Akzent.
„Grace!", schreit meine Mutter von unten.
Mist, das heißt, ich hab sie wieder mal nicht durch meine AirPods gehört.
Schnell drücke ich auf Pause und hüpfe die hölzerne Wendeltreppe nach unten.
„Ja?"
Meine Mutter schüttelt den Kopf, doch dann lächelt sie.
„Wieder AirPods drinnen gehabt?"
Ich nicke.
„Na ja, wie dem auch sei, ich wollte fragen, ob du immer noch vorhast, in die Bücherei mit deinen Freunden lernen zu gehen, weil ich dich eben hinbringen könnte. Ich muss eh in die Nähe."
„Das wäre toll. Gib mir nur noch fünf Minuten, bitte, dann hole ich meine Sachen."
In Windeseile gehe ich die Treppe wieder nach oben.
Heute lernen wir endlich mal wieder alle zusammen.
Na ja, außer Deliah. Sie meint, sie muss nicht lernen, weil sie eh alles freestylt. Deswegen möchte sie nie mitkommen.
Ich denke, Max und Grayson werden auch da sein. Die beiden sind unzertrennlich und würden alles füreinander tun.
Fünf Minuten später sitze ich im Auto und bin schon fast da, als mir Max schreibt, dass er und Grayson sich ein bisschen verspäten werden.
Das passiert jedes Mal, egal, wo wir hinwollen.
Als meine Mutter mich vor der Eingangstür absetzt, winke ich ihr zum Abschied und gehe dann durch die riesige hölzerne Tür.
Ich blicke mich einmal um und stelle fest, dass ich die Erste bin. Als ich einen Tisch mit genau fünf Stühlen finde, setze ich mich und breite schon mal alles aus, was ich brauche.
Ich muss Physik lernen, genau wie Max. Ich hoffe, er hat diesmal eigene Karteikarten dabei, sonst muss ich ihm wieder welche leihen und kann selber nicht richtig lernen.
Wenig später kommt Lilly durch die Tür. Sie sieht mich direkt und kommt glücklich auf mich zu. Sie nimmt den Stuhl neben mir und legt nur ihren Laptop raus.
Sie hat alle ihre Sachen dort drauf, was eigentlich richtig praktisch ist. Dann muss sie nicht wie ich alle Bücher mitschleppen.
„Und was musst du lernen?", frage ich neugierig.
„Bio. Ich hab gar keine Lust. Wofür braucht man das bitte?"
Ich fange an zu lachen.
„Sag mal, hast du auch von diesem Gerücht gehört, dass irgendeine Lehrerin entlassen wurde, weil sie irgendwas Schlimmes gemacht hat?"
Ich nicke und beiße dabei in mein Croissant, das ich mir noch schnell vor der Fahrt geschnappt habe.
Lilly ist die Gossipqueen. Sie verbreitet aber keine Fake News, sondern ist einfach nur an den Gerüchten der anderen interessiert und erzählt es auch nur in unserer Freundesgruppe weiter.
„Weißt du, wer es ist?", murmle ich, als ich das letzte Stück in meinem Mund runterschlucke.
„Nein, das ist es ja. Meinst du, die anderen wissen mehr?"
Ich überlege kurz.
„Frag sie einfach, aber ich denke nicht. Du bist die, die uns alles erzählt, wenn etwas passiert. Wir wissen nie etwas davon."
Sie zeigt einen Daumen nach oben.
Nach ein paar Minuten gesellt sich auch Ella zu uns.
Dann, nach einer ganzen Weile, kommen auch endlich Max und Grayson dazu.
„Boah, es riecht nach Strebern hier drin", ruft Max und verzieht dabei sein Gesicht.
Ella und Lilly fangen an zu kichern.
Grayson setzt sich auf einen freien Stuhl und legt seine Bücher vor sich hin. Dann knackt er mit den Fingern und sagt:
„Okay, let's go."
Es vergehen drei Stunden, in denen wir einfach dort sitzen und lernen. Ich und Max für Physik, Lilly für Bio und Grayson und Ella für Geschichte.
„Deliah liegt bestimmt zu Hause im Bett und scrollt durch ihr Handy", murmelt Max vor sich hin.
„Warum darf ich das nicht?", frage ich ihn.
„Weil Deliah es nicht nötig hat zu lernen. Ihr Freestyle ist erfolgreich und bei dir wäre Freestylen nicht so eine gute Idee."
Max gähnt und widmet sich dann wieder seinen Karteikarten.
Was rede ich da? Meine Karteikarten.
Ich lag mit meiner Vermutung goldrichtig. Nach ungefähr zehn Minuten hat er mich nach meinen Karteikarten gefragt.
„Elektromagnetismus, was ist das denn für ein Scheiß, ey?", beschwert sich Max.
„Das nennt sich Physik der 9. Klasse", entgegnet Lilly mit einem Lachen.
Dann vergeht noch eine Stunde.
Dann verabschieden sich Ella und Lilly. Sie fahren immer zusammen nach Hause, da sie in derselben Gegend wohnen.
„Grace, möchtest du mitfahren?", fragt Grayson.
„Ja, danke, das wäre total lieb."
Schnell packe ich meine Sachen zusammen und gehe in die Richtung seines Autos.
Ich setze mich auf den Beifahrersitz und plötzlich setzt Max sich nach hinten.
„Ich fahre mit, ja?"
Grayson schmunzelt.
„Ja, kannst du. Mein Vater hat auch gekocht."
Max fängt an zu stöhnen.
„Also wieder englisches Essen. Lass mich raten: Fish and Chips?"
Grayson lacht laut auf.
„Nee, heute Sunday Roast."
Max und ich tauschen einen Blick aus. Wir denken beide das Gleiche.
Sein britischer Akzent kommt wieder zum Vorschein.
Ich denke, Grayson weiß, warum Max und ich jetzt grinsen, denn er rollt genervt die Augen, aber dabei schmunzelt er.
Als er den Motor startet, schreibe ich meiner Mutter noch kurz eine SMS, dass sie mich nicht abholen muss, und schaue dann aus dem Fenster auf die regnerische Stadt.
Grayson dreht die Musik lauter und ich lehne meinen Kopf gegen das Fenster.
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What We Didn't Know
ActionAlles ist perfekt. Eine Freundesgruppe. Eine Stadt. Eine Schule. Sechs Freunde, die sich schon ewig kennen und glauben, alles voneinander zu wissen. Doch dann bricht ihre kleine, perfekte Welt zusammen, als ein Mädchen tot aufgefunden wird. Ihr Inte...
