chapter 1 - Sam

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Elice Fowler, 22, Missoula.

Ich las den Namen noch einmal und machte mich anschließend auf den Weg zur Universität von Missoula. Es war eine kalte Nacht an diesem Mittwoch, eine von diesen Nächten, in denen die Kälte selbst durch mehrere Kleidungsschichten zu kriechen schien. Der Himmel war dunkel und wolkenverhangen, und auf den Straßen war nur noch wenig los. Ich setzte mich auf meine Triumph, zog den Reißverschluss meiner Jacke etwas höher und setzte mir den Helm auf.

Ich wohnte in Frenchtown, weshalb die Fahrt zur Universität nicht besonders lange dauerte. Knapp zwanzig Minuten, wenn die Straßen frei waren. Während der Fahrt dachte ich immer wieder über den Grund nach, weshalb ich überhaupt hier war. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Der Entschluss stand längst fest.

Als ich schließlich auf dem Campusgelände ankam, stellte ich die Maschine in einiger Entfernung von den Studentenwohnungen ab. Bevor ich abstieg, nahm ich noch einmal mein Telefon heraus und überprüfte die Adresse. Ich wollte schließlich keinen unnötigen Fehler machen. Elice Fowler wohnte in einer Studentenwohnung in unmittelbarer Nähe des Campus, also musste ich von hier aus nicht besonders weit laufen.

Ich steckte das Telefon wieder ein und sah mich kurz um. Noch immer waren einige Studenten unterwegs. Manche kamen gerade von einer Party, andere standen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich. Das wirkte alles völlig normal. Genau das war gut.

Ich fuhr mir mit beiden Händen durch die Haare und versuchte, mein Aussehen etwas zerzauster wirken zu lassen. Ich wollte nicht wie jemand aussehen, der einen bestimmten Grund hatte, hier zu sein. Eher wie einer dieser Studenten, die einfach irgendwo auftauchten, ohne dass sich jemand Gedanken darüber machte.

Mit 22 passte ich ohnehin ziemlich gut in dieses Bild. Schwarze Jeans, Lederjacke, zerzauste Haare – niemand würde sich besonders für mich interessieren. Ich war einfach einer von vielen.

Es war inzwischen kurz vor 23 Uhr, als ich vor dem Gebäude ankam. Die Eingangstür fiel hinter mir ins Schloss, und meine Schritte hallten leise durch den Flur. Ich ging die modernen Steintreppen hinauf und erreichte schließlich den zweiten Stock. Für einen Moment blieb ich stehen und sah mich noch einmal um.

Niemand.

Ich ging weiter bis zu ihrer Wohnung.

Vor der Tür blieb ich stehen. Ich atmete einmal tief durch und hob schließlich die Hand. Dann klopfte ich.

Ein paar Sekunden vergingen.

Hinter der Tür waren Schritte zu hören. Dann wurde sie geöffnet, zunächst nur einen Spalt breit. Elice stand dahinter und sah mich verwundert an.

„Hast du mal auf die Uhr geschaut, Kyle?!", sagte sie genervt.

Doch noch während sie sprach, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie erkannte, dass ich nicht die Person war, die sie erwartet hatte.

Für einen kurzen Moment herrschte völlige Stille.

Dann ging alles sehr schnell. Ich nahm mein Messer und stach es ihr in den Brustbereich.

Ein Schrei, ein dumpfes Geräusch, laufendes Blut und anschließend Stille.

Ich zog Elice ins Innere der Wohnung und schloss die Tür hinter mir. Mein Blick wanderte durch den Raum. Die Wohnung war dunkel, nur etwas Licht von draußen drang durch die Fenster herein. Auf einem Tisch lagen Bücher und ein paar lose Blätter, daneben stand eine halbvolle Tasse. Alles wirkte so gewöhnlich, dass es beinahe unwirklich war.

Ich wusste, dass ich nicht lange bleiben durfte. Dieser Kyle könnte jede Sekunde kommen.

Trotzdem blieb ich noch einen Moment stehen und sah mich um.

Ich wollte kein Risiko eingehen. Nachdem ich mich mit einem Messerstich in den Hals vergewissert hatte, dass Elice nicht mehr reagieren würde, zog ich eine Decke über sie und richtete mich wieder auf.

Die Wohnung war still.

Viel zu still.

Ich ging zum Fenster und öffnete es vorsichtig. Kalte Nachtluft strömte herein und ließ mich für einen Augenblick frösteln. Ich kletterte hinaus und schloss das Fenster anschließend wieder so gut es ging.

Draußen angekommen, ging ich mit ruhigen Schritten zurück in Richtung Parkplatz. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Niemand sollte einen Grund haben, mich genauer anzusehen.

Als ich meine Triumph erreichte, zog ich die Handschuhe aus. Ich betrachtete sie kurz, es klebt mitltlerweile getrocknetes Blut an ihnen, anschließend stecke ich sie in die Innentasche meiner Jacke. Erst dann setzte ich meinen Helm auf.

Der Motor sprang sofort an.

Das vertraute Geräusch der Maschine entlockte mir ein leichtes Schmunzeln. Ich fuhr vom Campusgelände und ließ die Straßen schließlich hinter mir. Die Lichter der Universität wurden immer kleiner, während ich mich auf den Heimweg nach Frenchtown machte.

Die Fahrt zurück kam mir deutlich länger vor als die Hinfahrt.

Als ich schließlich zu Hause ankam, stellte ich die Triumph ab und ging hinein. Es war spät geworden. Im Haus war alles dunkel und ruhig. Ich zog meine Jacke aus und holte die Handschuhe hervor.

Ich wusste, dass ich sie nicht behalten durfte. Also schmiss ich sie in den Kamin und machte mir ein Feuer an.

Wenig später waren sie verschwunden, und auch die letzten Spuren des Abends wollte ich hinter mir lassen. Ich ging duschen, stand eine ganze Weile unter dem kalten Wasser um alle Spuren zu vernichten.

Danach zog ich mir frische Kleidung an und ging hinaus auf die Veranda.

Die Nacht war inzwischen vollkommen ruhig. Kein Verkehr, keine Stimmen, nur gelegentlich ein leises Geräusch aus der Ferne. Ich setzte mich hin, zündete mir eine Zigarette an und starrte eine Weile in die Dunkelheit.

Der Rauch stieg langsam vor mir auf und löste sich in der kalten Luft auf.

Ich dachte an nichts, mein Kopf war leer.

Dann drückte ich die Zigarette aus.

Morgen würde wieder ein ganz gewöhnlicher Tag beginnen.

Zumindest würde es für alle anderen so aussehen.


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