Kapitel 1 - Der Brief

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Nora hatte gelernt, dass alte Bücher Geheimnisse bewahrten.
Nicht die großen, dramatischen Geheimnisse, von denen Romane erzählten. Keine vergessenen Schatzkarten oder versteckten Schlüssel zu längst verschwundenen Häusern.
Es waren meistens kleinere Dinge.
Ein Name, der auf einer Innenseite stand.
Eine getrocknete Blume zwischen zwei Seiten.
Ein Datum, das jemand vor fünfzig Jahren unter einen Satz geschrieben hatte.
Oder ein Brief, den jemand niemals abgeschickt hatte.
Nora liebte diese Dinge.
Vielleicht gerade deshalb, weil sie selbst so wenig über ihre eigene Vergangenheit wusste.
Sie saß allein in der Restaurierungswerkstatt der Universitätsbibliothek und betrachtete das Buch unter der hellen Lampe.
Es war ein schwerer, dunkelbrauner Band. Der Rücken war an mehreren Stellen eingerissen, das Leder spröde und rissig. Auf dem Einband war kein Titel mehr zu erkennen. Nur ein verblasstes Muster aus goldenen Linien.
Nora strich mit dem Pinsel vorsichtig über die Seite.
„Ganz ruhig", murmelte sie.
Sie sprach manchmal mit Büchern.
Nicht, weil sie glaubte, dass sie antworteten.
Sondern weil Menschen es normalerweise nicht taten.
Sie nahm das Skalpell und setzte es vorsichtig an der beschädigten Stelle an.
Die Arbeit war fast meditativ.
Schicht für Schicht entfernte sie das alte Material. Darunter kam eine dünne, hellere Papierschicht zum Vorschein.
Nora hielt inne.
Etwas war zwischen die Seiten geklebt worden.
Sie beugte sich näher heran.
„Was bist du denn?"
Mit einer Pinzette löste sie das Papier vorsichtig aus dem Buch.
Ein Umschlag.
Alt. Vergilbt. An den Rändern leicht eingerissen.
Kein Absender.
Kein Siegel.
Nora drehte ihn um.
Auf der Vorderseite stand nur ein Name.
Nora.
Sie erstarrte.
Für einen Moment dachte sie, sie hätte sich verlesen.
Sie stellte die Pinzette zur Seite und nahm den Umschlag in beide Hände.
Nora.
Nicht Frau Weiß.
Nicht ihr voller Name.
Nur Nora.
Sie sah sich in der leeren Werkstatt um, als könnte jemand hinter ihr stehen.
Niemand war da.
Durch das hohe Fenster fiel das fahle Licht des späten Nachmittags. Draußen regnete es. Feine Tropfen liefen über die Scheibe und verzerrten die Lichter des Innenhofs.
Nora schluckte.
Dann drehte sie den Umschlag wieder um.
Etwas an der Schrift kam ihr bekannt vor.
Sehr bekannt.
Sie kannte diese leicht nach rechts geneigten Buchstaben.
Das schmale „N".
Das lange „r".
Und das kleine Herz, das jemand über dem „i" gemacht hatte.
Nora hörte plötzlich ihren eigenen Atem.
„Nein."
Das Wort kam kaum hörbar über ihre Lippen.
Sie kannte diese Handschrift.
Sie kannte sie, obwohl sie sie seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Ihre Mutter hatte so geschrieben.
Nora setzte sich.
Der Stuhl knarrte unter ihrem Gewicht.
Der Umschlag lag noch immer in ihrer Hand.
Sie konnte ihn nicht öffnen.
Nicht sofort.
Es war absurd.
Ihre Mutter war tot.
Seit fünfundzwanzig Jahren.
Elena Weiß war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Nora sieben Jahre alt gewesen war.
Das wusste sie.
Sie wusste es so sicher, wie sie wusste, dass sie Nora hieß.
Sie wusste es aus den Erzählungen ihrer Tante Margot.
Aus den wenigen Fotos.
Aus dem Grab.
Aus den Dokumenten.
Aus der Geschichte, die sie ihr ganzes Leben lang gehört hatte.
Ein Unfall.
Regen.
Eine nasse Straße.
Ein Auto, das von der Fahrbahn abgekommen war.
Ihre Mutter tot.
Ihr Vater ebenfalls tot.
Und Nora hatte überlebt.
So war es gewesen.
Immer.
Nora drehte den Umschlag wieder in ihren Händen.
Dann bemerkte sie etwas.
Ein Datum.
Unten rechts.
Mit derselben Handschrift geschrieben.
12. Oktober 1997.
Nora wurde kalt.
Sie sah noch einmal hin.
Dann ein drittes Mal.
Ihre Finger begannen zu zittern.
Sie rechnete.
Nicht bewusst.
Ihr Kopf tat es einfach.
Der Unfall war 1994 gewesen.
Sieben Jahre alt.
Und dieser Brief war von 1997.
Drei Jahre später.
Nora stand so abrupt auf, dass der Stuhl nach hinten rutschte.
„Das ist nicht möglich."
Sie sagte es lauter.
Die Werkstatt antwortete mit Stille.
Ihr Blick wanderte zurück zum Buch.
Vielleicht war es ein Irrtum.
Vielleicht gehörte der Brief gar nicht in dieses Buch.
Vielleicht hatte jemand die Jahreszahl falsch geschrieben.
Vielleicht war die Handschrift nur ähnlich.
Vielleicht gab es eine andere Elena.
Eine andere Mutter.
Eine andere Nora.
Sie zwang sich zu einem kurzen Lachen.
Es klang fremd.
„Natürlich."
Sie nahm das Skalpell wieder in die Hand.
Doch ihre Finger waren nicht mehr ruhig.
Nora legte es sofort wieder weg.
Sie wollte den Brief öffnen.
Gleichzeitig hatte sie Angst davor.
Sie wusste nicht, was schlimmer wäre.
Dass der Brief tatsächlich von ihrer Mutter stammte.
Oder dass er es nicht tat.
Schließlich schob sie einen Finger unter die Lasche.
Das Papier gab mit einem leisen Reißen nach.
Nora zog den Brief heraus.
Nur ein Blatt.
Mehr nicht.
Die Tinte war an einigen Stellen verblasst.
Sie entfaltete das Papier.
Die ersten Worte trafen sie wie ein Schlag.
Meine liebe Nora,
Nora presste eine Hand vor den Mund.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, bevor sie überhaupt verstand, warum.
Sie las weiter.
Wenn du diesen Brief irgendwann findest, bedeutet das, dass ich nicht mehr bei dir sein kann.
Nora hielt inne.
Ihre Hände zitterten.
Sie zwang sich weiterzulesen.
Aber du musst wissen, dass ich dich niemals verlassen wollte.
Eine Träne fiel auf das Papier.
Nora wischte sie sofort weg.
Dann sah sie auf die letzte Zeile.
Und dort stand:
Vergiss niemals, wer du wirklich bist.
Darunter nur ein Wort.
Mama
Nora starrte auf die Unterschrift.
Dann auf das Datum.
12. Oktober 1997.
Drei Jahre nach dem Unfall.
Sie legte den Brief langsam auf den Tisch.
Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, es müsste im ganzen Raum zu hören sein.
Dann fiel ihr Blick wieder auf den Umschlag.
Auf der Rückseite war etwas eingedrückt.
Ein kaum sichtbarer Abdruck.
Als hätte jemand dort mit einem Stift geschrieben und das Blatt darüber entfernt.
Nora nahm einen Bleistift.
Sie legte ihn quer über das Papier und rieb ganz vorsichtig darüber.
Buchstaben erschienen.
Zuerst kaum sichtbar.
Dann deutlicher.
Nora hörte auf zu atmen.
Denn dort stand:
Margot darf davon nichts erfahren.
Sie ließ den Bleistift fallen.
Und zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren fragte Nora sich, ob ihre Mutter wirklich an diesem Unfall gestorben war.

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⏰ Last updated: Aug 14 ⏰

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